LUXEMBURG
PATRICK VERSALL

Im Buchhandel: „Moi, Ingrid“ von Inès Pyziak

Wenn der Buchfan durch die hiesigen Handlungen spaziert und in der Luxemburgensia-Abteilung eine kleine Verschnaufpause einlegt, stechen ihm zweifelsohne die unzähligen Kinderbuchtitel ins Auge, die dort auf potenzielle Käufer warten. Die luxemburgischen Kinderbuchautoren sind fleißige Schreiber; böse Zungen behaupten allerdings schon seit Jahren, dass man es eher mit einem Kinderbuch in die Bestenliste schafft als mit einem Roman für Erwachsene. Zwischen dem Leseangebot für Kinder und jenem für Erwachsene klafft allerdings eine breite Lücke, die an und für sich mit Jugendromanen gefüllt werden sollte. Diese Gattung wird jedoch von den luxemburgische Autoren leicht vernachlässigt. Die luxemburgischen Publikationen, die den Stempel „Jugendroman“ verdienen und im Laufe des Jahres in den Buchhandlungen auftauchen kann man nämlich an einer Hand abzählen.

Zu den wenigen Ausnahmen gehört „Moi, Ingrid“ der jungen, erst dreizehnjährigen Schülerin Inès Pyziak, ein Werk, das bei den Editions Guy Binsfeld erschienen ist. Die junge Autorin konstruiert aus Elemente des Abenteuer- und Kriminalromans ihr knapp 90-seitiges literarisches Debüt. Im Mittelpunkt des tagebuchartig aufgebauten Werkes bewegt sich die 17-Jährige Französin Ingrid, die mit ihrer Umwelt hadert und kurz davor steht, ihre Existenz auf eine sehr radikale Art und Weise umzukrempeln, indem sie, wenigstens temporär, alle Brücken zu ihrer Vergangenheit abbricht und in einer Nacht und Nebel-Aktion an Bord eines Segelbootes nach Spanien abhaut. Ihr Freund Alexandre ist der einzige, den sie in ihre Fluchtpläne einweiht.

Vorhersehbarer Plot

Die junge Erwachsene geht an Bord im Glauben, sich während der Fahrt um die Segel zu kümmern. Schnell stellt sich aber heraus, dass der Eigentümer der Yacht keine lupenreine Weste besitzt und die junge Frau sowie seinen eigenen Neffen nur mit an Bord genommen hat, um auf hoher See ein krummes Ding zu drehen. Inès Pyziak begleitet ihre Hauptprotagonistin auf einem mehrwöchigen Selbstfindungstrip, der in einem Polizeipräsidium endet. „Je suis enfin moi-même“, entfährt es der Romanfigur, als sie am Ende ihrer abenteuerlichen Reise die Gefahr realisiert, der sie auf dem Boot ausgesetzt war. Auf hoher See erfährt der Leser anhand der Tagebucheinträge einiges über das Leben an Bord , wenig über den Gemütszustand der Protagonistin. Die Autorin verzichtet nämlich darauf, die psychologische Entwicklung ihrer Hauptfigur literarisch zu zeichnen und fokussiert sich vornehmlich auf die Beschreibung der Abenteuer, die es unter und über Deck zu bewältigen gilt. Die Beschreibung der Antagonisten bleibt nebulös, so dass der Leser nie so richtig erfährt, mit wem sich Ingrid überhaupt eingelassen hat.

Der Jugendroman von Inès Pyziak bietet alternativen Lesestoff für jene Jugendliche, die Fantasy-Abenteuern nichts abgewinnen können. Vielleser stören sich vielleicht an der Vorhersehbarkeit des Plots: Pyziak gelingt es eine gewisse Spannung bis fast zum Schluss aufrecht zu erhalten, die großen dramaturgischen Überraschungen bleiben jedoch aus.

Pyziak, Inès: „Moi, Ingrid“. Editions Guy Binsfeld 2014. www.editionsguybinsfeld.lu