LUXEMBURG
SVEN WOHL

„Extraction“ ist ein handwerklich solider, aber wenig überraschender Actionstreifen

Die aktuelle Kinoflaute zieht jedermann vor den heimischen Bildschirm. Davon profitieren vor allem Streaming-Dienste wie Netflix. Im beinahe wöchentlichen Rhythmus veröffentlicht das Unternehmen einen Film nach dem anderen. Während viele davon eher kleinere Produktionen darstellen, traut sich der Anbieter regelmäßig, Blockbuster zu veröffentlichen, die dementsprechend beworben werden. Dem ist auch der Fall bei „Extraction”, einem Action-Streifen mit Chris Hemsworth in der Hauptrolle.

Ovi Mahajan Jr. ist der Sohn eines indischen Drogenbarons und wird gleich zu Beginn des Films entführt. Wenig überraschend, dass hinter diesem Coup ein anderer Drogenbaron, Amir Asif, gespielt von Priyanshu Painyuli, diesmal aus Bangladesh, steckt. Wie es sich für einen zünftigen Actionstreifen gehört, werden Söldner, darunter Tyler Rake, gespielt von Chris Hemsworth, angeheuert, um die Geisel zu befreien. Und wie es sich ebenfalls für einen zünftigen Actionfilm gehört, geht dies gehörig schief.

Gekonnte Inszenierung

„Extraction” kann der Zuschauer zahlreiche Vorwürfe machen, doch an der Handwerklichkeit mangelt es hier nicht. Der Schnitt ist sauber und verschafft stets Übersicht, die Kameraführung ist dynamisch ohne verwirrend zu sein und Tempo wie auch Rhythmus der Actionszenen und Dialoge sind so gehalten, dass der Film wie im Flug vergeht. Hervorzuheben wäre eine Verfolgungsszene von über zehn Minuten, die ohne offensichtliche Schnitte auskommt und vor Kontinuität und Kreativität nur so strotzt. Der Rest des Filmes kann hiermit nicht ganz mithalten. Kenner des Genres sind geneigt, „Extraction” mit „John Wick” zu vergleichen und in dieser Hinsicht muss der Chris-Hemsworth-Streifen den Kürzeren ziehen. Es mangelt zu sehr an Tiefe und Humor. Zwar verpasst man Rake gleich zu Beginn eine Backstorywound in Form eines verstorbenen Sohnes, für den das Kind des Drogenbarones innerhalb der Handlung einsteht und somit einen Grund für die Unnachgiebigkeit des Söldners liefert, doch abseits von einer mittelmäßigen Wassermetapher wird dies nie sonderlich vertieft.

Humorlos und kaum überraschend

Das andere Problem ist, wie bereits erwähnt, der Humor, oder besser gesagt die Abwesenheit dessen. Sicher findet sich der eine oder andere Witz, doch wenn Chris Hemsworth auf der Leinwand auftaucht, erwartet man sich auch bei einem Actionstreifen einen ausgewogenen und lockeren Film. Das kommt nicht von ungefähr: Hemsworth ist ein hervorragender komödiantischer Schauspieler. Er war der heimliche Star des „Ghostbusters”-Reboots und in „Thor: Ragnarok” hat er, wie auch in den anderen Marvel-Filmen, gezeigt, dass sein Timing hervorragend ist. Dies fehlt hier leider vollkommen und Hemsworth wird seinem Potenzial nicht gerecht. Das hindert ihn nicht, allein wegen seiner Körperlichkeit als Actionheld durchzugehen, doch die Charmeoffensive bleibt leider vollkommen aus.

Wenig lässt sich vom Rest des Casts berichten. Der anfängliche Gegenspieler von Hemsworth, Saju Rav, gespielt von Randeep Hooda, macht eine gute Figur, verschwindet jedoch über lange Strecken des Filmes, bis die Handlung wieder nach ihm verlangt. Das ist schade, ist Rav eine interessante Figur mit vergleichbarem Hintergrund und ähnlicher Motivation wie Rake, jedoch mit einer komplexeren Handlung, die zu kurz kommt.

Die wenigen Plottwists verlangen den Schauspielern und dem Publikum auch nicht viel ab, da sie zu typisch gecastet sind: Wer die Rolle eines pensionierten, zwielichtigen Söldners mit David Harbour besetzt, braucht nicht darauf zu hoffen, dass irgendjemand überrascht ist, wenn dieser die Hauptfigur hintergeht.

„Extraction” ist damit ein schnörkelloser Bombast, der unterhält, jedoch innerhalb eines Tages größtenteils wieder vergessen ist. Netflix hat bereits einen Nachfolger in Produktion gegeben, was dem Ende des Streifens leider die Pointe nimmt. In der aktuellen Lage kann man jedoch wesentlich schlechtere Filme ansehen.