LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Aufgebrachte Anwohner mit erschreckendem Tatsachenbericht - Bürgermeister machtlos

Die Zustände in der „Rue de Strasbourg“ sind zuletzt untragbar geworden: Drogenkriminalität, lautstarke Auseinandersetzungen und Prostitution sind an der Tagesordnung. Die Situation hat sich derart verschlimmert, dass sich die Anwohner kürzlich in einer Petition an Bürgermeister Xavier Bettel wandten. Darin beschrieben sie die Missstände und ihre damit verbundenen Ängste. Der Schöffenrat der Stadt Luxemburg reagierte prompt und lud die Anwohner in Zusammenarbeit mit der großherzoglichen Polizei gestern zu einer Versammlung ein, während welcher ihre Anliegen zur Kenntnis genommen und schließlich die weitere Vorgehensweise besprochen werden sollten.

Lautstark und vorwurfsvoll

Was sich schließlich im Kulturzentrum in der Straßburger Straße abspielte, hätte in dieser Form aber wohl niemand erwartet. Der Raum war zum Bersten gefüllt, Mikrophone für die Redner fehlten blöderweise. Die aufgebrachten Bürger machten ihrem Ärger lautstark Luft, sodass die Versammlung, die dazu dienen sollte, im gemeinsamen Dialog Lösungsansätze zu finden, schnell aus dem Ruder geriet. Bürgermeister Xavier Bettel versuchte immer wieder das Wort zu ergreifen und die Situation unter Kontrolle zu bringen, musste sich wohl oder übel aber damit begnügen, dem wütenden Publikum zuzuhören.

„Wir nehmen das Problem sehr ernst, können aber nur das in unserer Macht stehende tun. Wir können uns nicht über Gesetze hinwegsetzen, Platzverweise anordnen oder beispielsweise einschlägige Bars einfach schließen“, versuchte Bettel zu verdeutlichen, stieß damit aber auf wenig Zustimmung.

Autoritäten fehlt Handhabe

„Immer wieder heißt es von Seiten der Autoritäten, sie könnten nichts tun, ihnen seien die Hände gebunden. Die Situation ist extrem schlimm und nicht mehr tragbar. Uns reicht es. Fast nie sieht man einen Polizisten zu Fuß durch das Viertel gehen. Fährt man mit dem Auto durch, sieht man nicht, wie schlimm es wirklich ist“, so eine gereizte Anwohnerin. Die Gestaltung des Platzes vor dem Kulturzentrum - täglich lungern dort zahlreiche Alkoholabhängige herum - müsse dringend überdacht werden, meinte ein andere Dame aus dem Publikum und erntete dafür reichlich Applaus.

Drogenkriminalität, Prostitution und die hygienischen Zustände haben in den vergangenen Jahren in genannter Straße besorgniserregende Ausmaße angenommen. „Ich habe bereits mehrfach deswegen bei der Polizei angerufen. Immer heißt es: ‚Wir können nichts tun, wir können nicht einfach in eine Bar gehen und eine Hausdurchsuchung durchführen‘. Sie, Herr Bettel, stellen aber die Genehmigung aus, die nötig ist, um ein Café zu eröffnen,“ so der Vorwurf eines weiteren betroffenen Anwohners. Der Bürgermeister seinerseits unterstrich, dass nicht er die Genehmigung erteile und dass er nur über die Ausstellung so genannter „Nuits blanches“ entscheiden könne. Darüber hinaus wies er darauf hin, dass Prostitution in Luxemburg gesetzlich nicht verboten sei, weshalb man den „Straßenstrich“ dorthin verlegt habe, wo keine Wohnungen seien, wo also keine Anwohner gestört würden - worüber das Publikum aber nur empört lachen konnte. Die Prostituierten stünden nämlich keinesfalls nur in den dafür „vorgesehenen“ Straßen, was aber zu selten kontrolliert werde.

Lösungsansätze? Fehlanzeige!

„Ich habe den Eindruck, was hier passiert, ist ganz klar Wegschaupolitik,“ meint ein ursprünglich aus den Niederlanden stammender Mann, der in der Straßburger Straße eine physiotherapeutische Praxis betreibt. Ich habe bereits in vielen Städten dieser Welt gewohnt, aber etwas Ähnliches habe ich noch nie erlebt. Nie habe ich irgendwo Angst gehabt. Hier habe ich Angst! Bereits am Nachmittag stehen fünf Drogendealer vor dem Eingang meiner Praxis. Für sie ist es ein Paradies. Ich will so schnell wie möglich hier weg“, gab er zu.

Ein konstruktives Gespräch war zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr möglich. Jeder wollte seine Geschichte erzählen. Die politischen und kommunalen Akteure sowie die Verantwortlichen von der Polizei an der anderen Seite des Tisches - und es waren deren fast ein Dutzend - waren machtlos. Ob und inwiefern doch noch Lösungsansätze geboten wurden, wissen wir nicht. Bis Redaktionsschluss kamen nur die zu Wort, die am lautesten redeten. Nämlich die Anwohner.