LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

„Krieg, stell Dir vor, er wäre hier“ lässt uns die Flüchtlingsthematik am eigenen Leib spüren

Flucht, Migration und Fremdenfeindlichkeit. Diese Themen sind momentan allgegenwärtig. Aber nicht aus dieser Sicht: Wie würde es sich anfühlen, Rassismus am eigenen Leib zu spüren? Was wäre, wenn in Europa Krieg herrschen würde und wir in den Nahen Osten flüchten müssten? Diese erschreckende Vision zu hochaktuellen Themen hat die dänische Autorin Janne Teller niedergeschrieben. Jean Noesen, künstlerischer Direktor des „Théâtre Grand-Ducal“ (TGD), hat sich daran inspiriert und bringt „Krieg, stell Dir vor, er wäre hier“ nun in Luxemburg auf die Bühne.

Das „Théâtre Grand-Ducal“ ist eine noch relativ junge Institution. Wie kam es zur Gründung?

Jean Noesen In der Tat gab es verschiedene Gründe, warum wir das TGD 2014 ins Leben gerufen haben. Ich hatte als junger Schauspieler das Glück, es gleich in ein gutes Theater in Deutschland zu schaffen, wodurch ich auch von Anfang an große Rollen spielen konnte. Das hat mir viel gebracht. Allerdings sind die Möglichkeiten für junge Schauspieler heutzutage eher begrenzt. Sie spielen mal hier und mal da, bekommen dadurch aber kaum Routine. Uns ging es also in erster Linie darum, junge Talente zu unterstützen, indem wir sie in tragenden Rollen einsetzen. Großes Ziel ist es indes, ihnen ein festes Ensemble zu bieten. Das ist allerdings noch Zukunftsmusik. Eine definitive Spielstätte würden wir uns natürlich auch möglichst bald wünschen. In der „Villa Louvigny“, wo das Gesundheitsministerium beheimatet ist, gibt es ein großes, tolles Auditorium, das nicht genutzt wird. Das zu bekommen, wäre zum Beispiel großartig.

Wie sind Sie nun auf „Krieg, stell Dir vor, er wäre hier“ aufmerksam geworden?

Noesen Das Buch von Janne Teller, aus dem Dänischen übersetzt von Sigrid C. Engeler, habe ich vor gut einem Jahr gelesen. An sich handelt es sich um einen Essay von nicht mehr als 20 Seiten. In einer halben Stunde war ich durch, und mir war sofort klar, dass ich den Stoff auf die Bühne bringen wollte. Interessanterweise hat Autorin den Text im Jahr 2001 verfasst, als also hier noch niemand von Flüchtlingen geredet hat. Der Stoff hat mich deshalb gereizt, weil er die Flüchtlingsthematik aus einem anderen Blickwinkel zeigt. Nicht irgendwo weit weg herrscht Krieg, sondern in Europa. Die demokratische Politik ist gescheitert, und faschistische Diktaturen haben die Macht übernommen. Wer kann, flieht in den Nahen Osten, so auch der 14-jährige Protagonist aus Deutschland. In einem ägyptischen Flüchtlingslager versucht er mit seiner Familie ein neues Leben zu beginnen. Weil er keine Aufenthaltsgenehmigung hat, kann er aber nicht zur Schule gehen. Weil er die Sprache nicht spricht, findet er keine Arbeit. Er fühlt sich als Außenseiter und vermisst seine Heimat. Genauso geht es den Flüchtlingen ja momentan auch hier bei uns.

Glauben Sie, das Publikum auf diese Weise sensibilisieren zu können?

Noesen Ich gehe davon aus, dass das Stück zur Diskussion anregt. Natürlich werden wir aber keine Revolution auslösen. Theater allein kann die Welt nicht ausschlaggebend verändern, es kann aber den Finger in die Wunde legen und auf gewisse Zustände aufmerksam machen. In „Krieg, stell Dir vor, er wäre hier“ geht es um den täglichen Rassismus, den wir alle in uns haben. Man sollte sich einmal bewusst machen, wie man innerlich reagiert, wenn man Begriffe wie Asylant und Islamist oder auch nur Ausländer und Portugiese hört. Es geht um Neo-Faschismus und Populismus. Besonders auf das Thema Asyl wird eingegangen. Was ist Asyl? Was ist ein Asylant? Und was fühlt er? Außerdem wird der Frage nachgegangen, was Heimat ist. Unsere Motivation, das Stück auf die Bühne und vor allem auch in die Schulen zu bringen, liegt demnach auf der Hand: Wir wollen dem Publikum und insbesondere den Jugendlichen die Möglichkeit geben, über diese gesellschaftlichen Themen nachzudenken und darüber zu diskutieren. Letztlich wollen wir also einen Beitrag zur politischen Bildung leisten, denn, wie es in einem der wichtigsten Sätze des Stücks heißt: „Wehret den Anfängen…“.

War die Inszenierung eine Herausforderung?

Noesen Vom Thema her auf jeden Fall. Und dann ist der Text von Janne Teller ja auch in Prosa und in Du-Form verfasst. „Stell Dir vor…“. So hätte man es meiner Meinung nach nicht ins Theater bringen können. Ich wollte meine Protagonisten nicht dauernd mit dem Finger zeigen lassen. Ich habe es also so umgeschrieben, dass ich eine zentrale Figur erschaffen konnte. Einiges lasse ich noch dazu von einer Nachrichtensprecherin sprechen. Die Technik spielt bei diesem Stück eine wesentliche Rolle. Vieles wird auf eine Leinwand projiziert, was der Stimmung sehr hilft. Die gesprochenen Texte werden demnach durch kontinuierliche Bilder untermauert. In Deutschland läuft das Stück übrigens momentan in mindestens 20 Theatern, das zeigt, dass ich mit dieser Produktion definitiv den Nerv der Zeit getroffen habe.

Premiere am 25. November

„Krieg, stell Dir vor, er wäre hier“ in einer Inszenierung von Jean Noesen feiert am 25. November um 20.00 Premiere im „Aalt Stadhaus“ in Differdingen. Danach wird das Stück in verschiedenen Schulen gezeigt. Weitere öffentliche Vorstellungen finden ab Januar statt: 13. Januar um 20.00 im Centre Wax in Petingen, 21. Januar um 20.00 in „Aal Schmelz“ in Steinfort, 29. Januar um 17.00 in der Gedenkstätte Hinzert, 11. März um 20.00 im Trifolion in Echternach.

Auf der Bühne: Christophe Bleser, 16-jähriger „Conservatoire“-Schüler in der Abteilung Schauspiel und Mitglied des Jugendclubs des TNL, schlüpft in die Rolle des Jugendlichen Jonas, der mit seiner Familie nach Ägypten auswandert. Anna Schneider, ebenfalls Schülerin im „Conservatoire“ und Mitglied des TNL-Jugendclubs, spielt die „Unbekannte“. Die erfahrene Schauspielerin Sabine Rossbach übernimmt die Rolle der Nachrichtensprecherin. Auch Jean Noesen selbst steht in dem Stück als Sprecher und Ansager auf der Bühne.

Tickets unter www.luxembourg-ticket.lu