NIC. DICKEN

Während jenseits des Atlantiks ein offenbar immer mehr dem geistigen Verfall ausgesetzter US-Präsident glaubt, er könne nach Gutdünken ganze Völker in Nahost aufeinander loslassen, um sie dann, wenn sie sich eine Zeitlang gegeneinander ausgetobt hätten, wie unartige Kinder wieder auseinander zu zerren, ungeachtet einiger hundert oder tausend zumeist ziviler Opfer, präsentiert auch der Kontinent Europa ein wenig erbauliches Bild. Da gerät ein langjähriger Akteur der EU-Staatengemeinschaft in nostalgische Wehmut, weil der Augenblick für den von ihm selbst bestimmten Abgang immer näher rückt, derweil seine designierte Nachfolgerin zunehmend Frust ansetzt, weil man sie mangels geeigneten Teams, zumindest innerhalb der ursprünglich vorgesehenen Frist nicht an die Hebel der Macht ranlässt, und ein sich wie ein wild gewordener Stier gebärdender Regierungschef darüber ärgert, dass man ihn nicht aus dem Verein herauslassen will.

Immer wieder wurde bei der über mehrere Fernsehsender direkt übertragenen Brexit-Debatte am vergangenen Samstagnachmittag im britischen Parlament die gemeinsame demokratische Basis beschworen, die allerdings nicht verhindern konnte, dass der mit seinem Austritts-Deal erneut abgewiesene Regierungschef betonte, er werde die mehrheitlich an ihn ergangene Aufforderung zur Beantragung einer erneuten Verschiebung des zum 31. Oktober fälligen Brexit-Termins persönlich nicht befolgen. Das wiederum offenbart ein eher unterentwickeltes Demokratieverständnis, kann der besagte Regierungschef seine Legitimierung doch allenfalls auf die Zustimmung von rund 100.000 Mitgliedern seiner Partei begründen und nicht etwa auf eine allgemeine Wahl der Bevölkerung von 65 Millionen Briten.

Auch wenn Boris Johnson mit seinem Verhalten sowohl die Mitglieder des Londoner Abgeordnetenhauses als auch die ganze Bevölkerung seines Landes verprellt, so reicht es einmal mehr aus, auf der anderen Seite die EU in Verlegenheit und Zugzwang zu bringen. Seit März dieses Jahres hangelt man sich auf beiden Seiten des Ärmelkanals von einem Termin zum nächsten und wird letzten Endes wohl auf das Jahr 2020 ausweichen mit dem Ziel, doch noch einen „Deal“ zu erzielen.

Dabei kann auch zum jetzigen Zeitpunkt niemand genau sagen, wie denn dieser „Deal“ aussehen soll, der Briten und Kontinentaleuropäern, die sich ja auch noch um die Republik Irland als verbleibendes Mitglied kümmern müssen, gleichermaßen Genugtuung verschaffen könnte.

Das eigentlich Dramatische an der aktuellen Situation besteht darin, dass weder die EU-Repräsentanten noch die britischen Abgeordneten selbst, einschließlich ihrer stark fragmentierten Bevölkerung, überhaupt zu wissen scheinen, was bei diesem „Deal“ herauskommen soll. Dass es bei der ganzen Operation allerdings nur Verlierer geben kann und wird, steht schon seit Beginn der hinlänglich geführten Verhandlungen fest. Angst vor einem Gesichtsverlust bestimmt auf beiden Seiten das Vorgehen.

Dafür ist es jedoch ohnehin längst zu spät.