PATRICK WELTER

Heute Nachmittag gehen die friedlichen Moselaner auf die Barrikaden. Gut, es wird an Barrikaden mangeln, aber dass die Bürgermeister von Grevenmacher, Mertert und des deutschen Temmels zu einem gemeinsamen Protestmarsch ihrer Bürger aufrufen, ist ein radikales Signal. Allzu groß ist die Nonchalance, mit der die Politik jeder Couleur über die Ängste der Anrainer des Merterter Hafens hinweg geht. Die Hoffnung, den massiven Ausbau der Tanklagerkapazität an der Mosel geräuschlos durchsetzen zu können, ist gescheitert. Wer jetzt den guten alten Vorwurf der NIMBY- Mentalität vorschnell in die Runde wirft, dem sei gesagt, dass es weder eine Stromleitung noch eine Umgehungsstraße mit der Brisanz dieser Standortfrage aufnehmen kann. Der Ortsbürgermeister von Temmels (D) hat in dieser Woche aus einer luxemburgischen Studie zitiert, die das Energiepotenzial eines schon bestehenden 15.000 Kubikmeter-Tanks im Merterter Hafen mit der anderthalbfachen Nennleistung von Cattenom angibt. Von diesen Tanks gibt es mehrere. Die aktuelle Kapazität in Mertert liegt bei 60.000 Kubikmetern und soll auf 150.000 Kubikmeter ausgebaut werden. Wer sich jetzt langweilt, weil er das alles schon gelesen hat, dem sei gesagt, dass Trier zwar die größeren Chance hat unter einer Rauchwolke aus Mertert zu ersticken, die Wahrscheinlichkeit einer Ostwindlage immerhin bei 30 Prozent liegt. Was mit sich bringen würde, dass nicht die Preußen, sondern die Hauptstädter 2.500 Tonnen Ruß auf’s Dach bekämen. Apropos Hauptstädter, wo sind denn die Pläne geblieben zwischen Merl und Leudelingen ein noch monströseres Tanklager zu errichten? Die Gemeinde Leudelingen hat schon ganz früh klar gestellt: Mit uns nicht. Die Stadt Luxemburg hat offenbar diplomatische Kanäle benutzt oder hofft auf eine Verschiebung bis zum Sankt Nimmerleinstag. Bascharage hat dagegen seine Seele verkauft und der Ansiedlung eines kleinen Tanklagers im Tausch gegen den Bau einer Umgehungsstraße zugestimmt. Für die Politik ist klar: Wir können nicht anders! Die EU schreibt uns die Haltung einer 90 Tage-Reserve vor. Selbst in Brüssel wird man wissen, dass es in einem Land mit einer Ausdehnung von 90 auf 60 Kilometer kaum Platz genug gibt, um eine halbe Million Kubikmeter Brennstoff gefahrlos lagern zu können. Der Standort Mertert hat den verwaltungsjuristischen Vorteil, etwa gegenüber Merl-Leudelingen, dass es sich nicht um eine Neuansiedlung, sondern „nur“ um eine Erweiterung handelt. Damit hat die Mosel den Schwarzen Peter. Offenbar hofft man so auch die Bedingungen der EU Direktive Seveso III, insbesondere die Mindestabstände, umgehen zu können. Wenn man sich da mal nicht verrechnet hat. Die deutschen Anlieger, also Ortsgemeinde, Verbandsgemeinde und Landkreis, wollen genau diese Seveso III Verordnung nutzen, um den Ausbau des Tanklager Mertert zu verhindern. Die Befürworter der Tanks sind sich sicher, dass das Risiko minimal ist. Das waren sich die Betreiber von Fukushima auch, die Folgen sind bekannt. Es muss weder kriminelles Verhalten wie in Bophal oder Seveso,, noch menschliches Versagen wie in Tschernobyl sein, die unglückliche Verkettung von Umständen reicht aus.