LUXEMBURG
CHRISTIAN BLOCK

Nationalarchiv bekommt auf Belval ein neues Gebäude

Nach einem Archivgesetz, das modernen Ansprüchen gerecht wird, jetzt also auch das Gebäude: Wenn alles fristgerecht klappt, werden die „Archives nationales“ im Jahr 2024 in ein neues Zuhause auf Belval umziehen können. Dann sollen zeitgeschichtliche Dokumente, Mikrofilme, Karten und Fotos unter idealen Bedingungen und auch sämtliche Mitarbeiter unter einem Dach vereint sein.

„Wir bekommen endlich ein neues Gebäude für die Archive“, sagte Kulturministerin Sam Tanson (déi gréng) gestern bei der Projektvorstellung. Seit fast 20 Jahren wird über einen Neubau gesprochen - und genauso lange bestehe eigentlich auch Bedarf für neue Räumlichkeiten. Denn seit Jahren werden Dokumente unter Bedingungen gelagert, „die eigentlich nicht sein dürften“. „Wir sind der Meinung, dass die Aufbewahrung von Archiven sehr wichtig ist, um unsere Geschichte zu verstehen“, führte die Grünen-Ministerin aus.

Lagerkapazität wächst von 50 auf 105 Kilometer Länge

Die Depots des Nationalarchivs, aneinandergereiht etwa 50 Kilometer, sind heute auf fünf Standorte verteilt, sodass die Bestände hin- und hertransportiert werden müssen, was auch ihrer Aufbewahrung nicht dienlich ist und auch logistische Herausforderungen mit sich bringt. In dem neuen Gebäude auf Belval, unweit des Bahnhofs Belval-Universität und in direkter Nachbarschaft zur Universität Luxemburg, werden die Kapazitäten der Archivare auf 105 Kilometer wachsen und somit ausreichend Platz für die kommenden 25 bis 30 Jahre bieten. Jährlich wachsen die Archive um einen bis anderthalb Kilometer. „Wir müssten über die Runden kommen, bis das neue Gebäude steht“, zeigte sich die Direktorin der Institution, Josée Kirps zuversichtlich. Die, wie sie berichtete, immer noch den Helm im Auto liegen hat, den sie bei ihrem Amtsantritt im Jahr 2003 für die zukünftige Baustellenbesichtung geschenkt bekam, zu der es aber, unter anderem aufgrund der Wirtschafts- und Finanzkrise um das Jahr 2009, nie kam. „Damals dachte ich, das würde in ein paar Jahren stehen“, erinnert sich Kirps.

Die Bestände werden auch dadurch wachsen, weil Verwaltungen und Ministerien binnen sieben Jahre nach Inkrafttreten des Archivgesetzes von 2018 geregelt haben werden müssen, wie sie mit all ihren Dokumenten umgehen - und demnach auch Teile davon ins Nationalarchiv wandern.

Mit dem neuen Gebäude kann das Nationalarchiv seine Depots nach internationalen Standards unter optimalen Temperatur- oder Feuchtigkeitsbedingungen lagern. Selbst im Hauptgebäude der „Archives nationales“ sind die Bedingungen mangels fehlender Klimaanlage heute nicht optimal. In Zukunft soll das Kulturerbe in 56 Kompartimenten gelagert werden. Sollte es einmal zu einem Zwischenfall wie einem Feuer kommen, können einzelne Bereiche so abgeriegelt werden. Der Zugang zu den Depots wird ebenfalls sicherer, die Mitarbeiter bekommen mehr Platz, um Dokumenteneingänge zu sortieren und zu bearbeiten und auch die Besucher können sich über Freiräume freuen. Der Hauptlesesaal ist auf 48 Plätze ausgelegt. Hinzu kommen Räumlichkeiten für individuelle oder Gruppenrecherchen sowie ein Multimediaraum für zwölf Personen. Der zusätzliche Platz ist auch notwendig, denn mit der Universität Luxemburg wächst auch die Nachfrage nach Zugang zu historischen Dokumenten. Auf die historische Forschung werde großer Wert gelegt, sagte Tanson.

Im vorgelagerten Gebäudeteil kommt auch die gesamte Verwaltung unter. Heute sind das, Tendenz steigend, 39 Personen. Platz ist für 75 Mitarbeiter.

Positivenergiegebäude

Der größte Teil, drei Viertel des Gebäudes, sind den Depots vorbehalten. Sie liegen im nur über einen gesicherten Zugang im Erdgeschoss zugänglichen hinteren Teil des Gebäudes über sieben Stockwerke verteilt. Dieser Teil des Gebäudes wird sowohl auf dem Dach wie auch entlang der Fassade vollständig mit Photovoltaikanlagen (5.700 m2) ausgestattet, die 590.000 Kilowattstunden im Jahr an Strom produzieren. Das Nationalarchiv wird so zum Positivenergiegebäude, das mehr Strom generiert, als es voraussichtlich verbrauchen wird (420.000 kWh). Zudem wird auf Geothermie zurückgegriffen sowie einen Erdwärmetauscher zur Vorheizung oder Kühlung der Luft für die Klimatisierung. Der Energieverbrauch soll auch durch eine LED-Beleuchtung und eine Lüftung der Büros nur im Falle ihrer Nutzung sinken, erklärte Luc Dhamen, Direktor des Fonds Belval. Er geht davon aus, dass die Bauarbeiten Mitte oder Ende 2021 anlaufen könnten und nach drei Jahren abgeschlossen sind. Eine Abstimmung über das mit dem Projekt verbundene Gesetz könne womöglich noch Mitte dieses Jahres erfolgen. Die Kosten werden mit rund 77,3 Millionen Euro veranschlagt. Die Brutto-Fläche beläuft sich auf 16.000m2. Im Gebäude ist ein Fahrradparkplatz geplant.

