LUXEMBURGCHANTAL SÉVERY

Ein Praktikum in Thailand öffnet einer Psychologie-Studentin die Augen für Wesentliches

Chantal Sévery ist als Diplomatenkind schon in vielen Ländern gewesen, auch in Luxemburg. Die junge Psychologie-Studentin spricht mehrere Sprachen, hat die Welt bereist und kennt die Gespräche über Luxus und Marken von Gleichaltrigen. Ganz neu waren die Erfahrungen, die sie während eines Praktikums im thailändischen Dschungel machte. Dort unterrichtete sie Kinder in Englisch, die die Sprache nie zuvor gehört hatten. Dem „Journal“ erzählt sie ihre Eindrücke.

„Da stand ich also, im tiefsten Urwald Thailands, umgeben von strahlenden und glücklichen Gesichtern. Mein freiwilliges Praktikum führte mich mitten in den Dschungel, wo ich thailändischen Kindern Englisch beibringen sollte. Als ich im November mein Freiwilligenjahr in der Yaowawit Schule begann, wurde ich dem Kindergarten zugeteilt.

Ehrlich gesagt, konnte ich mir nicht vorstellen, wie ich mich mit den Kindern verständigen könnte: Die Kinder sprachen doch nur Thailändisch. Kinder unterrichten, die vorher nicht ein Wort Englisch gehört oder gesprochen haben? Nicht machbar, dachte ich mir damals. Doch da hatte ich mich gewaltig getäuscht. Inzwischen, nach vier Monaten, können alle meine drei- bis sechsjährigen Schülerinnen und Schüler sich einigermaßen in Englisch ausdrücken und ich habe viele wichtige thailändische Sätze gelernt.

Mein Tagesablauf ist klar strukturiert: Um 9.00 morgens beginnt der Unterricht, um 12.30 essen wir gemeinsam mit den Kindern zu Mittag. Am Nachmittag begleiten wir - das heißt die Gruppe der Volontäre - die Hausaufgaben der älteren Jugendlichen und organisieren Sportunterricht und Spiele. Die Arbeitswoche hat sechs Tage, der Sonntag ist frei und wir fahren gemeinsam zum Strand bei Khao Lak, der dreißig Kilometer entfernt liegt. Märkte, Strände und sogar Nationalparks: Hier gibt es im Umland viel zu erkunden.

Mild gewürztes Essen für Ausländer

Das Leben an der Schule ist einfach, Klimaanlagen finden sich in nur wenigen Räumen, wir leben in Einzelzimmern zu zweit in kleinen Häusern und teilen uns das Badezimmer, ein offenes Wohnzimmer und einen Kühlschrank. Das Essen in der Kantine und einem nahe gelegenen Dorf ist ausschließlich thailändisch, allerdings auf Wunsch nur mild gewürzt. Gelegentlich fällt zwar der Strom aus, aber nur selten und in diesen Momenten funktionieren Handy und Telefon immer.

Warum, fragen mich viele meiner Freunde über Facebook, bist Du an diesem entlegenen Ort? Nun, es ist ganz einfach. Nach all den Schuljahren - davon die ganze Mittelstufe an der Europäischen Schule in Luxemburg - und einem ersten Studienjahr Psychologie hatte ich Lust, das Leben ganz praktisch und aus ganz verschiedenen Perspektiven kennenzulernen.

Neue Kultur kennenlernen

Mir ist oft aufgefallen, dass viele junge Menschen nicht die Erfahrung sammeln, außerhalb von Europa zu reisen und eine ganz andere Kultur kennenzulernen. Die Yaowawit Schule bietet die perfekte Gelegenheit, jungen Menschen soziales Engagement und eine ganz neue Kultur nahe zu legen. Ob als Urlaubssemester während der Uni oder direkt nach Schulabschluss, eine Gelegenheit wie diese bietet sich nicht oft im Leben.

Die Schule hat mir die Augen geöffnet, dafür, was im Leben wichtig ist und was ich unbedingt erreichen möchte. Nicht nur hat mich die thailändische Kultur inspiriert, sie ist auch ein Teil von mir geworden.

Kein Zimmer, kein Spielzeug

Ich habe immer in Städten mit großen Einkaufszentren gelebt. Ein einfaches Leben im Sinne eines Lebens ohne viele Gegenstände kannte ich nicht. Die Kinder wachsen hier ganz anders auf. Sie haben kein eigenes Zimmer, sie teilen sich Spielzeug, das sie als Spenden bekommen haben. Und doch: Auf mich wirken die Kinder ausgesprochen glücklich. Schon von klein auf verbringen sie viel Zeit draußen, helfen beim Pflanzen der Schulgärten und gehen im nahe gelegenen Fluss schwimmen. Selbst die Kleinsten können so neue Fähigkeiten entdecken und ausprobieren, was es draußen zu lernen gibt. Jedes Kind kennt hier die Zeichen der Natur - die Frage, was tun, wenn Schlangen und Insekten in der Nähe sind, ist lebenswichtig.

Viele Bilder meiner Freunde

Schon jetzt, nach vier Monaten, sind die Wände in meinem Zimmer voll mit Bildern meiner kleinen Freunde. Insgesamt fünf Monate bin ich hier, auch wenn es schwer sein wird, sich von allen Kindern, die mir so ans Herz gewachsen sind, zu verabschieden. Es wird für mich eine schöne Erinnerung bleiben und ich bin sicher, dass ich die Schule auch später noch öfter besuchen werde.

Die Yaowawit Schule wurde nach der großen Flutwelle gegründet, die am zweiten Weihnachtsfeiertag 2004 an den Küsten um den Indischen Ozean zuschlug und Tausende Menschen in den Tod riss. Alleine in Thailand sind über 8.000 Menschen, Einheimische und Reisende, ums Leben gekommen. Viele Kinder verloren in der Flutwelle damals ihre Eltern.

Um diesen schwer traumatisierten Waisenkindern ein neues Zuhause und eine neue Zukunft zu bieten, wurde die private Yaowawit Schule gegründet. Dazu trugen vor allem Spenden von privaten und öffentlichen Einrichtungen bei. Die Waisenkinder von damals haben ihre Schulzeit nun fast abgeschlossen. Inzwischen nimmt die Schule Kinder aus umliegenden Dörfern aus den ärmsten Familien auf. In Yaowawit können sie sich nicht nur internationale Bildung aneignen, sondern finden auch eine liebende neue Familie, die jedes Kind mit offenen Armen empfängt.

Die Schule lebt von Spenden von Privatpersonen und Unternehmen. Obst, Gemüse und Fische werden auf der schuleigenen Farm gezüchtet. Einnahmen gibt es aus dem Verkauf schuleigener Produkte. Die Schule finanziert sich dennoch hauptsächlich über Spenden. Auch Sachspenden helfen! Sie können auch eine Patenschaft für eines der Kinder übernehmen und dieses Kind durch seine Schulzeit begleiten. Die wichtigste Erkenntnis hier ist, man braucht nicht viel zum Leben. Und: Man braucht nicht viel, um glücklich zu sein.“