PATRICK WELTER

Macht Expertentum dumm? Oder nur betriebsblind? Oder scheitern die beamteten oder privat bestallten Experten nur am Unwillen der Politik? Derb formuliert scheint deren Motto zu lauten: „Schwätz‘ ruhig, wir entscheiden uns fürs Opportune!“ Oft genug auch fürs opportune Nichtstun.

Die Antwort auf die Frage der Redaktionskollegen nach dem Thema dieses Leitartikels lautete „Milchpreis und Flüchtlingskrise“ - das Gelächter folgte prompt. Die Antwort hätte auch heißen können, französische Sozialreformen und deutsche Autobahnmaut, oder Flughafen Berlin BER und griechische Schuldenkrise. In fast allen Fällen wissen die armen Experten die richtige Antwort - Ausnahme BER - und die Politik will sie nicht hören. Ein Mann wie der deutsche Verkehrsminister gibt blanken Unsinn vor und erwartet, dass er punktgenau umgesetzt wird. Zum Glück geht es bei diesen Fragestellungen meistens nicht um Leben und Tod oder den Fortbestand der Existenz. Zynischerweise sind sich die angeblich so weit auseinanderliegenden Themen Milch und Flüchtlinge in dieser Frage ganz ähnlich. Bei genauerem Hinsehen berühren sie sich sogar.

In der Frage der Flüchtlinge aus Afrika gibt es mehrere mögliche Lösungswege, kurzfristige und langfristige. Die Militärs, die im westlichen Mittelmeer kreuzen und die Verzweifelten aus dem Wasser ziehen oder die Leichen zählen, wissen was zu tun ist und sagen es im kleinen Kreis auch offen: „On shore gehen“ - die Schlepperbanden an Land angreifen, bekämpfen, und ihre Logistik zerstören. Stattdessen werden die zivilen und militärischen Helfer auf dem Meer zu ungewollten Komplizen der Menschenhändler. Mit einer militärischen Intervention würden zwar Träume von Europa zerstört, aber Tausende vor dem Ertrinken bewahrt. Natürlich traut sich die etablierte Politik nicht und schwadroniert lieber von Auffanglagern...

Langfristig müssen sich die Lebensverhältnisse in Afrika bessern. Eine Binsenweisheit. Genau hier kommt die Milch ins Spiel. Da die Politik keine Antwort auf die Milchpreiskrise hat, landet die Überproduktion an Milch zuerst in Lagerhäusern und bald als billiges Milchpulver auf dem afrikanischen Markt. Die kleinteilige afrikanische Landwirtschaft ist dieser Schwemme von Milch hilflos ausgeliefert und geht früher oder später daran kaputt. Europäische Experten für Entwicklungshilfe warnen laut und deutlich, doch Brüssel steckt den Kopf in die Sahne und setzt diesen Irrsinn mit Hilfe von viel Geld fort. Die EU kauft die Milch am Markt auf, exportiert sie billig, ruiniert damit Bauern, die sie vorher aus dem Entwicklungsetat teuer aufgepäppelt hat und muss irgendwann die perspektivlose Landbevölkerung mit viel Aufwand an der Flucht nach Europa hindern oder später per Abschiebung zurückschicken - sie sind ja nur Wirtschaftsflüchtlinge. Purer politischer Zynismus.

In der legendären BBC-Fernsehserie „Yes Minister!“ ließ der beamtete Staatssekretär Sir Humphrey seinen Minister immer wieder krachend auflaufen. Jede politische Idee scheiterte am echten oder vermeintlichen Expertenwissen des Staatssekretärs.

Leider alles vorbei, die Verhältnisse haben sich drastisch umgekehrt. Nicht zum Besseren.