CORDELIA CHATON

In den USA kann man vieles tun: Ein brutaler Kapitalist sein, Brücken zusammenfallen lassen und schwere Waffen besitzen. Aber eines kann man nicht: Lügen. Das wird entweder teuer, wie Volkswagen in den vergangenen zwei Jahren nach Milliardenzahlungen feststellen musste, die noch nicht abgeschlossen sind. Oder es endet mit Machtverlust.

Das war beispielsweise beim charismatischen Präsidenten Bill Clinton der Fall. Er stolperte über die Affäre mit der Praktikantin Monica Lewinsky. Die junge Frau fand ihn klar mehr als toll, Zwang war nicht im Spiel. Aber der verheiratete Clinton hatte zunächst sexuelle Kontakte geleugnet - und sich ein Amtsenthebungsverfahren eingehandelt. Das scheiterte zwar, aber fortan ging es immer mehr um die Affäre und immer weniger um die Politik. Später schob Clinton ein halbes Geständnis nach.

Was aber ist Oralsex im Vergleich mit Landesverrat? Darum - und um nicht weniger - geht es derzeit in den USA. Dort verstrickt sich der Trump-Clan immer tiefer in Widersprüche. Monatelang hatte Präsident Donald Trump eine mögliche Zusammenarbeit seines Wahlkampfteams mit Russland geleugnet. Das sei alles „Fake news“.

Jetzt wird es immer enger. In Hamburg beim G20-Gipfel sprang ausgerechnet der russische Staatschef Putin ihm zur Seite und versicherte: An solchen Gerüchten ist nichts dran - entgegen der Erkenntnisse von 16 amerikanischen Geheimdiensten. Was für eine glaubwürdige Hilfe. Putin, der erfahrene Geheimdienstler, als Weißwäscher und politisches Ariel. Dabei verplapperte sich sein Außenminister Sergei Wiktorowitsch Lawrow erst diese Woche auf einer Pressekonferenz zum Thema Ukraine und gab unumwunden zu, dass Russland dort an den Kämpfen sehr aktiv teilnimmt - was bislang eifrig geleugnet wurde.

In den USA aber geht es um mehr. Russland, jahrzehntelang der Erzfeind Nummer eins und immer noch alles andere als eine befreundete Macht, wollte klar die Präsidentschaftswahlen beeinflussen. Und Trumps Sohn und Wahlkampfmanager war an Material der Russen interessiert. Landesverrat ist etwas, für das Trump ein Amtsenthebungsverfahren riskiert. Die Tweets, die Donald Trump jun. schnell veröffentlichte, bevor es fast zeitgleich die „New York Times“ tat, sprechen eine deutliche Sprache. Für die Macht war er bereit, sehr weit zu gehen.

Um so unglaublicher, wie frech Russland lügt. Ein Staat, der jeden Widerspruch im Ansatz zermalmt, will nicht gewusst haben, wer Natalia Veselnitskaja war - obwohl sie pro-russisch aktiv gegen US-Sanktionen gearbeitet hat. Schlimmer noch: Es sei nur um Adoption gegangen, hieß es in einer ersten Erklärung von Donald Trump jun., dem die durchsichtige Peinlichkeit des Statements wohl anschließend erklärt werden musste.

Jetzt sind die Sonderermittler aktiv. Es riecht nach so viel Ärger, dass der US-Präsident mit seinem begrenzten Vokabular seinen Sohn auf Twitter als eine „Person von großer Qualität“ lobte. Er flüchtet sich am morgigen Freitag anlässlich des französischen Nationalfeiertages an die Seine. Derweil zeichnet sich im Kremlgate ab, dass es nicht unmöglich ist, dass ausgerechnet die russische Einmischung zum Sturz des von Putin favorisierten Kandidaten führen kann.