PASCAL STEINWACHS

Als unser „Thema vum Dag“ vor nunmehr bereits 40 Jahren mit „Waterloo“ den Eurovision Song Contest in Brighton gewann, da war die Begeisterung für Europa noch weitaus größer als das heute der Fall ist, obwohl es damals weder eine Einheitswährung gab, noch offene Grenzen - die wahrscheinlich konkretesten und praktischsten Errungenschaften der EU - und seinerzeit sowohl das Sieger- als auch das Austragungsland (Schweden resp. das Vereinigte Königreich) noch nicht einmal Mitglied der Europäischen Union bzw. - bis 1993 - der Europäischen Gemeinschaft waren.

An die guten Seiten Europas (die bereits erwähnten freien Grenzen, kein nerviges Umtauschen mehr von Währungen im Euroraum) hat Ottonormaleuropäer sich nämlich derart gewöhnt, dass diese fast schon als gottgegeben angesehen werden. Neben den gewohnten Negativnachrichten über „die da in Brüssel“ oder den unumgänglichen Krümmungsgrad der Gurken (der aber längst wieder abgeschafft wurde) kommt in diesem Wahlkampf aber diesmal hinzu, dass die EU den meisten einfach nur schnurzpiepegal ist, hat die Europalethargie doch trotz erstem Wahlkampf mit europäischen Spitzenkandidaten neue Dimensionen angenommen. Was wiederum den Rechtsparteien und anderen Populisten in die Karten spielt.

Der jüngsten, am letzten Montag veröffentlichten Prognose des Europaparlaments zufolge, kommen die in der ECR und der EFD versammelten Europaskeptiker und Populisten dann auch auf insgesamt 75 Sitze und die Vereinte Europäische Linke auf 46 Sitze. Die konservative EVP, die bis jetzt auf 274 Sitze kam, kommt in der rezentesten Prognose auf 217 Sitze, die sozialistische Fraktion auf 199 Sitze (aktuell: 196), die Allianz der Liberalen und Demokraten auf 61 Sitze (83) und die Grünen auf 50 Sitze (57).

Was bei diesem Wahlkampf, der in Luxemburg ja zum ersten Mal unabhängig von den Legislativwahlen abgehalten wird, ebenfalls aufgefallen ist, sind die schlecht besuchten Wahlversammlungen, die je nach Partei oftmals nur vor einer Hand voll Leuten stattfanden - und dies waren dann auch noch größtenteils die üblichen Verdächtigen aus Parteimilitanten, Familienmitgliedern und sonstigen Freunden und Bekannten.

Kein Wunder, dass in manchen Ländern zu drastischen Mitteln gegriffen wird, um das Interesse der potenziellen Wählerschaft doch noch zu wecken. So kommt zum Beispiel ein tschechischer Wahlwerbespot mit der Botschaft daher, dass, wer nicht im Büro arbeitet, dort auch keinen Sex haben kann. Das Video einer sozialdemokratischen Jugendorganisation zeigt dann auch eine junge Frau, die auf ihre Mittagspause wartet, und: „Jeder hat Lust, in der Pause etwas anderes zu tun - und Sex auf der Arbeit ist super“, hört man aus dem Off. Erst zum Schluss heißt es dann: „Nur schade, dass mehr als eine halbe Million Menschen keine Arbeit haben.“ Die Reaktionen sind geteilt.

Dass die Arbeitslosenquote auch hierzulande inzwischen bei 7,1 Prozent liegt, sollte an dieser Stelle dann auch nicht unerwähnt bleiben. So richtig interessieren tut die Luxemburger aber sowieso nur, ob Juncker denn nun tatsächlich nach Brüssel abdüsen wird...