LUXEMBURG
MARCO MENG

Im Gespräch mit dem Manager Michel Wurth

Der Luxemburger Anlagenbauer Paul Wurth wird durch die SMS-Gruppe übernommen. Derweil ist ArcelorMittal (AM), größter Arbeitgeber Luxemburgs, fast Tagesgespräch. Grund genug, mit Michel Wurth, Vorsitzender des Verwaltungsrats bei Paul Wurth und Mitglied der AM-Direktion, zu reden.

Die Übernahme von Paul Wurth durch die SMS-Gruppe ist im Gange. Wer war Paul Wurth, Ihr Urgroßvater?

Michel Wurth Ja, Paul Wurth war mein Urgroßvater. Der hatte in den 1920ern sein Unternehmen an Arbed verkauft. Als Fernand Wagner Vorsitzender der Generaldirektion der Arbed war, war ich sein Finanzdirektor, und als er in Pension ging, wurde ich sein Nachfolger. Als Arbed-Vertreter war ich dann auch im Verwaltungsrat von Paul Wurth. Das Closing der Übernahme der ArcelorMittal-Beteiligung durch SMS ist aber noch nicht abgeschlossen. Mit dem neuen Eigentümer wird es also so im Dezember losgehen.

Wie sind Sie aufgewachsen?

Wurth Ich bin hier in der Stadt, in Belair aufgewachsen. Die Familie meiner Mutter waren Landwirte. Mein Vater war Ingenieur. Damals, nach dem Krieg, war einer der ersten großen ausländischen Investoren, die nicht aus dem Stahlbereich kamen, Goodyear. Weil mein Vater in den USA studiert hatte, bewarb er sich dort und verbrachte nahezu sein ganzes Berufsleben bei Goodyear. Das hat mich natürlich auch etwas geprägt.

Sie hatten also damals als Kind als Berufswunsch die Richtung Ingenieur?

Wurth Nein, ich bin auch kein Ingenieur geworden. Mein Vater wollte, dass ich einen technischen Beruf ergreife, ich bin aber dann schon früh auf die Sektion D übergewechselt, weil mich Wirtschaft sehr stark interessierte. Wenn es keinen Stahl gäbe, wäre ich vielleicht Ökonom geworden oder Wirtschaftsanalyst. Meine Eltern hatten mir angetragen, Jura zu studieren; parallel dazu habe ich Politologie studiert. Nachdem ich dann beides abgeschlossen hatte, habe ich aber dann am Ende doch noch Volkswirtschaft studiert, und zwar auf der London School of Economics.

Sie waren jetzt wieder in London.

Wurth Als Mitglied der ArcelorMittal Generaldirektion bin ich fast jede Woche in London. Wir reden momentan viel über die Situation der Weltwirtschaft. Die Frage, die uns bei ArcelorMittal derzeit sehr beschäftigt, ist die, wie wir uns als Konzern der anpassen können. Wenn man weniger produzieren kann, hat man weniger Tonnage, auf die man die Fixkosten abwälzen kann.

Die Gewerkschaften sprachen kürzlich über Alternativen zu den Plänen von ArcelorMittal, konkret: das Werk Schifflingen beispielsweise sei sehr wohl überlebensfähig.

Wurth Ihre Vorschläge haben die Gewerkschaften uns nie konkret erklärt. Der Wirtschaftsminister beauftragte deshalb eine Beratergesellschaft. Wir haben dann deren Studie mit dem Wirtschaftsminister und den Gewerkschaften in der Tripartite diskutiert. Die Studie sagt, wenn man es fertigbrächte, in den stillgelegten Werken mit billigeren Herstellungskosten zu arbeiten, auf der anderen Seite aber noch voll von den Dienstleistungen des Konzerns zu profitieren, könnten diese Werke vielleicht weiter leben, aber wegen den Überkapazitäten auf Kosten anderer Standorte . Schifflingen und Rodange haben von 2009 bis 2011 jährlich 30 Millionen Euro Verlust gemacht. Auch die Rahmenbedingungen - Luxemburg ist ein teurer Standort - sorgen dafür, dass diese Werke international nicht wettbewerbsfähig sind. Man muss die Sachen so sehen wie sie sind. Man muss in Luxemburg in die Stärken investieren, die wir hier haben, statt mit Geld die Schwächen zu verstecken, bis man langsam verblutet.

Thyssen-Krupp ist dabei, weitgehend aus dem Stahlgeschäft auszusteigen. Schwebt das auch ArcelorMittal vor?

