PATRICK VERSALL

Nachdem der Fußball sich auf dem europäischen Kontinent von seinem elitären Stempel befreit hatte, und nicht nur mehr von privilegierten Schülern aus Privatschulen praktiziert wurde, sondern von jedermann, scheint sich das Blatt seit einigen Jahren zu wenden. Der Sport büßt nicht seine Popularität ein, sondern eher seinen populären Charakter.

Dies wird mehr als deutlich, wenn man sich die bevorstehende Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien genauer anschaut. Viel weiter in die Zukunft braucht man auch nicht mehr zu blicken, um komplett den Glauben an den Weltfußballverband FIFA zu verlieren.

Dieses Mal scheint die Diskrepanz zwischen den Erwartungen des Volkes und jenen des schweizerischen Verbandsbosses größer als je zuvor zu sein. Auf der einen Seite steht die Ballnation Brasilien, die ihr allerletztes Hemd für den „Futebol“ geben würde; auf der anderen steht der nimmersatte Fußballclan aus der Schweiz, dem es gleichgültig ist, wo der Rubel fließt. Fußballbegeisterung hin, Ballverliebtheit her: Auch die Brasilianer stellen mittlerweile die gigantischen Investitionen infrage, die angeblich nötig waren, während eines Sommers den Nabel des Fußball-Universums zu sein. Und mucken, als erstes Volk überhaupt, medial wirksam gegen die Organisatoren und den internationalen Fußballverband auf.

Dabei erinnern sie mit ihren Protesten, dass es schon lange nicht mehr darum geht, das Runde in das Eckige zu befördern. Fußball funktioniert heute als Soap Opera zur allerbesten Sendezeit. Die Akteure auf der Bühne sind Spitzenverdiener, die sich nach jedem Foul vom Mannschaftsarzt wider zurecht pudern lassen; das Drehbuch schreiben die FIFA-Onkels, für ein bisschen Exotik sorgen die zahlungskräftigen Zuschauer auf den Rängen, die es sich leisten können, 1.000 Dollar für ein Hotelzimmer während der WM hinzublättern. Pro Nacht und Person, versteht sich. Mit Bolzplatzromantik haben diese Dramen wenig gemein.

Jede Sportart verliert ihre Unschuld, wenn Renditetabellen wichtiger werden als Sporttabellen. Das ist nunmal so und es wäre unsinnig, immer wieder über diese Entwicklung zu lamentieren. Wenn eine Volkssportart sich aber im Eilschritt vom Volke verabschiedet, sollten die Alarmglocken am Genfer See schrillen.

Die Proteste vor Ort in Brasilien bewegen immerhin soviel, dass die ganze Weltgemeinschaft auf die Probleme einer ganzen Gesellschaft aufmerksam gemacht wird. Diese Proteste sind aber nur ein Tropfen auf den heißen Copacabana-Sand. Denn die Protestler gehören eh nicht zur Zielgruppe, die in die Stadien gelockt werden soll.

Sollen wir jetzt keine Schokoriegel und Softdrinks mehr konsumieren, auf deren Verpackungen das WM-Logo angebracht ist? So bringen wir nur Arbeitsplätze in Gefahr. Es scheint, als wäre die Allmacht der FIFA nicht ins Wanken zu bringen. Kurzfristig lässt sich Blatter nämlich nicht von seiner Linie abdrängen. Aber, wie heißt es doch so schön: Nichts bleibt für die Ewigkeit. Auch nicht Blatter.