LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Große Schritte im Bereich Psychiatrie - Mentale Gesundheit dennoch ewige Baustelle

Aktuell betroffen ist jeder zehnte EU-Einwohner, bei jedem fünften besteht ein mögliches Risiko: Die Rede geht von einer psychischen Erkrankung, übrigens auch hierzulande Hauptgrund für Krankschreibungen. Nicht ohne Stolz berichtete Gesundheitsminister Mars Di Bartolomeo gestern, was in den vergangenen Jahren in Sachen Psychiatrie-Reform erreicht wurde. Statt gegenseitigem Schulterklopfen gehe es nun aber darum, den derzeitigen Stand der Dinge kritisch zu bewerten und mögliche weiterführende Strategien auszuarbeiten.

„Wir haben die ‚Santé mentale‘ zu einer unserer obersten Prioritäten gemacht und es geschafft, psychisch Kranke aus der Stigmatisation zu holen. Die Tatsache, dass es sich dabei nicht nur um eine Hand voll Betroffene handelt, ist mittlerweile im kollektiven Bewusstsein angekommen. Wie bei allem anderen im Gesundheitsbereich handelt es sich aber auch hierbei um eine Baustelle, die nie beendet ist“, so der zuständige Minister.

Angebot ausgebaut, Anlaufstellen regionalisiert

In einer ersten Etappe ging es darum, das Angebot an Hilfsdiensten auszubauen, weshalb sich eine Regionalisierung der Psychiatrie aufdrängte, die bereits zu einem großen Teil umgesetzt werden konnte. Die psychiatrischen Dienste wurden in die Kliniken dezentralisiert, die außerklinischen Anlaufstellen sowie betreutes Wohnen in allen Regionen des Landes ausgebaut, wohingegen das CHNP seinen Aufgabenbereich diversifiziert hat.

Wesentlich zum bisherigen guten Gelingen der Psychiatrie-Reform beigetragen hat die vor rund einem Jahrzehnt gegründete Plattform, in der Experten der verschiedenen Dienste zusammensitzen und diskutieren. Gesundheitsminister Mars Di Bartolomeo war eigenen Aussagen zufolge übrigens bei fast allen Treffen, die etwa alle zwei Monate stattfinden, zugegen.

Kritische Bestandsaufnahme

Insgesamt 70 Anlaufstellen wurden hierzulande vom CRP-Santé begutachtet und rund 120 Akteure befragt. 2009 wurden insgesamt 171.079 Tage Krankenhausaufenthalt in Zusammenhang mit einer psychischen Erkrankung gezählt, wie Projektbeauftragte Véronique Louazel berichtete. Somit sind mentale Probleme der Hauptgrund für Einlieferungen ins Spital (23%).

In Luxemburg wird verhältnismäßig oft auf Psychopharmaka zurückgegriffen (ein Fünftel der Bevölkerung), besonders was Beruhigungsmittel und Schlafmittel anbelangt, Frauen nehmen häufiger (25%) solche Medikamente als Männer (15%). Bei den über 75-jährigen Frauen konnten 2010 sogar über 52% gezählt werden. Nicht selten werden diese Medikamente über einen längeren Zeitraum hinweg eingenommen, von den behandelnden Ärzten immer wieder verschrieben, sodass eine deutliche Abhängigkeitsgefahr besteht.

0,9 „psychiatrische“ Betten pro 1.000 Einwohner stehen hierzulande zur Verfügung, in Belgien sind es 1,8 und in Deutschland 0,4, der EU-Durchschnitt liegt bei 0,4. 18,2 Psychiater pro 100.000 Einwohner waren 2009 in Luxemburg tätig. Nicht selten sehen Betroffene keinen anderen Ausweg, als sich das Leben zu nehmen. Suizid ist Todesursache Nummer eins bei den 15- bis 34-Jährigen.

Schwachstelle: Weiterleiten der Patienten

Am Ende blieb die Feststellung, dass die behandelnden Ärzte nicht immer wissen, wo sie ihre Patienten weiterleiten sollen. Diesbezüglich bestehe demnach Nachholbedarf. Das Angebot müsse greifbarer, die Missionen der einzelnen Akteure deutlicher gemacht werden, so Véronique Louazel. Eine weitere Baustelle bleibe die Post-Betreuung, demnach die weitere Begleitung nach der eigentlichen Behandlung.

„In den vergangenen Jahren wurden viele neue Strukturen und Dienste geschaffen, nun gilt es sie besser untereinander zu vernetzen resp. aufeinander abzustimmen und das Angebot lesbarer zu gestalten“, schlussfolgerte Di Bartolomeo. Wichtig sei es aber vor allem, kleine Probleme zu erkennen und darauf zu reagieren, bevor sie zu großen würden.