BELES/TRIER
NORA SCHLEICH

Die Luxemburgerin Anne Bourgmeyer zieht in Trier in die erste intergenerationelle WG

In der Nähe der Uni sind Wohnungen teuer, und speziell für Studenten reservierte Wohnheime platzen oft aus allen Nähten. Dann heißt es, Kreativität bei der Wohnungssuche walten zu lassen. Anne Bourgmeyer (21) aus Beles hat der typischen Studentenbude den Rücken gekehrt und zieht als erste Studentin in eine Seniorenresidenz in Trier ein. Dass sie damit auch noch gemeinnützig aktiv sein kann, freut sie besonders. Wir haben uns von der jungen Studentin, die an der Universität Trier im ersten Jahr Erziehungswissenschaften eingeschrieben ist, von der neuen Wohnform berichten lassen.

Wie kam es dazu, dass Du Dich für eine alternative Wohnform entschieden hast?

ANNE BOURGMEYER Ich stand lange auf der Warteliste der Wohnungsverteilung der Universität Trier. Das Projekt mit der Seniorenresidenz wurde einmal ganz kurz in einer Versammlung erwähnt, danach hat man aber nichts mehr davon gehört. Aus eigenem Interesse habe ich aber noch einmal bezüglich des Projektes recherchiert und an einer Info-Versammlung dazu teilgenommen. Man hat mir zwar eine Wohnung auf dem Campus angeboten, die ich dann aber nicht mehr annehmen wollte. Als Studentin der Erziehungswissenschaften interessiert mich der soziale Aspekt des Zusammenlebens mit älteren Menschen sehr. Dazu kommt, dass die Wohnungen auf dem Campus sehr, sehr klein sind, und dass mein Studium nicht sehr viele Stunden aktive Kursteilnahme voraussetzt. Da passt es dann ganz gut, dass ich mich im Seniorenheim nützlich machen kann. Ab Februar werde ich mit einem anderen Studenten dort zusammenwohnen.

Was unternimmst Du im Seniorenheim?

ANNE Das Projekt sieht vor, dass ich mich 35 Stunden in der Woche mit den Einwohnern der Residenz beschäftige. Dafür kann ich dann mietfrei dort wohnen. Die Zeit geht sehr schnell rum wenn wir reden, Kaffee trinken oder Rommee spielen. Momentan ordne ich auch die Bibliothek neu und beschäftige mich eher mit kleinen Aufgaben. Im Februar wird das Projekt erst richtig anlaufen, sodass ich da meine eigenen Ideen umsetzen kann.

Wie reagieren Deine etwas älteren Mitbewohner auf Dich?

ANNE Die Leute sind begeistert. Sie freuen sich, wenn man ihnen einfach mal zuhört, nach ihren Kindern fragt oder sich für sie interessiert. Viele von ihnen sehen ihre Kinder oder Enkel nur selten und haben wenig Gespräch.

Hast Du Dein eigenes Zimmer?

ANNE Momentan wohne ich noch in einem Hotel, bis im Februar die WG bezugsfertig ist. Diese ist dann in der Residenz selber. Das Altersheim hier hat keine kleinen Zimmerchen, sondern richtige Wohnungen. Es gibt einen Wohnraum mit zwei Zimmern, einer eigenen Küche und einem Badzimmer. Wir haben sogar noch eine Terrasse und auf jeden Fall genug Raum für uns selbst und Ruhe zum Lernen.

Gibt es irgendwelche Beschränkungen, an die Du Dich halten musst?

ANNE Nein, überhaupt keine. Ich kann zu jeder Zeit abends heimkommen und kann auch Leute einladen. Mit meinem Badge habe ich stets Zugang zum Gebäude. Die Vorteile überwiegen deutlich. Ich sehe dies als tolle Gelegenheit, um mich auf die spätere Berufswahl vorzubereiten und einiges dazuzulernen. Jeder Tag ist wie ein neuer Geschichtskurs, die Leute geben einem viel von ihrem Wissen mit. Auch im sozialen Umgang ist es sehr bereichernd. Das intergenerationelle Wohnen war früher ja ganz normal. Die Eltern haben die Großeltern einfach mitversorgt. Heutzutage kann man sich das fast nicht mehr leisten. Es wäre toll, wenn ähnliche Projekte auch in Luxemburg anlaufen würden - dort können sich viele Studenten keine Wohnung mehr leisten, weil die Preise so überhöht sind. Aber ohnehin kann es jedem viel bringen, weil man von den alten Leuten viel lernen kann und sich in der Organisation seines Alltags üben muss, was einem später nur zu Gute kommen kann. Die Einwohner sind aber auch glücklich und geben einem viel Bestätigung in dem, was man für sie tut und sei dies nur, wenn man sie zu einem Spaziergang einlädt.

Lassen sich Deine Freunde für die Idee begeistern?

ANNE Das ist sehr unterschiedlich. Meine Freunde finden das schon toll, dass ich das mache. Von sich selbst sagen sie aber, dass das nichts für sie wäre. Als ich auf der Uni Flyer verteilte, kamen auch richtig abweisende Reaktionen, so als ob es eklig wäre, mit alten Leuten zusammenzuwohnen oder als würde man ein Leben zwischen Mottenkugeln führen müssen. Ich weiß nicht, was die
Leute sich vorstellen, aber es scheinen noch viele Vorurteile und Berührungsängste zu geben. Das hat wohl auch viel mit der Erziehung zu tun. Mir wurde früh mit auf den Weg gegeben, dass Heime oder Pflegeeinrichtungen normal sind.

Wird sich das Konzept auch in Luxemburg durchsetzen lassen?

ANNE Es wäre wirklich wichtig. Ich kann diese Art des Wohnens nur weiterempfehlen. Zudem würden sich so einige große Probleme lösen lassen, und sei es nur bezüglich der Wohnungsnot. Es ist vielleicht noch nicht unbedingt direkt möglich, eine solche Initiative öffentlich zu starten. Das Haus, in dem ich in Trier leben werde, ist in privater Hand. Aber es ist keine Unmöglichkeit. Eine Testphase könnte man sicher in naher Zukunft einmal einleiten.