Wurth Nein, absolut nicht. Stahl wird weiter weltweit gebraucht. Angesichts geringer Nachfrage ist die Logik heute, dass Kapazitäten abgebaut werden, indem man sich auf die profitablen und die wettbewerbsfähigsten Standorte konzentriert. Besonders an teuren Standorten muss man Stahlprodukte im oberen Segment herstellen, Spezialitäten, für die man hohe Technologie braucht, Belval und Differdingen liegen in diesem Bereich.

Kürzlich senkte die Ratingagentur Moody’s die Aussicht für ArcelorMittal. Der Konzern hat enorme Schulden.

Wurth Moody's hat uns herabgestuft wegen des makroökonomischen Umfelds, das sich auf die Stahlwirtschaft auswirkt. Nicht, weil sich das Unternehmen per se verschlechtert hätte. Was die Schulden angeht, haben wir diese seit Ausbruch der Krise von 32 Milliarden auf etwa 22 Milliarden abgebaut. In einer Situation, wo die Resultate nicht da sind, müssen wir weiter die Schuldenbremse treten, Sparmaßnahmen in Betracht ziehen und umsetzen.Apropos Schulden, der Abbau des Luxemburger Defizits ist ja ebenfalls ein kontroverses Thema.

Wurth Ich kann es gut als Präsident von UEL und Handelskammer sagen: auf die Probleme bei den Staatsfinanzen haben wir seit Jahren hingewiesen. Wir haben immer kritisiert, dass zuviel Geld verteilt wurde, statt zuerst Geld einzunehmen und in guten Zeiten Reserven zu bilden. Nur die Steuern zu erhöhen und nicht die Ausgaben zu verringern, ist nicht die richtige Politik. Einer der größten Kostenfaktoren ist die Arbeitslosigkeit: da sagen wir, man soll eher versuchen, die Arbeit billiger zu machen als Arbeitslosigkeit zu finanzieren. Wenn man in Luxemburg den Mindestlohn erhöht, und wenn der mit dem Indexmechanismus schneller wächst als in den Nachbarländern, heißt das, die Arbeitslosigkeit steigt, weil unsere Unternehmen weniger wettbewerbsfähig sind. Festgesetzt wurde er ja eigentlich, um Geringqualifizierten einen ordentlichen Lohn zu gewährleisten. Die Höhe sorgt aber jetzt dafür, dass aus der Großregion Arbeitnehmer angezogen werden und hier auf dem Arbeitsmarkt die Unqualifizierten verdrängen. Das Problem ist dabei, dass die Schwächsten der Gesellschaft zur Seite geschoben werden, in die Arbeitslosigkeit. Man müsste also dem Mindestlohnempfänger staatlich, zum Beispiel über Sozialtransfers, helfen, damit er ein besseres Leben führen kann, statt mit der Gießkanne Geld zu verteilen.

Wäre da aber nicht das bessere Mittel, mehr für die Qualifikation dieser Menschen zu tun?

Wurth Ganz sicher, das wäre strukturell gesehen die beste Richtung. Wir brauchen einen nationalen Plan, wie man die Menschen besser ausbilden kann. Luxemburg braucht Reformen in der Schul- und Ausbildungspolitik, um voran zu kommen.

Sie haben viele Aufgaben: ArcelorMittal, Paul Wurth, Handelskammer, Unternehmervereinigung. Wie sieht ihr Arbeitstag aus?

Wurth Lange. Man muss bei all den Aufgaben natürlich auch sehen, dass man immer in einem Team ist. Nur so geht das überhaupt. Ich bin eher ein Dirigent, und als solcher soll man nicht versuchen, auf allen Instrumenten selbst spielen zu wollen.

Was machen Sie als Ausgleich?

Wurth Ich versuche, um fit zu bleiben, am Wochenende zu joggen, und bin auch immer schon ein leidenschaftlicher Skifahrer gewesen. Ich bin übrigens auch Vizepräsident des Luxemburger Roten Kreuzes. Wenn man in der Wirtschaft eine Verantwortung hat, spielt man eine Rolle. Aber im Leben muss man eine Synthese finden: für was man steht, was man macht. Darum ist auch die Familie für mich sehr wichtig. Daneben begeistere ich mich für moderne Kunst. Wenn ich dann mal irgendwo in einer großen Stadt bin und unsere Kinder, die in großen Städten leben, besuche, schaue ich mir dort auch gerne die Museen an.

Eine ihrer Töchter ist auch künstlerisch tätig und drehte einen Film...

Wurth Ja, aber es ist nicht ganz richtig: es ist ein Film über ein Entwicklungsprojekt und Integration.

Welchen Film haben sie zuletzt gesehen?

Wurth Den neuen James Bond. Der ist ganz amüsant. Ich mag lieber leichte Filme, Filme zum Entspannen. Zu viel Tragik gefällt mir nicht.