BISSEN
CORDELIA CHATON

Beim Neujahrstermin ging ArcelorMittal auf die Lage ein - Luxemburg steht gut da

ArcelorMittal nutzt den Neujahrsempfang seit mehreren Jahren für drei Dinge: Der weltgrößte Stahlkonzern mit Sitz in Luxemburg spricht über den globalen Stahlmarkt, bevor der Landesmanager auf Luxemburg und seine Werke eingeht und anschließend ein Besuch in einem dieser Werke durchgeführt wird. Gestern war das Drahtwerk in Bissen Gastgeber des Empfangs, das vielen älteren Luxemburgern noch als Nagelfabrik in Erinnerung ist.

Michel Wurth kann mit den Zahlen zufrieden sein. Der Mann, der selbst lang für die Arbed gearbeitet hat, bevor er ArcelorMittal Luxemburg leitete, sitzt sowohl im Aufsichtsrat des Stahlkonzerns, als auch in dem der Luxemburger Landesgesellschaft, den er präsidiert. Wurth kennt den Markt. Er könnte zufrieden sein.

Denn im dritten Quartal 2018 hat der Umsatz gegenüber dem Vorjahresquartal um 13,7 Prozent auf 58 Milliarden Euro zugelegt und das Ebitda, dem Gewinn vor Steuern, Abschreibungen und Zinsen, stieg im gleichen Zeitraum um 32,7 Prozent auf 8,3 Milliarden Euro. Die Schulden nahmen seit der Finanzkrise 2008 um 68 Prozent auf 10,5 Milliarden Euro ab. Weitere Zahlen gibt es am 7. Februar, wenn die Landeszahlen vorgestellt werden. Der Weltmarkt wächst, wenn auch langsamer. „Die Rohstahlproduktion nahm seit den 70er Jahren um das achtfache zu“, insistierte Wurth. Vor allem in Asien sei sie stark gestiegen. „Zwei Drittel der Stahlproduktion weltweit kommen aus China.“

ArcelorMittal selbst sei zwar führend in Europa und stark auf den Märkten Nordamerika, Südamerika und Afrika, verfüge über eine starke Stellung in Kasachstan und der Ukraine und wolle in Asien wachsen. Aber das sei schwierig. „Die Herausforderung liegt im freien Handel versus fairem Welthandel“, sagte der Stahlmarktkenner und erklärte, dass China mit Überkapazitäten fahre und zu Dumpingpreisen verkaufe, um die Ware in den Markt zu drücken. Seit die USA von jetzt auf gleich Zölle erhoben hätten, würden die Chinesen ihren Stahl nach Europa verkaufen, wo eine EU brav nach den Regeln des Welthandels spiele. Europäische Unternehmen hätten Umweltauflagen und CO2-Zertifikate akzeptiert, die durch Klimaabkommen teuerer und schwieriger erhältlich geworden sein. Nun stünden sie unter Druck der billigen China-Importeure, die sich an keinerlei Auflagen hielten. „Da fehlt das Level Playing Field“, mahnte Wurth gleiche Bedingungen für alle an. Er verwies auf vier neue Verfahren, mit denen der Konzern den CO2-Ausstoß senken will.

Landesmanager Roland Bastian ging auf die Situation in Luxemburg ein. Mit 4.061 Mitarbeitern gehört der Konzern zu den größten Arbeitgebern Luxemburgs.

In Luxemburg musste ArcelorMittal sich 2018 wider Willen von seinem Werk in Düdelingen trennen, weil die EU-Kommission für den Kauf von Ilva in Italien den Verkauf von sechs Werken zur Auflage gemacht hatte. Eines davon ist Düdelingen. In Differdingen wurden 40 Millionen Euro investiert, das Werk soll produktiver werden. In Rodange wurde das Portfolio ausgeweitet. Es liefert auch die Schienen für den Tram-Ausbau ab dem Sternenplatz. Im Drahtwerk Bissen sollen in diesem Jahr 40 neue Mitarbeiter eingestellt werden, davon 20 im Februar. Es wurde in den Langstahlbereich eingegliedert, um Synergien zu nutzen. Schifflingen befindet sich in der Rekonversion. In Belval läuft das Projekt Sudcal, bei dem Hochofenabwärme für die Beheizung des neuen Stadtviertels genutzt werden soll. Auch Digitalisierung und Automatisierung stehen an. Großen Wert wird auf eine Kampagne zur Arbeitssicherheit gelegt, nachdem 2018 ein Mitarbeiter tödlich verunglückte - der erste tödliche Unfall im Konzern seit drei Jahren. ArcelorMittal setzt schon lange auf Arbeitssicherheit und ist auf einem Level, bei dem drei Unfälle ohne Krankschreibung auf tausend Mitarbeiter gezählt wurden. Der Bau des neuen Sitzes, dessen Silhouette auf Wunsch von Stadtbürgermeisterin Lydie Polfer abgeändert wurde, nimmt Formen an. Bis Mitte des Jahres soll der Bauplan stehen, 2021 das Gebäude. „Insgesamt ist die Situation in Luxemburg stabil, 2019 wird ein Jahr des Übergangs“, kommentierte Bastian.

Bissen: Zäune, Drähte und Stahlfasern

Das Drahtziehwerk Bissen floriert und beliefert Industrie und Landwirtschaft mit Draht, die Betonhersteller mit Drahtstückchen, die beigemischt werden, und die Landwirtschaft sowie Baumärkte mit Zäunen und Draht. „Alle Winzer in Luxemburg verwenden unseren Draht“, erklärt Werksdirektor Jean-François Haumonté nicht ohne Stolz. Für den französischen Baumarkt „Leroy Merlin“ sei eigens ein PVC-freier Zaun entwickelt worden, ebenso für die französische Bahn SNCF. Auch Öl- und Gashersteller würden beliefert, ebenso Tunnelbauer.

Das Werk erstreckt sich über ein 50 Hektar großes Gelände, von dem zwölf Hektar bebaut sind. Es blickt auf mehr als 100 Jahre Geschichte zurück. „Aber Nägel werden seit 2004 hier nicht mehr gefertigt“, sagt Haumonté. Er hat rund tausend Geschäftskunden und setzt 150 Millionen Euro mit drei Fertigungslinien und etwa 390 Mitarbeitern um.