COLETTE MART

Im Februar sorgte Premierminister Xavier Bettel für einiges Aufsehen in der Weltöffentlichkeit, als er auf einem EU-Gipfel in der ägyptischen Stadt Scharm el- Scheich Vertreter der arabischen Liga mit seiner Homosexualität konfrontierte und gleichzeitig die Homophobie in vielen arabischen Ländern kritisierte. Aufgrund der Tatsache, dass auf Homosexualität in der arabischen Welt vielfach noch die Todesstrafe steht, war für Bettel „Schweigen keine Option“. Vorige Woche kam es dann zu einer zweiten Geste des zivilen Widerstands des Premierministers. Er boykottierte das Abschiedsessen der israelischen Botschafterin für Luxemburg und Belgien mit der Begründung, dass ein Regierungsmitglied Israels Konversionstheorien für Homosexuelle öffentlich befürworte.

Angesichts der Tatsache, dass Homophobie noch immer zu gravierenden Menschenrechtsverletzungen weltweit führt, ist die Haltung unseres Premierministers mutig und auch angebracht. Sie ist nicht ganz ohne Risiko, weil wir uns als winzig kleines Land auf der Weltkarte nicht unbedingt durch diplomatische Schnitzer isolieren sollten; aber die Gravität der Homophobie rechtfertigt Bettels Haltung und verdient Respekt. Demnach wird Luxemburg zum Botschafter der Humanisierung der Gesellschaft, und die Tatsache, dass weder Bettel noch der europäischen Diplomatie irgendetwas passierte, beweist, dass Widerstand durchaus möglich ist.

Die Opportunität dieses öffentlichen Einsatzes gegen Homophobie wird diese Woche in einem durchaus bewegenden Artikel in der „Zeit“ dokumentiert, in dem die tragische Geschichte eines jungen Gambiers erzählt wird. Der homosexuelle Junge hatte in einem Schulhof seinen Freund geküsst, war verraten worden und beide wurden in Gambia von der Polizei zwei Tage geschlagen und gefoltert. Sie flüchteten nach Senegal, wo über Jahrzehnte Toleranz gegenüber Homosexuellen geherrscht hatte. Letztere fungierten als Berater für Schönheit und Feste, und hatten einen angesehenen Platz in der Gesellschaft.

Dies änderte sich jedoch in den letzten zehn Jahren, in denen sich Homophobie in Senegal ausbreitete, was unter anderem auf die Angst vor Aids zurückzuführen ist. Allerdings spielten auch religiöse Gruppen, sowohl muslimische als auch christliche, in der Diskriminierung Homosexueller eine Rolle, und in Senegal steht Homosexualität jetzt wieder unter Strafe. Konkret bedeutet dies, dass Homosexuelle diskriminiert werden, vereinsamen und keine Lebensgrundlage haben, dass sie auf offener Straße angegriffen und geschlagen werden können, was dann auch in Ländern wie Tansania zum Beispiel immer wieder passiert und Schlagzeilen macht.

Rezente gesellschaftliche Entwicklungen dokumentieren, dass die Weltgemeinschaft sich nicht unbedingt in Richtung Humanisierung entwickelt, dass religiöse Gruppen in vielen Ländern wieder Rückständigkeit fördern, und dass demgemäß ein öffentliches Signal eines europäischen Politikers eine gute Sache ist. Die Präsenz homosexueller Politiker in Spitzenposition hier in Luxemburg dokumentiert dann auch bei uns eine Evolution zu einer liberalen und toleranten Gesellschaft. Dies ist den zwei Gambia-Regierungen durchaus hoch anzurechnen, denn homosexuelle Menschen haben auf jeden Fall immer Diskriminierung erlebt, und können sich demgemäß auch überzeugend dagegen einsetzen.