Ein Pkw-Parkplatz ist in unmittelbarer Nähe mit bis zu 200 Stellplätzen in einem Gebäude der Uni angedacht.

Lëtzebuerger Journal
NEUES NATIONALARCHIV-GEBÄUDE

Eine Baustelle im Kulturjahr

Mitte oder Ende des nächsten Jahres soll die Baustelle neues Nationalarchiv in Belval in Angriff genommen werden. Der Fonds Belval rechnet damit, dass sich die Bauarbeiten über drei Jahre ziehen werden - und damit auch ins Kulturjahr Esch 2022 fallen werden. Um die Auswirkungen auf die Aktivitäten zur Europäischen Kulturhauptstadt einzugrenzen, ist geplant, den Zugang zur Baustelle hinter die Gebläsehalle zu legen, dann über die Avenue des Hauts-Fourneaux am Parkplatz des „Maison du Savoir“ entlang in den Kreisverkehr am Eingang zu Belval münden zu lassen. Kurzum: Die Baustellenfahrzeuge sollen das Zentrum Belvals umfahren. Auswirkungen dürften dennoch nicht zu verhindern sein, wird doch das gelbe, wellenförmige Skip-Gebäude zwischen Gebläsehalle und Baustelle verlegt und sind Aktivitäten in unmittelbarer Nähe geplant.
Kulturministerin Sam Tanson (déi gréng) meinte gestern, man solle in diesem Fall „nicht Kultur gegen Kultur ausspielen“. Der Neubau des Nationalarchivs „ist für mich eine absolute Priorität“, so Tanson weiter, die sich zum Thema bereits mit der Direktorin von Esch 2022 ausgetauscht hat. Ob auch der Escher Bürgermeister im Bild ist? Der député-maire Georges Mischo (CSV) will jetzt in einer auf den 12. März datierten parlamentarischen Anfrage von der Regierung wissen, ob Esch 2022 durch die Baustelle nicht „massiv gestört“ wird und ob spezielle Sicherheitsmaßnahmen beziehungsweise ein Sichtschutz geplant sei.  CB
ZUKÜNFTIGE NUTZUNG DES NATIONALARCHIV-HAUPTGEBÄUDES

Großes Interesse seitens des Gerichts

Auch wenn die Cité judiciaire auf dem St. Esprit-Plateau so alt noch nicht ist, so herrscht in den Gebäuden dennoch Platzmangel. Vonseiten des Gerichtsstandortes besteht deshalb großes Interesse daran, das heutige Hauptgebäude des Nationalarchivs, eine ehemalige Kaserne, inklusive Parkplatz, für die Justiz zu nutzen, sagte Sam Tanson, die neben dem Kulturressort ja auch für den Bereich Justiz zuständig ist. CB
Quelle: geoportail.lu - Lëtzebuerger Journal
Quelle: geoportail.lu

Hüter der Erinnerung

Gemäß dem Gesetz vom 25. Juni 2004 bestehen die Missionen der „Archives nationales de Luxembourg“ (ANLux) darin:


• Dokumente von nationalem historischen, wissenschaftlichen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Interesse zu sammeln, zu vereinen, konservieren, klassieren, inventarisieren, studieren und zu veröffentlichen

• Betreiber von Archiven, ob öffentlich oder privat zu beraten hinsichtlich der Inventarisierung und Konservierung dieser Archive

• Begleitung und Empfehlungen zu gewährleisten was die Organisation, die Verwaltung und die Konservierung von öffentlichen Archiven anbelangt und sie ins Nationalarchiv zu überführen

• Schenkungen, Erbschaften oder Einrichtungen  von Privatarchiven entgegenzunehmen zwecks Integration oder Aufbewahrung im Nationalarchiv und zugunsten des Staates Privatarchive von historischem, wissenschaftlichem, wirtschaftlichem, gesellschaftlichem oder kulturellem Wert zu erwerben

• Den Schutz und den Erhalt der klassierten öffentlichen und privaten Archive im Sinne des  Archivgesetzes vom 17. August 2018 zu gewährleisten

• Befristete Ausstellungen, Kolloquien, Konferenzen und pädagogische Aktivitäten zu organisieren im Zusammenhang mit den Aktivitäten des Nationalarchivs und zwecks Valorisierung des nationalen Archivbestands sowie das Publikum für die Bedeutung des Erhalts dieses Patrimoniums zu sensibilisieren

• Institutionen, Verwaltungen und öffentliche Dienste für die Archivtechniken und die Konservierung von Dokumenten von historischem, wissenschaftlichem, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen oder kulturellem Interesse zu sensibilisieren

• Zur Entwicklung des Archivwesens auf nationaler und internationaler Ebene beitragen

Das Nationalarchiv in Zahlen

39
Mitarbeiter

5
Konservierungsstätten (ehemalige Kaserne am Heilig-Geist-Plateau, Ebenen -4 und -5 des Parkings „Saint Esprit“, Centre Hermes in der Industriezone Bourmicht in Bartringen, „Annexe Bourmicht“ seit Anfang 2014 und „Athénée de Luxembourg“ seit Ende 2017)

45
lineare Kilometer historischer Archive – jährlich kommen 1 bis 1,5 Kilometer hinzu

44.000
Karten und Pläne

18.500
Plakate

15.000
Fotos

25.000
Mikrofilme

45.000
Bände in der spezialisierten Bibliothek

762
Aus diesem Jahr stammt das älteste Dokument: Eine Charta aus dem Fundus der Abtei Echternach

Quelle: Nationalarchiv