NIC. DICKEN

Gestern, da überall in Luxemburg die Erinnerung an die Opfer der vergangenen Kriege und die weit verbreitete Solidarität unter den Menschen und Familien wach gehalten wurde, bedurfte es keiner besonderen Gedankengymnastik, um den Bogen zu spannen zu der mentalen Befindlichkeit der Bevölkerung und dem zunehmend wenig respektvollen Umgang miteinander, wie er regelmäßig in eher abfälligen Bemerkungen über Andersdenkende zum Ausdruck kommt. Nicht nur, dass ein Gartenhäuschen seit einigen Wochen zur nationalen Katastrophe hochstilisiert wird und zum alles beherrschenden Zankapfel zwischen der parlamentarischen Opposition und der amtierenden Regierungsmehrheit gepusht wird, nein, eine von der weitestgehenden Mehrheit der Bevölkerung getragene humanitäre Einstellung des Außen- und Migrationsministers wurde wenige Tage vor dem nationalen Gedenktag von einem zumindest in seiner Wortwahl offensichtlich stark beschränkten Abgeordneten zum Anlass genommen, den in ganz Europa und darüber hinaus ob seiner mutigen Auftritte geschätzten luxemburgischen Diplomatiechef als „Schutzpatron der Menschenschleuser im Mittelmeer“ zu verunglimpfen.

Abgesehen davon, dass man dem Provokateur aus dem ADR-Wahlverein nahe legen möchte, am besten selbst Schwimmkurse zu absolvieren, damit nicht auch er einmal auf der Flucht vor sich selbst abzusaufen drohen möge, kann man ob solch verachtender Worte nur tiefe Betroffenheit und Scham empfinden über die Art und Weise, wie der politische Diskurs derzeit in Luxemburg geführt wird. Allein die Wortwahl des ADR-Abgeordneten erinnert fatal an den Stil, mit dem in einer wachsenden Zahl deutscher Bundesländer rechtsextreme Volksverhetzer ihr Gift gegen Flüchtlinge und religiöse wie philosophische Minderheiten versprühen. Es passt sehr gut ins Bild, dass Tage vor dem nationalen Gedenktag ein luxemburgischer Abgeordneter sich befleißigen zu müssen glaubt, Hassprediger nachzuäffen, die schon mal den Holocaust und die Gräuel der Nazizeit am liebsten ganz leugnen möchten.

Genau wie in Deutschland immer mehr vernünftige Menschen sich bemühen, der Bevölkerung zu vermitteln, dass die allgemeinen Lebensbedingungen in der Landesgeschichte nie so gut waren als sie es heute sind, auch wenn noch vielfach akuter Besserungsbedarf besteht, so sollten sich ebenfalls Politiker in Luxemburg, die als einzige Strategie das Schüren von Neidgefühlen und Eifersüchteleien zu erkennen glauben, bei Gelegenheit des nationalen Gedenktages vergegenwärtigen, dass das Leben seiner Bewohner über alle noch bestehenden Unterschiede und Mängel hinweg besser ist als jemals zuvor.

Man wagt nicht daran zu denken, was angesichts einer solchen Mentalität heute an bewusstem Verrat und gezielter Denunziation drohen würde, wenn das Land noch einmal eine fremde, menschenverachtende Besatzung durchmachen müsste.

Falls dazu überhaupt die Fähigkeit bestünde, müsste man unweigerlich zur Scham mahnen. Aber wer weiß heute noch etwas mit diesem Begriff anzufangen?