Die innere Gewissheit, „dass etwas nicht stimmt“, macht sich meist bereits im Kindesalter bemerkbar. Die Pubertät ist nicht selten der Beginn einer noch schwierigeren Phase, weil sich der Körper sichtbar verändert. Die körperlichen Merkmale werden weiblicher oder eben männlicher - Veränderungen, mit denen sich transidente Menschen schwer tun. Das Gefühl, im falschen Körper zu stecken, verschwindet nicht wieder und lässt sich auch nicht verdrängen. Der Wunsch nach einer Geschlechtsangleichung wächst, oder vielmehr der Wunsch, endlich so zu leben, wie man sich schon immer gefühlt hat. Der Weg, der dann beginnt, ist nicht leicht, woran das Umfeld nicht ganz unschuldig ist.
Ist Transsexualität auch in den vergangenen Jahren etwas aus der Tabu-Ecke herausgerückt, so bleiben doch Vorurteile und fehlt es an Aufklärung. Bereits der Begriff „Transsexualität“ erweckt einen falschen Eindruck, weil er die Thematik stark einengt und die Sexualität in den Vordergrund rückt. Ins Zentrum sollte allerdings vielmehr die Identität des jeweiligen Menschen gehören. Dieser Ansicht ist auch Vincent Weyer. Offenheit ist dem 26-Jährigen wichtig. Warum, und wie er seinen bisherigen Weg erlebt hat, erklärt der Student der Bildenden Kunst im Gespräch mit dem „Journal“.
Wann haben Sie gemerkt, dass Sie im falschen Körper stecken?
Vincent Weyer Ich störe mich an der Formulierung. Mein Körper ist nicht falsch. Mein Körper ist ganz einfach mein Körper. Die Geschichte vom Gefangensein im falschen Körper ist ein Narrativ, das gerne reproduziert wird, jedoch extrem reduktionistisch ist und auf viele Menschen so auch überhaupt nicht zutrifft. Ich habe jedenfalls bereits früh gemerkt, dass es eine gewisse Diskrepanz zwischen meinem Körper und meiner Geschlechtsidentität - demnach Gender - gibt.
Wann haben Sie angefangen, sich richtig damit auseinanderzusetzen, beziehungsweise etwas daran ändern zu wollen?
Weyer Das war an sich ein ganzer Prozess. 2013 habe ich mich dann dazu entschlossen, mit der hormonellen Behandlung zu beginnen.
Glich Ihr Leben vorher einer Art Rollenspiel?
Weyer So würde ich es nicht bezeichnen, vielmehr hatte ich das Gefühl, nicht mein volles Potenzial ausleben zu können. Jetzt fühle ich mich viel wohler, was sich wiederum auf alle Aspekte meines Lebens auswirkt, ob dies nun mein Studium, die Beziehung zu meiner Familie oder auch meine Ernährung betrifft.
Wie hat Ihr Umfeld auf das Outing reagiert?
Weyer Gut! Ich muss dazu sagen, dass ich mir immer schon Mühe gegeben habe, keine Idioten in meinem Umfeld zu haben. Das hilft auf alle Fälle.
Welche Prozedur mussten Sie seither durchlaufen, und wie haben Sie diese Zeit empfunden?
Weyer Zuerst habe ich einen Psychologen aufgesucht, danach war ich dann bei einem Endokrinologen. 2015 hatte ich eine Mastektomie (Anm. der Red.: Angleichung an die männliche Brust durch operative Entfernung der weiblichen Brustdrüse). Wie ich das Ganze empfunden habe? In einem Wort: Aufregend.
Ein Psychiater oder Arzt muss trotzdem im Vorfeld in einem Gutachten feststellen, ob „es“ tatsächlich so ist. Einer fremden Person dies in gewisser Weise beweisen zu müssen, ist doch sicherlich schwer?
Weyer Dass das so ist, ist wirklich schlimm. Vor allem, da während dieser Gespräche oft bestimmte Geschlechterrollen reproduziert und auch erwartet werden. Diese angeblich geschlechtstypischen Rollen empfinde ich als sexistisch und zudem als total überlebt. Gerade diese Pathologisierung - also die vermeintliche Deutung von Verhaltensweisen - und damit gleichzeitig die strukturelle Diskriminierung macht die Leute doch erst krank. Immer noch wird es so dargestellt, als würde unser normativer Begriff von Geschlecht nur bestimmte Körper und Identitäten als akzeptabel und erforderlich für die Existenz als Person zulassen. Das entspricht aber nicht der Realität. Diese systematische Diskriminierung delegitimiert und marginalisiert Menschen, macht sie letztendlich krank und kaputt, und leider allzu oft auch tot. Das müssen wir dringend ändern, weil niemandem damit geholfen ist.
Die geschlechtsangleichende Operation war lange Zeit Voraussetzung, um vor dem Gesetz als Mann anerkannt zu werden. Ein Umstand, den auch Sie verurteilen?
Weyer Zum Glück ist es nicht mehr so. Bedingung war auch nicht die Phalloplastie (Anm. der Red: chirurgischer Eingriff, während dem ein Penis kreiert wird), sondern vielmehr eine Sterilisation, in meinem Fall eine Hysterektomie, also die operative Entfernung der Gebärmutter. Einen medizinischen Grund gibt es dafür übrigens nicht, ich kann ohne Problem mit meinem Uterus weiterleben. Vielmehr wurde diese Operation aber verlangt, um in gewisser Weise sicher zu gehen, dass man seine Meinung nicht doch noch einmal ändert. Ich finde das pervers. Fortpflanzung ist ein fundamentales Recht.
Sie gehen ganz offen mit dem Thema um, warum ist Ihnen das so wichtig?
Weyer Ich spreche gerne für mich selbst, statt dass über mich geredet wird. Ich verstehe, dass viele Leute daran interessiert sind und gebe gerne Informationen aus erster Hand wieder. Natürlich kann ich nicht für eine ganze Gemeinschaft sprechen, sondern nur für mich selbst. Ich schäme mich nicht. Ich bin gerne, wer ich bin.


