DÜSSELDORF/LUXEMBURG
ERICH REIMANN (DPA)/CORDELIA CHATON

Ab heute soll der russische Finanzinvestor SCP aus Luxemburg die Kontrolle bei der deutschen SB-Warenhauskette übernehmen - Dahinter steht der Milliardär Wladimir Jewtuschenkow

Die Krise bei Galeria Karstadt Kaufhof sorgt gerade für Schlagzeilen - um die angeschlagene SB-Warenhauskette real dagegen ist es zuletzt still geworden. Doch für die rund 34.000 Mitarbeiter rückt die Stunde der Wahrheit näher. Ab heute soll die bisher noch zum Metro-Konzern gehörende Kette in den Besitz des russischen Finanzinvestors SCP übergehen. Es ist eine entscheidende Etappe auf dem Weg zur Zerschlagung des Unternehmens.

SCP ist nicht nur ein Fonds mit einer Adresse in der Rue Monterey in Luxemburg, sondern auch ein Konzern mit sehr engen Verbindungen zu Russland. Das Kürzel SCP leitet sich ab von „Sistema Capital Partners“. Verwaltungsratschef der SCP ist Felix Jewtuschenkow, Sohn des Luxemburger Ehrenkonsuls in Jekaterinburg und Gründers des russischen Konzerns Sistema, Wladimir Jewtuschenkow. Sistema, einer der 20 größten Konzerne Russlands mit Aktivitäten im Bereich Telekommunikation, Erdöl, Agrar oder Logistik wiederum ist jener Konzern, bei dem nicht nur Ex-Wirtschaftsminister Jeannot Krecké (LSAP) im Verwaltungsrat sitzt, sondern bald auch sein Nachfolger, Etienne Schneider (LSAP), der seit dem 4. Februar sein Amt als Wirtschaftsminister in Luxemburg aufgegeben hat. Zumindest wurde im Mai bekannt, dass er auf einer Shortlist von zwölf Kandidaten steht, über die Ende dieser Woche entschieden werden soll.

Jewtuschenkow, im Französischen auch Yevtushenkov geschrieben, ist Milliardär und einer der wenigen Oligarchen Russlands. Die in Luxemburg ansässige East-West-United Bank gehört ebenfalls zu Sistema. Der 1948 geborene Jewtuschenkow gehört zu den reichsten Russen mit einem geschätzten Vermögen von 2,3 Milliarden Dollar. Neben Sohn Felix sind auch seine Tochter Tatjana sowie seine Frau Natalja in die Strukturen des Konzerns eingebunden.

Kritiker fürchten, dass es dem Russen nur um die Immobilien geht. „Zur Neupositionierung der Immobilienobjekte wird die SCP Group eine Partnerschaft mit der x+bricks Group eingehen, einem deutschen Investor, der sich auf nahrungsmittelverankerte Immobilien konzentriert“, hatte SCP seinerzeit kommuniziert. die angesprochene Gruppe hat SCP selbst gegründet - zum Aufkauf und anschließenden Vermietung von Geschäftsimmobilien. Trotz wiederholter Anfragen des „Journal“ war bislang niemand von SCP bereit zu einem Interview.

Existenzgefährdung für tausende Menschen

In Deutschland geht derweil die Angst um. Die Gewerkschaft Verdi sieht in der Übernahme denn auch eine „Existenzgefährdung für tausende Menschen“, wie Verdi-Bundesvorstandsmitglied Stefanie Nutzenberger der Deutschen Presse-Agentur sagte. „Mit dem Real-Verkauf werden die 34.000 Beschäftigten zum Spielball der Finanz- und Immobilieninvestoren SCP“, warnte die Gewerkschafterin. SCP betonte zwar erst kürzlich, alle rund 34.000 Mitarbeiter würden mit ihren bestehenden Verträgen zu den bestehenden Konditionen übernommen. Der Finanzinvestor macht allerdings kein Hehl daraus, dass er die Zerschlagung der seit Jahren kriselnden Handelskette plant.

SCP hat bereits angekündigt, 141 der zuletzt noch rund 270 Real-Märkte an Kaufland und Edeka verkaufen zu wollen - 88 an Kaufland, 53 an Edeka. Die Mitarbeiter sollen übernommen werden, wie SCP betonte. Der Vorsitzende des Verwaltungsrats von SCP Retail Investments, Patrick Kaudewitz, betonte: „Wir werden so für fast die Hälfte der Real-Märkte und deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Klarheit und Planbarkeit schaffen können.“ Die ersten Märkte sollen ab dem vierten Quartal an die neuen Besitzer übergeben werden. Der gesamte Prozess werde sich über einen Zeitraum von rund 18 Monaten erstrecken.

Auch der zuletzt kräftig gewachsene Online-Marktplatz real.de soll eine neue Heimat unter dem Dach der Schwarz-Gruppe - dem Mutterkonzern von Lidl und Kaufland - finden und unter dem Namen Kaufland weitergeführt werden. Die Schwarz-Gruppe, die mit ihren Sparten Lidl und Kaufland weltweit mehr als 12.000 Filialen betreibt und einen Umsatz von mehr als 100 Milliarden Euro erreicht, ist bislang im E-Commerce nur wenig präsent. Dabei hatte der Online-Handel mit Lebensmitteln in der Corona-Krise einen Boom erlebt. Der Konzern will dies Lücke nun offenbar schließen. „Real.de ist ein wesentlicher Baustein unseres künftigen Angebots. Die Kombination aus stationärem Geschäft und Online-Handel wird uns zusätzliche Möglichkeiten eröffnen“, sagte Rolf Schumann, Vorstand Digitalisierung der Schwarz-Gruppe.

Was die restlichen mehr als 100 Real-Filialen angeht, so ist ihr Schicksal noch offen. Als mögliche Kaufinteressenten gelten unter anderem Rewe und Globus. Auch eine Aufteilung einzelner Märkte in kleinere Flächen zur besseren Verwertung schloss der Finanzinvestor nicht aus. Rund 30 Märkte müssten allerdings voraussichtlich mangels Perspektiven geschlossen werden, hieß es bereits bei der Unterzeichnung des Kaufvertrages im Frühjahr.

Real war zuletzt das Sorgenkind bei dem Düsseldorfer Handelsriesen Metro und hatte dort im Geschäftsjahr 2018/19 für tiefrote Zahlen gesorgt. Die meist auf der grünen Wiese gelegenen Hypermärkte litten seit Jahren unter den veränderten Einkaufsgewohnheiten in Deutschland. Immer öfter ließen die Kunden die real-Filialen links liegen und kauften lieber in Supermärkten und bei Discountern in ihren Wohnvierteln.

Die Corona-Krise bescherte der vor der Zerschlagung stehenden SB-Warenhauskette allerdings noch einmal ein spätes Comeback. Im März und April stiegen Umsätze und Ergebnis deutlich. Real habe sich in der Krise als sehr attraktives Format erwiesen. Nicht zuletzt das umfangreiche Nicht-Lebensmittel-Angebot von der Bekleidung bis zum Fernseher habe Kunden in die real-Filialen gelockt, sagte Metro-Chef Olaf Koch. Eine nachhaltige Perspektive sah der Manager für real aber dennoch nicht.