LUXEMBURG
SOPHIA SCHÜLKE

Mehr Selbstbehauptung: Workshop zeigt Kindern, wie sie bei Piesackereien mutig handeln

Stopp, hal op“. Und das reihum, jedes der 16 Kinder dreht sich zu seinem Hintermann um und sagt ihm diesen Satz ins Gesicht. Manches Kind bleibt ganz sachlich und spricht mit überzeugender Stimme, andere müssen lachen. „Das war eher fragend, sei ernsthaft und sag es langsam“, erinnert Irene Stangl ein Mädchen, einem kleinen Jungen rät sie: „Ich weiß, dass das schwer ist, aber Du musst ihn dabei anschauen.“ Der Junge zögert, startet einen neuen Versuch und stellt vor seinem Hintermann klar: „Neen, ech wëll dat net“.

An diesem Morgen stehen in dieser Klasse der „École Belvaux-Poste“ nicht Mathe oder Deutsch auf dem Stundenplan, sondern Stoppsagen: Sich wehren gegen dumme Sprüche und Schubsereien und wenn das nicht hilft, Hilfe holen. Das sollen die Kinder in einem vierstündigen Workshop lernen, das Motto lautet „Starke Kinder - Mutig sein tut gut! Selbstbehauptungs- und Selbstsicherheitstraining für Kinder“. Irene Stangl, Pädagogin und Expertin für Gewaltprävention, erklärt und zeigt den Kindern, wie das geht. An erster Stelle sei schon die Ausstrahlung wichtig: Selbstsicher stehen, selbstsicher gehen, selbstsicher sprechen und laut Stopp sagen, das sind die grundlegenden Tipps. Und wenn ein Mitschüler von drei oder vier größeren Schülern gepiesackt werde, rät sie den Kindern, Lehrer, Eltern oder eine andere Vertrauensperson zu informieren. „Man kann immer etwas tun“, erklärt Stangl. „Hilfe holen ist auch nicht petzen, sondern mutig, weil man sich kümmert“, erklärt sie den Kindern, die im Stuhlkreis um sie herumsitzen und aufmerksam zu hören.

Gute statt schlechte Geheimnisse

Dann ist es wieder an den Acht- und Neunjährigen sich in den Workshop einzubringen. Sie sollen erzählen, ob sie schon einmal eine Situation erlebt haben, in der sie geärgert wurden und wie sie sie gemeistert haben. Jedes Kind hat eine Geschichte parat, vom Schulhof, vom Streit mit den Geschwistern oder von einem Spielkameraden. „Auf dem Schulhof haben sie mich gehauen, als ich gesagt habe, dass sie aufhören sollen, haben sie das auch“, erzählt Dana. Die Neunjährige hat in dem Workshop schon einiges gelernt. „Wenn einen etwas nervt, muss man Stopp sagen und selbstsicher stehen und sprechen.“ Die Pädagogin Stangl hatte den Kindern auch erklärt, dass diejenigen, die andere ärgern oft nicht wüssten, dass das wehtut. Daher sei es so wichtig, klar auszudrücken, wenn ein vermeintlicher Scherz zu weit geht. „Ich habe gelernt, selbstsicher zu sein“, sagt Matteo. Der Achtjährige wurde dieses Jahr beim Spielen geärgert, schließlich hat er die anderen zum Aufhören ermahnt. „Sie haben wirklich aufgehört und ich habe mich gut gefühlt.“ Ein Erfolgsgefühl, das für die Entwicklung der Kinder wichtig ist.

Irene Stangl gibt den Kindern noch weitere Tipps für ein selbstsicheres Auftreten, damit sie sich in einer brenzligen Situation behaupten können oder den Mut haben, Hilfe zu holen. Dazu hat die Pädagogin verschiedene Spiele und Übungen vorbereitet, um die Merksätze zu verinnerlichen und den vierstündigen Workshop trotz des ernsten Themas auch kreativ und locker zu gestalten. „Es ist mir wichtig, ihnen äußere Verhaltensweisen mitzugeben und ihre innere Stärke zu fördern.“ Ziel ist es, dass die Spiele, auch wenn es für die Kinder eben ein Spiel ist, bei dem auch gelacht wird, dauerhaft etwas bewirken.

„Ich glaube schon, dass sie etwas mitnehmen und sich in einer späteren Situation daran erinnern.“ Deswegen macht sie mit den Kindern auch eine Übung, in der sie gute von schlechten Geheimnissen unterscheiden sollen. Proben die Kinder heimlich ein Theaterstück, um die Eltern damit zu überraschen, ist das ein gutes Geheimnis, trauen sie sich nicht zu erzählen, dass ihnen auf der verbotenen Abkürzung der Turnbeutel gestohlen wurde, ein schlechtes. Das finden die Schüler im Spiel sicher von allein heraus. Für alle Fälle gibt ihnen Stangl als Leitsatz mit: „Ein schlechtes Geheimnis erkennt ihr daran, dass ihr euch damit nicht gut fühlt.“

Nicht hinter anderen verstecken

Stangl informiert in anderen Workshops, die sie für Pädagogen oder ältere Schüler gibt, auch zum Thema Mobbing, das sie als eine „besondere Form von Gewalt“ bezeichnet. Werde ein Kind von einer Gruppe ernsthaft gemobbt, absichtlich und über Monate hinweg, komme es allein kaum aus der Situation heraus. Stangl spricht in diesem Zusammenhang von einem „systemischen Problem“, dessen Lösung Kinder überfordere. „Daher soll den Kindern Mut gemacht werden, damit sie Hilfe holen.“ Doch Selbstbehauptung und Selbstbewusstsein seien nicht automatisch ein Schutz vor Mobbing. „Es gibt Opferprofile, aber grundsätzlich kann jeder gemobbt werden.“ Auch die Klugen, die Hübschen und die mit den Designerklamotten. „Es kann einen eher treffen, wenn Interessen und Verhalten jenseits der Norm liegen.“ Am häufigsten sei Mobbing vom sechsten bis zum achten Schuljahr, in der Phase der Pubertät.

Doch damit haben die Kinder der „École Belvaux-Poste“ kein Problem. „Wir haben den Workshop zur Charakterbildung ausgewählt, damit ihr Selbstvertrauen gestärkt wird und sie besser lernen, sich zu äußern“, sagt ihr Klassenlehrer Cyrille Ney. Seine Schüler funktionierten als Gruppe, aber manche würden sich hinter den anderen verstecken. Was sich Ney für seine Schüler wünscht, ist mehr Stärke: „Sie sollen den Mut aufbringen, sich eine eigene Meinung zu bilden und die auch kundzutun.“

Neben dem Selbstbehauptungsworkshop, der in den vergangenen Wochen in verschiedenen Klassen auf dem Stundenplan stand, haben luxemburgische Schüler auch in Workshops über „Kommunikation und Gewaltprävention“, zu „Körperarbeit – Zeitgenössischer Tanz“ und zum Thema „Musek mécht staark“ mitgemacht.