BETZDORF
MARCO MENG

Satellitenbetreiber in Betzdorf versorgt eine Milliarde Menschen nicht nur mit TV-Programmen

Fährt man mit dem Zug von Wasserbillig Richtung Hauptstadt, fallen inmitten der beschaulichen Landschaft, zwischen in der Sonne dösenden Kühen und grünen Hügeln, plötzlich die vielen weißen Satellitenantennen von SES auf.

Das Unternehmen war 2013 das erste, das die Idee der Wiederverwertung von Raketen, wie SpaceX es macht, aufgriff. „Als SpaceX gegründet wurde, haben wir uns intensiv dafür interessiert“, sagt Unternehmenssprecher Markus Payer. Er steht auf dem Kiesplatz vor dem schönen Château de Betzdorf. Der Geburts- und auch einstige Wohnort von Großherzog Jean ist seit 1986 der Firmensitz des heute weltgrößten Satellitenbetreibers SES („Société Européenne des Satellites“).

SES, so Payer, braucht Raketen – und davon gibt es zu wenige. Aber „der Zugang zum All ist der Schlüssel für unser Geschäft“, erklärt er. „Der einfache Gedanke, eine zig Millionen Euro teure Rakete mehrfach zu benutzen, hat den Preis eines Starts um ein Drittel gesenkt. Vor allem der Raketenantrieb, die Motoren, sind das Teure.“ Sie also mehrfach zu nutzen war angebracht. „Alle sagten zu Elon Musk, als er damit begann: du bist verrückt. Wir sagten: du bist nicht verrückt, da machen wir mit.“

Payer führt vorbei am Schloss, dem Verwaltungssitz des Satellitenbetreibers, zum operationellen Gebäude. Rund 450 Leute arbeiten hier, mehr als 200 davon Luft- und Raumfahrtingenieure sowie Telekommunikationsingenieure.

Angefangen mit dem Fernsehübertragungsgeschäft, der Sparte „Video“, die heute noch das Kerngeschäft des Unternehmens ist, hat SES längst auch andere Bereiche integriert wie Breitband-Datenverkehr, Konnektivität für Regierungen, für Unternehmen, auch für Airlines und Kreuzfahrtschiffe, die inzwischen mithilfe der SES-Satelliten über schnelles Internet verfügen – mitten im Ozean.

Global operierendes Unternehmen

Rund 2.000 Mitarbeiter mit 60 Nationalitäten hat SES weltweit. „Wenn wir in Mexiko sind, sind wir auch gerne mexikanisch, wenn wir in Frankreich sind französisch“, meint Payer. Auch hier in Betzdorf sind viele Nationalitäten vertreten. SES-Chef Karim Michel Sabbagh ist libanesischer und kanadischer Staatsbürger.

Obwohl das operationelle Gebäude schon fast 20 Jahre alt ist, sieht es mit seiner modernen Glasfassade aus, als sei es erst letzte Woche errichtet worden. Neben den Büros für Rechtsabteilung, Verkauf oder Finanzen verfügt der preisgekrönte Bau neben einem Restaurant auch über eine eigene Sporthalle für die Mitarbeiter, sogar einen Fitnessraum und eine kleine Bibliothek. „Unsere Mitarbeiter sollen einen attraktiven Arbeitsplatz haben“, erklärt Payer. Ein Teil der SES-Mitarbeiter, auch der Rechtsabteilung, sind in Tel Aviv, Johannesburg und Washington beschäftigt. „Unsere Verträge berühren ja verschiedene Rechtssysteme“, erläutert Payer. „Mit zu unserem täglichen Geschäft gehören also auch Fragen wie: Können wir diese und diese Orbitalposition benutzen, können wir auf dieser Frequenz senden? Mietet jemand einen Transponder von einem unserer Satelliten, muss ein solcher Vertrag natürlich wasserfest sein.“

Vorbei an zwei großen Gebäuden – das eigene Elektrizitätswerk sowie riesige Dieselmotoren als Notstromversorgung – nähern wir uns dem Antennenpark. Die Sonne bescheint die dutzenden riesigen Schüsseln, die bis zu 15 Metern Durchmesser haben und alle in eine Richtung weisen: Richtung Äquator, in Richtung der mehr als 50 SES-Satelliten, die in 36.000 Kilometern darüber schweben. Nicht nur das Sicherheitspersonal arbeitet hier rund um die Uhr, auch diejenigen, die im angrenzenden Kontrollzentrum die Satelliten überwachen. „Hier sitzen unsere Satellitenpiloten, ähnlich wie eine Flugüberwachung für den Flugzeugverkehr. Aus Betzdorf fliegen wir knapp 40 Satelliten; auch die Satelliten in niedrigerer Höhe werden von hier gesteuert; nur deren Antennen stehen in Äquatornähe, Hawaii beispielsweise oder Griechenland.“ Weil auf beiden Erdhälften ein Kontrollzentrum mit Antennenparks nötig ist, damit der Satellitenbetrieb nahtlos funktioniert, steht das Pendant zu Betzdorf in Princeton in den USA mit etwa 200 Mitarbeitern.

Geostationäre und erdnahe Satelliten

SES hat es erfunden, dass man auf eine Orbitalposition mehrere Satelliten stellen kann mit der Herausforderung, dass die Satelliten umeinander „herumtanzen“ und die Signale sich gegenseitig nicht stören dürfen. Die Satelliten müssen auch deswegen überwacht werden, weil sie allmählich durch die Gravitation des Mondes oder des Himalaya-Gebirges ihre Position ändern; alle zwei Wochen braucht ein Satellit eine Kurskorrektur. Ein Grad Drehung würde das Signal nicht mehr zum Empfänger bringen. „Würden hier alle zwei Wochen Urlaub machen, wären die Bildschirme von mehr als 156 Millionen Haushalten in Europa schwarz.“ 25.000 Parameter werden im Kontrollzentrum pro Satellit ständig verarbeitet. Manche der Kunden, die zusammen mehr als 7.500 Fernsehkanäle betreiben, nutzen Betzdorf auch als „Uplink”, um also Signale an den Satelliten zu schicken, andere Kunden wie große Fernsehsender tun das selbst mit ihrer eigenen Satellitenschüssel auf dem Dach. In einem zweiten Gebäude wird überwacht, dass Fernsehbilder einwandfrei ankommen, genauer: Das Signal muss in der richtigen Stärke über den Zubringer ankommen und an den Zuschauer weitergeleitet werden.

Satelliten sollen außerdem leichter werden, statt fünf Tonnen bisher, von denen etwa die Hälfte des Gewichts Treibstoff ist, um die durchschnittliche Lebenszeit von 15 Jahren zu gewährleisten. Mit elektrischem Antrieb statt chemischem versucht man, Gewicht einzusparen. „Das verändert unsere Industrie“, sagt Payer. Nicht mehr funktionierende Satelliten werden übrigens gemäß internationaler Konvention in einen Orbit weiter rausgeschickt werden, wo sich inzwischen eine Art Satellitenfriedhof gebildet hat. Um vom starren Lebensdauerkonzept wegzukommen und die Satelliten variabler zu machen, hat SES angefangen, modulare Systeme zu entwickeln, mit denen sie leicht um- oder nachgerüstet werden könnten. „Das ist extrem wichtig“, erklärt Payer.

Auf das Projekt „SpaceRescources.lu“ angesprochen, meint Payer, es werde wohl keinen direkten Einfluss auf SES haben, aber indirekt auch die Satellitentechnologie beeinflussen. „Und wenn es eines Beweises bedarf, wie luxemburgische Kühnheit belohnt wird, dafür ist SES das beste Beispiel.“