LUXEMBURG
PATRICK WELTER/LJ

Kein Burgentourismus ohne Burgenromantik

Wissenschaftler hören den Ausdruck Burgenromantik gar nicht gern, denn ihrer Meinung nach wird er der historischen Burgenforschung nicht gerecht. Aber wieso wurden auf einmal aus Steinbrüchen Sehnsuchtsorte und blieben es bis heute? Nicht zuletzt auch einer der Gründe, warum es Touristen nach Luxemburg zieht.
Wieder einmal waren es die Briten, die einen Trend lostraten, zunächst im eigenen Land. In den ersten Landschaftsgärten, den sogenannten „englischen Gärten“, entstanden zum Ende des 18. Jahrhunderts plötzlich nachgemachte Burgruinen, um eine Blickachse zu betonen oder eine „romantischen Ecke“ zu schaffen. Der nächste Schritt war der Wiederaufbau oder Umbau alter Burgen in England und Schottland.
Die Briten erfanden bald auch den modernen Tourismus, ganz nebenbei auch den Alpinismus. Zu ihren ersten Zielen auf dem Kontinent gehörte das Mittelrheintal mit seinen zahlreichen Burgruinen, unbeschädigt war praktisch nur die Marksburg bei Koblenz.
Ruinen deswegen, weil im gesamten linksrheinischen Raum nur sehr wenige Burgen, auch in Luxemburg, die Feldzüge des französischen Königs Ludwig XIV überstanden hatten. Es blieben fast nur rauchende Trümmer, kaum eine Burg war der Zerstörung entgangen, nur wenige Burgen wurden wiederaufgebaut. Die verrückten Briten machten den Einheimischen klar, dass ihre alten Gemäuer etwas Besonderes waren.
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren die Burgruinen in keiner Weise gesichert oder auf Besucher vorbereitet. Tragische Fußnote: Auf dem Bergfried der Burg Lahneck verhungerte und verdurstete 1851 eine junge Schottin, nachdem die Turmtreppe hinter ihr zusammenbrach. Niemand kam auf die Idee, auf der Burg nach ihr zu suchen, man glaubte, sie sei in den Rhein gefallen. Als Jahre später die Burg restauriert wird, entdeckt man ihre Überreste.
Die „Burgenromantik“ hatte auch gänzlich andere Aspekte. Waren die preußischen Prinzen und Könige Romantiker, die das Mittelalter verklärten, so sahen die Studenten jener Zeit in den Burgen Symbole der – damals nichtexistierenden – deutschen Nation. Im Geist der damaligen Zeit eine „linke“ Idee. Wartburgfest und der Marsch auf das Hambacher Schloss waren politisch-romantische Demonstrationen.
Währenddessen bauten die Preußen die Ruinen wieder auf, wie Schloss Stolzenfels durch Karl Friedrich Schinkel oder die Burg Rheinstein (um die die Hohenzollern heute noch prozessieren). Burgenromantik war im Übrigen kein britisch-preußisches Privatvergnügen.
In Frankreich baute Eugène Viollet-le-Duc für Napoleon III. auf alten Ruinen das Märchenschloss Pierrefonds nördlich von Paris. Im gleichen Geist wie später Ludwig II. sein Schloss Neuschwanstein errichten ließ, allerdings historisch korrekter. In Luxemburg war es nicht zuletzt Victor Hugo, der mit seinen Zeichnungen von Schloss Schengen und der Burgruine Vianden der Burgenromantik einen kräftigen Schub gab. Wobei der Wiederaufbau der Hofburg Vianden erst mit rund hundert Jahren Verspätung erfolgte.
Es gibt zwei schöne Beispiele für die Umsetzung der Burgenromantik in Luxemburg. Wobei Schloss Meysemburg schon nicht mehr das Mittelalter, sondern die Renaissance zitiert.
Die Idee der gebauten Romantik wurde aber in einem anderen luxemburgischen Schloss zu Ende gedacht: Schloss Berg, die Residenz der Großherzöge. Gebaut von 1906 bis 1911 mit den modernen Mitteln des frühen zwanzigsten Jahrhunderts und dem Äußeren eines Märchenschlosses. Perfekt für ein Remake von „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“

Nachhaltige Landmarken: Die Bollwerke von einst sind immer noch zentrale Orientierungspunkte - Das kann man etwa im Eischtal gut nachvollziehen

