Die Würfel sind gefallen. Und wie! Der Konservative David Cameron bleibt der starke Mann in Großbritannien. Die Tories haben entgegen aller Erwartungen bei den Wahlen vom 7. Mai die absolute Mehrheit im Parlament erreicht - zum ersten Mal seit 1992.
Ed Milibands Sozialisten rutschten weiter ab, der Koalitionspartner der Konservativen, Nick Cleggs Liberale, erlebten ein nie da gewesenes Debakel.
Die rechtspopulistische UKIP legt zwar stark zu und zieht ins Unterhaus ein, erringt allerdings wegen des komplexen englischen Wahlkreissystems lediglich einen von 650 Sitzen - dabei ist sie insgesamt gesehen nun die drittstärkste Kraft im Land.
Und dann ist da noch die SNP. Die schottische Unabhängigkeitspartei gewinnt gegenüber 2010 nicht nur 50 Sitze im Unterhaus dazu: Sie stärkte im nördlichsten Teil der Insel ihre Übermacht, indem sie 56 der 59 schottischen Sitze errang. Für so manchen SNP-Exponenten mag das Topp-Resultat viel Balsam auf die Seele gegeben haben, die im vergangenen September beim gescheiterten Unabhängigkeitsreferendum - 55,3 Prozent fanden damals „better together“ besser - gelitten hatte. Der Erfolg der auch weiterhin für die schottische Unabhängigkeit eintretenden SNP dürfte für Cameron zu einer der größten politischen Herausforderung werden.
Will er, wie er gestern unterstrich, Großbritannien zusammen halten, wird er im Laufe seines zweiten Mandats einige Konzessionen machen müssen. Solche wird er vor allem aber auch in seiner eigenen Partei machen müssen, die bekanntlich längst nicht wie ein Mann hinter ihm steht. So waren es zum Teil die Erfolge der UKIP, die mit haarsträubenden Geschichten die EU verantwortlich machte für Massen-Immigration und Arbeitslosigkeit, zum Teil die EU-Skeptiker in der eigenen Partei, die Druck auf Cameron machten, das Verhältnis UK/EU neu zu verhandeln. Heraus kam das Versprechen eines Referendums über den Verbleib des Landes in der Union. Ein Referendum, das Cameron für 2017 versprochen hat, das er, wie er noch rezent meinte, allerdings vorziehen wollte, wenn er die Wahlen gewinnt. Er kann es sich eigentlich nicht leisten, die heimische Wirtschaft noch länger über ein „Brexit“ im Unklaren zu lassen.
„It was the EU wot won it - and now Cameron owes us a referendum“ - „Die EU-Frage hat die Wahlen entschieden, und nun ist Cameron uns ein Referendum schuldig“, titelte gestern der europaskeptische „Telegraph“. Fakt ist, dass in Zeiten einer knappen Tory-Mehrheit die Europaskeptiker in der Partei nun noch mehr Einfluss auf die Regierung auszuüben vermögen. Es würde nicht verwundern, wenn der ohnehin schon angespannte Ton zwischen London und Brüssel in nächster Zukunft noch rauer werden wird, weil Cameron die Verhandlungen mit der EU wird schnellstmöglich anspornen und mit Erfolgen nach Hause kommen wollen. Streit ist vorprogrammiert und möglicherweise werden im Zuge der Briten auch andere EU-Mitglieder ihre Forderungen zu stellen beginnen, die auch vor den Fundamenten der Union nicht Halt machen werden. Der EU steht eine Zerreißprobe bevor. Großbritannien auch, wenn es denn zum „Brexit“ kommt. Denn die Schotten wollen in der Union bleiben. Die von Cameron beschworene „Einheit“ wäre hinüber.


