Manchmal sind die lustigsten und schlagfertigsten Leute unwählbar. Was hierzulande für einen gewissen Gruppenanführer einer luxopopulistischen Partei gilt, gilt jenseits der Mosel zunächst einmal für Gregor Gysi. Der Berliner kann Politik von vorgestern, inspiriert von einem alten Trierer, so herzerfrischend und pointiert präsentieren, dass man den träumerischen Charakter seiner pazifistischen und postkommunistischen Thesen mal glatt für dreißig Sekunden verdrängen kann. Der Mann ist ebenso erfrischend wie Jürgen Trittin oberlehrerhaft. Kein Wunder, sind die Grünen (hüben wie drüben) doch die Partei der echten und der selbst ernannten Oberlehrer.

So weit ist es mit dem deutschen Schlafwagenwahlkampf schon gekommen, dass man sich als ideologischer Liberaler an den geistigen Klimmzügen eines Linksaußen-Sozialisten erfreut. Rainer Brüderle ist als Person ganz witzig und denkt auch ansatzweise in die richtige Richtung, aber… Dumm nur, dass seine Partei in den letzten vier Jahren im Großen und Ganzen nur Ramsch abgeliefert hat. Die wenigen Ausnahmen kamen aus dem Haus von Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger, sie hat als einzige neben der Reihe von unerträglichen Westerwelle-Klonen, egal ob sie Rösler, Bahr oder Lindner heißen, eine Vorstellung davon, dass Liberalismus nicht Klientelwirtschaft für Hoteliers und Apotheker ist, sondern die Freiheit des Einzelnen in den Mittelpunkt stellt. Das Bekanntwerden der NSA-Praktiken hätte eigentlich eine Sternstunde des klassischen Liberalismus, des Bürgerrechtsliberalismus, sein müssen. Was kam von FDP-Seite? Nix bis gar nix. Nur das liberale Gewissen Schnarri bezog Position. Unerträglich.

In Deutschland hatten jetzt alle etablierten Parteien ihren großen Fernseh-Auftritt. Alle? Irgendwo am Tegernsee rumpelt es jetzt in der Familiengruft, weil der selige FJS rotiert, das wäre ihm nicht passiert, dass die einzig wahre Beschützerin des Abendlandes, die bayerische CSU, keinen Platz im Fernsehen gefunden hat. Nicht genug der Schande. Außerdem hat die Kanzlerin dem armen Horst Seehofer noch den Stinkefinger gezeigt - keine Autobahn-Maut. Was den politischen Autisten in der Münchner Staatskanzlei aber nicht weiter beeindruckt. Bayern ist eben anders - ganz anders.

Seit Sonntagabend wissen wir aber auch, was Mutti von ihrer FDP-Boygroup hält, nämlich nichts. Ihr Bekenntnis zur schwarz-gelben Koalition kam ihr zwar über die Lippen, aber die Körpersprache sagte etwas anderes. Sie erinnerte eher an den aufgezwungenen Genuss von Lebertran. Ihr Umgang mit dem angeblich so bösen Sozi Steinbrück war dagegen geradezu zugewandt, schon fast herzlich. Da weiß man, wo die inneren Sehnsüchte hinzielen.

Spricht man CDU-Insider hinter den Kulissen an, so erfährt man ganz schnell, dass die Bekenntnisse zu den Erfolgen der ruhmreichen schwarz-gelben Regierung nur leeres Wortgeklingel sind. Zitat eines CDU-Manns vom Arbeitnehmerflügel der Partei: „Egal ob schwarz-rot oder schwarz-grün, Hauptsache kein schwarz-gelb mehr!“