BISSEN
MONIQUE MATHIEU

Bei IEE lief dank Homeoffice der Betrieb trotz Corona-Krise weiter - CEO Michel Witte über die Entwicklung und die Perspektiven des Unternehmens

Auf den beiden Werksgeländen des auf internationaler Ebene tätigen Sensorentwicklers IEE (International Electronics & Engineering) ist es ruhig geworden: Die Corona-Krise hat dazu geführt, dass die Arbeit im Büro der Arbeit im Homeoffice gewichen ist, und nur noch wenige Mitarbeiter vor Ort tätig sind. Wie hat sich die Krise noch auf den luxemburgischen „Global Player“ ausgewirkt? Wir sprachen mit Michel Witte, Präsident und CEO von IEE, deren Sensoren in der Automobilindustrie, der Gebäudetechnik, im medizinischen und biomedizinischen Bereich und seit kurzem in der Sportbekleidung eingesetzt werden.

Wie viele Menschen arbeiten für IEE?

Michel Witte An unseren beiden Standorten in Luxemburg, also Bissen und Echternach, zählt IEE circa 670 Mitarbeiter, weltweit sind es über 4.000. Echternach ist der älteste Standort der Firma, die 1989 ins Leben gerufen wurde. Dort stellen wir jene Produkte her, die in Bissen entwickelt werden. In Bissen befinden sich, seit 2018, ebenfalls der Firmensitz, die Verkaufs- sowie die Forschungsabteilung. Das Gebäude in Contern haben wir inzwischen komplett verlassen, da es unseren Anforderungen nicht mehr entsprach, weder in Bezug auf die zur Verfügung stehende Fläche, noch was unsere Qualitätsansprüche anbelangt.

Wie sieht die Beschäftigungslage im Augenblick aus?

Witte Quasi alle arbeiten im Homeoffice. Dank der Disziplin unserer Mitarbeiter funktioniert dieses Modell prächtig; es ist sehr effizient. Die langen Anfahrtszeiten wegen der Staus auf den Autobahnen fallen weg. Doch auch wir haben in verschiedenen Bereichen Kurzarbeit angemeldet; außerdem nimmt eine Reihe Mitarbeiter den Urlaub zur Betreuung von kleinen Kindern in Anspruch.

Seit wann steht der Krisenplan bei IEE?

Witte IEE hat einen chinesischen Teilhaber. Dank dessen Erfahrungen haben wir uns frühzeitig mit den notwendigen Schritten zur Sicherung unserer Arbeitsstätten auseinandergesetzt. Ende Januar haben wir eine Task Force gebildet und ein Ampelsystem aufgestellt. Dieses Dreiphasenmodell funktionierte ab Mitte Februar. Ab diesem Zeitpunkt konnte keiner mehr die Werksgelände betreten, der sich vorher in einem Corona-Krisengebiet aufhielt, beziehungsweise Kontakt zu einer infizierten Person hatte. War dies der Fall, liefen die Geschäftsbeziehungen ausschließlich über den digitalen Weg. Ende Februar trat dann die gelbe Phase in Kraft und unsere Mitarbeiter, die aus dem Urlaub im Ausland oder einer Geschäftsreise zurückkamen, wurden gebeten, erst einmal 14 Tage im Homeoffice zu arbeiten.

Mitte März, als der Notstand ausgerufen wurde, konnte dann ein Großteil der Mitarbeiter auf Homeoffice umstellen, denn binnen drei Tagen waren alle Mitarbeiter so ausgestattet, dass sie ihre Arbeit von Zuhause aus aufnehmen konnten. Lediglich in unserem Laboratorium und in der Produktion wird noch vor Ort gearbeitet, dies natürlich unter Einhaltung des notwendigen Abstands und der Maskenpflicht. Unser Konzept hat funktioniert: Bislang ist meines Wissens nach kein einziger Mitarbeiter positiv getestet worden, und dies weltweit.

Hat IEE keine Schwierigkeiten, den laufenden Aufträgen gerecht zu werden? Immerhin gehören so ziemlich alle Automarken zu Ihren Kunden. In Deutschland zum Beispiel wurde die Autoproduktion schon vor einigen Wochen wieder aufgenommen.

Witte Das Unternehmen hat seine Produktion nie ganz gestoppt, sondern lediglich gedrosselt. Am Anfang der Krise haben die meisten unserer Kunden ihre Produktion für 4 bis 6 Wochen eingestellt, zurzeit arbeiten viele die vor der Krise angelegten Lager ab. Unser Umsatz in Europa ist um 84 Prozent zurückgegangen: Statt der 2 Millionen Teile, die wir vorher pro Monat ausgeliefert haben, waren es im April nur 370.000. Auch im Mai wird der Negativeffekt noch deutlich spürbar sein. Ich gehe davon aus, dass es Monate dauern wird, bis sich der Marktbereich, in dem wir tätig sind, vollständig erholt hat.