Wer hat es nicht schon erlebt? Ein Spaziergang durch den Wald und plötzlich erkennt man durch die Baumwipfel geometrische Strukturen. Beim Näherkommen entpuppen sich die Gebäude dann oft als Burgfriede oder Schlosstürme. Was vor Jahrhunderten Beobachtungsposten waren, um umgehende Gefahren für den Machtbereich zu erkennen, sind seit ebenso langer Zeit wichtige räumliche Orientierungspunkte für die Menschen. Vor der Ära von Landkarten aus Massenproduktion und GPS haben Generationen sich vorrangig an den höchsten Strukturen in der Landschaft orientiert. Neben den Kirchtürmen waren die nicht selten auf Felsvorsprüngen gelegenen Burgen mitunter die höchsten Landmarken in der Regionen.
Erfahrungen wie eingangs beschrieben kann man etwa im Eischtal besonders viele machen. Denn die Dichte an Burgen und Schlössern in dieser Gegend dürfte die höchste im Ländchen sein. Es gibt denn auch seit geraumer Zeit einen nationalen Wanderweg durch das „Tal der sieben Schlösser“, der über 37 Kilometer von Eischen bis Mersch führt. Einst gab es - die legendären Bollwerke, von denen die Sagen aus der Gegend erzählen - im Eischtal gleich sieben Burgen und Schlösser. Koerich hatte sogar zei davon, das „Fockeschlass“ - von dem heute kaum was übrig ist - und die Wasserburg „Gréiweschlass“, aus der nach jahrzehntelangem Einsatz der „Amis du Château“ im letzten Jahr ein regionaler Kulturtreffpunkt wurde. Die Burg Septfontaines dominiert das Dorf Simmern und das Eischtal von einem Hochplateau aus. Der Weg führt weiter nach Ansemburg. Auch dort gibt es zwei Schlösser, eins liegt hoch oben über dem Eischtal, das andere - ein barockes Kleinod mit wunderbaren Gärten - ganz in der Nähe des Flusses. Weiter führt der Weg nach Hollenfels, wo der imposanteste Burgfried des Eischtals zu sehen ist. Drinnen ist eine Jugendherberge und ein Jugendzentrum. Hier lohnt sich ein Abstecher zum ehemaligen Kloster im Marienthal. Einen Abstecher kann man auch nach Schoenfels machen, wo nur noch der Hauptturm des Schlosses erhalten - aber leider nicht zugänglich ist. Bleibt man auf dem nationalen Wanderweg „Tal der sieben Schlösser“, gelangt man von Hollenfels nach Mersch. In der dortigen Burganlage befindet sich übrigens heute die Merscher Gemeindeverwaltung. Hartgesottene Wanderer mögen die Tour an einem Tag packen, aber es empfiehlt sich, gibt es doch viel Auf und Ab, zwei oder gar drei Etappen einzuplanen. Wobei man aber schon suchen muss, um Unterbringungsmöglichkeiten zu finden, die ziemlich direkt an der Route liegen.

Auch im Gutland: reichlich Arbeit für den Denkmalschutz

Burgen und Schlösser sind in der Regel Denkmäler und – eine Binsenweisheit - gleichzeitig uralt. Beides zusammen bedeutet vor allem eines: Arbeit und ständige Unterhaltsarbeiten. Wer einen Eindruck haben möchte, was alles anfällt und notwendig ist, dem sei ein Blick in den Jahresbericht der Denkmalschutzbehörde (Service des sites et monuments national; SSMN) empfohlen. Je nach Besitzverhältnissen der jeweiligen Burg oder des jeweiligen Schlosses, ob staatlich, kommunal oder in privater Hand, agieren die Denkmalschützer als Projektträger, im Auftrag oder als Berater.
Laut dem Jahresbericht 2019 wurde allein an den auf dieser Seite beschriebenen Burgen folgende Arbeiten durch den SSMN ausgeführt:
Schloss Koerich:Bau einer neuen Infrastruktur mit Pavillon, gesichertem Rundgang und Bühnenüberdachung im Freien; Schaffung eines Außenbereichs vor dem Schloss
Burg Larochette: Detailplanung einer neuen Zugangstreppe zum Maison de Créhange; Planung von zusätzlichen Geländern und Handläufen vor Ort.
Schloss Schönfels, Bergfried: Beratung und Planung zur sachgerechten Nutzung; Verlegung des Parketts im Erdgeschoss und Dokumentationsarbeiten; Fertigstellung der Studie zur Sanierung der tragenden Konstruktionen und historischen Mauern.
Schloss Hollenfels: Renovierung der Jugendherberge, Planungsunterstützung.
Schloss Eisenborn: Unterstützung des Vorprojekts für die Renovierung des Hauptgebäudes und den Bau eines neuen Wohngebäudes.
Schloss Meysembourg: Fassade und Quaderwerk.
Mehr: www.tinyurl.com/Talder7Schloesser