Wie wird sich der Luxemburger Standort im Vergleich zu den IEE-Standorten weltweit aus der Krise ziehen?

Witte Luxemburg befindet sich in dem Sinn in einer privilegierten Lage, als dass hier der Staat durch die Regelung in Bezug auf die Kurzarbeit und durch den Urlaub zur Betreuung von Kindern eine wahre Unterstützung leistet. An unseren Standorten in Mexiko oder den USA, aber auch in der Slowakei, gibt es keine derartigen Hilfen. In Frankreich, wo IEE zwei Standorte hat, sind die staatlichen Hilfen in etwa den luxemburgischen gleichgestellt. In Peking läuft das Werk normal.

Für Luxemburg bedeutet dies, dass wir uns hier nicht von Mitarbeitern trennen müssen. In den anderen Ländern stellt sich die Kostenfrage. Im Augenblick scheint es aber, dass wir mit einem blauen Auge davonkommen, und auf Entlassungen verzichten können. Aber ich habe keine Kristallkugel, die mir verrät, was in Zukunft noch alles auf uns zukommt.

Haben Sie in den letzten Wochen nicht auf die Produktion von Material umgestellt, das Mangelware war, wie beispielsweise Masken, Gel oder Kleidung?

Witte Einen Teil der Masken, die wir bei IEE tragen, stellen wir im 3D-Verfahren selber her. Allerdings machen wir keine industrielle Fertigung, dies hätte ein hohes Invest bedeutet. Apropos Masken verhält es sich aber so, dass wir ganz am Anfang der Krise 143.000 Masken dank unseres Teilhabers aus China haben kommen lassen, die dem Luxemburger Staat zur Verfügung gestellt wurden. Darüber hinaus ist IEE auch im medizinischen Bereich tätig, so dass unsere Technik in den Spitälern eingesetzt wird. Und wir haben ein Sensorsystem entwickelt, das die Anzahl der Kunden zählen kann und eine Warnung auslöst, wenn die Grenze überschritten wird. Dieses System findet zurzeit bei zwei Supermarktketten Anwendung.

Und welche sind das?

Witte Ohne Einwilligung der Kunden kann ich diese nicht nennen. So ein System hat ja auch einen Hauch von „Big Brother“. Aber wichtig ist, dass unser System keine Gesichter erkennt. Es hat lediglich zum Zweck, eine präzise Personenzählung zu ermöglichen. Es kommt heute, unter anderer Form, bereits bei Kunden wie Google, Microsoft oder IBM zum Einsatz.

Könnte das Sensorsystem nicht auch in Schulen Verwendung finden?

Witte Den Lehrern könnte dieses System das Leben sicher erleichtern, da sie die Schüler nicht dauern überwachen und auffordern müssten, Distanz zu wahren.

Kennt IEE Lieferprobleme?

Witte Der Transport ist tatsächlich ein wunder Punkt. Viele der Materialien, die wir zur Herstellung unserer Produkte brauchen, kommen aus dem Ausland. Wir arbeiten zum Beispiel sehr viel mit Herstellern in Italien zusammen. Unser Werk in China arbeitet weiterhin auf hohem Niveau, aber auch hier stellt der Transport ein großes Problem dar, weil nur wenige Kapazitäten vorhanden sind, und die Preise aktuell um das Fünffache gestiegen sind. Dieser hohe Kostenfaktor wird uns auch in den nächsten Monaten noch viel zu schaffen machen.

Wird IEE demnächst wieder voll arbeiten?

Witte Wir werden unsere Produktion langsam hochfahren. Im Augenblick durchleben wir eine Rezession. Viele Menschen haben Angst um ihren Arbeitsplatz, und werden den Kauf eines Autos hinausschieben. Ein Auto ist immerhin ein Luxusobjekt. Dies wird IEE als Autozulieferer zu spüren bekommen. Allerdings liegen zurzeit viele Aufträge vor, die zeigen, dass das E-Auto bei neuen Kunden sehr gefragt ist. In diesem Bereich ist mit einer starken Auftragssteigerung zu rechnen.

Mussten in den vergangenen zwei Monaten Projekte im Forschungsbereich zurückgestellt werden?

Witte In der Forschung sind wir autonom. Deshalb konnten wir unsere Arbeiten wie geplant weiterführen. Es war sogar möglich, sich mit dem einen oder anderen Projekt zu befassen, welches in normalen Zeiten zurückgestellt wurde. Zurzeit arbeiten wir an den letzten Entwicklungsschritten eines Systems, das erkennt, wenn Kinder im Auto zurückgelassen werden, und das dann verschiedene Warnungen auslöst. Immerhin sterben zurzeit jährlich etwa 100 Kinder an einem Hitzeschlag in Fahrzeugen. Forschung ist natürlich immer kostenintensiv. Deshalb werden wir hierüber mit der Regierung sprechen müssen.

Wie ist denn das Verhältnis zum neuen Wirtschaftsminister?

Witte Wir hoffen sehr, dass im Mai ein Zusammentreffen zustande kommt und wir ihm den Standort Bissen vorstellen können.

Ich nehme an, dass dabei wohl auch der „Automotive Campus“ zur Sprache kommen wird. Hier hat sich ja nach der Installierung von IEE nicht viel getan. Sind Sie deswegen nicht etwas enttäuscht?

Witte Den Automotive Campus haben wir mit mehreren Partnern zusammen geplant. Nun sind die Projekte einiger Teilnehmer, wie Goodyear zum Beispiel, in Verzug geraten. Ein wenig enttäuscht bin ich schon, dass es in der Vergangenheit an Tempo bei der Umsetzung gefehlt hat. Ich bin nämlich von dem Gedanken überzeugt, dass nur dann, wenn wir unsere Ressourcen zur Entwicklung neuer Produkte, die auf dem Weltmarkt Bestand haben sollen, zusammenführen, uns dies auch gelingen wird. Auch wenn mir bewusst ist, dass einige staatliche Investitionen jetzt zurückgestellt werden, so ist es in unserer digitalen Welt wichtig, für die Zukunft zu arbeiten. Von daher glaube ich an den „Automotive Campus“. IEE wird an dem Konzept dranbleiben, und dieses wird auch Realität werden.

IEE hat sich demnach in Bissen eingelebt?

Witte Ja, das kann man so sagen. Anfangs haben uns einige Mitarbeiter aus Frankreich und dem Saarland verlassen - der Weg nach Bissen ist für sie weiter und beschwerlicher, als nach Contern. Das hat wehgetan. Seit einiger Zeit hat sich die Lage stabilisiert, und die Mitarbeiter sind sehr froh über die neuen Räumlichkeiten, die nach dem „Open Space“-Konzept eingerichtet wurden.

Dieses unterstützt die Kommunikation untereinander, ist aber so gestaltet, dass zum Beispiel Telefongespräche ungestört vonstatten gehen können.

Darüber hinaus wurde beim Bau und der Ausstattung sehr viel Recyclingmaterial verwendet. Dem Architektenteam, aber auch unseren Mitarbeitern, die eingebunden waren, gebührt großes Lob. Heute kann ich sagen: Wir sind in Bissen angekommen.

Sie erwähnten, dass die meisten Ihrer Mitarbeiter zurzeit „Télétravail“ machen und dies in Ihren Augen eine effiziente Arbeitsweise darstellt. Wird IEE nach der Krise verstärkt auf Arbeit im Homeoffice setzen?

Witte Viele unserer Mitarbeiter werden im Mai noch im Homeoffice arbeiten. Eigentlich würden wir diese Arbeitsweise gerne beibehalten - allein schon deshalb, weil unsere Mitarbeiter nicht im Stau stehen müssen.

Aber viele kommen aus der Großregion, sodass nach der Krise wohl wieder die alten Regeln in punkto Steuern und Sozialsystem gelten werden und nur ein Teil der Arbeitszeit im Homeoffice verbracht werden kann. Das ist an sich bedauerlich.

Mit dem Abflauen der Corona-Krise beginnt man so langsam wieder von der Klimakrise zu reden. Kann IEE einen Beitrag leisten, damit diese vermieden werden kann?

Witte Die Sensoren von IEE können sehr vielseitig eingesetzt werden. Das heißt, unsere Technik erlaubt es zum Beispiel, den Energieverbrauch von Klimaanlagen und Lüftungen an den Realbedarf anzupassen.

Ein einfaches Beispiel: Ein Gebäude, ein Raum braucht in der Zeitspanne nicht beheizt zu werden, in der sich niemand dort aufhält. „Smartcity“ ist heute ein vielbenutztes Stichwort - es wird demnach noch viele Neuerungen geben, und dies unter anderem dank der Sensortechnik.