DIFFERDINGEN
CHRISTIAN BLOCK

Über das Projekt „Jobelo“ finden junge Erwachsene bestenfalls den Weg ins Berufsleben - oder gewinnen zumindest mehr Klarheit über ihre Zukunft - Besuch im „Centre socio-professionnel d’orientation“ in Differdingen

Caroline hatte mehr Glück als Sascha. Die 21-Jährige aus Grevenmacher hat einen Praktikumsplatz in einer Kinderkrippe gefunden. Der 20-jährige Sascha hat derweil auch nach 50 Bewerbungsschreiben die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Was beide verbindet: Sie haben wie rund 180 andere junge Erwachsene im vergangenen Jahr im Rahmen des Projekts „Jobelo“ das „Centre d’orientation socio-professionnelle“ (COSP) besucht mit dem Ziel und der Hoffnung, in naher Zukunft dauerhaft Arbeit zu finden.

Im Kontext der Jugendgarantie können junge Erwachsene im Alter zwischen 18 und 29 Jahren in das Zentrum für sozioprofessionelle Orientierung in Differdingen oder Bastendorf geschickt werden. Das vom Ministerium für Arbeit und Beschäftigung finanzierte Projekt „Jobelo“ richtet sich an Arbeitsuchende, die nicht unmittelbar auf dem Arbeitsmarkt eingesetzt werden können. „Das Profil der Teilnehmer ist sehr heterogen. Das können Einheimische sein, die Schwierigkeiten hatten, ihre Schule zu beenden, vielleicht schon auf 9e abgebrochen haben, keinen Lehrplatz gefunden oder die Lehre abgebrochen haben. Die wenigsten haben eine Qualifizierung oder wenn sie einen Abschluss haben, dann sind da noch andere Probleme dabei“, sagt Patrick Mathias, Koordinator des COSP Differdingen. Nach Luxemburg eingewanderte junge Menschen, denen es an den hierzulande erforderlichen sprachlichen Kompetenzen fehlt oder bei denen sich die Frage nach der Anerkennung ihrer Qualifizierungen stellt, fallen ebenfalls ins Raster des COSP. „Auch junge Menschen mit familiären Schwierigkeiten oder gesundheitlichen Problemen kommen hierher“, führt Mathias aus. Seit 2013 besteht das Projekt.

„Wir machen Evaluierung“

In den zwei Monaten durchlaufen die Teilnehmer des Projekts mehrere Ateliers, kleben Tapeten, arbeiten im nahegelegenen Chiers-Park, verwalten das Lager und arbeiten mit Werkzeugen. Wenn die jungen Erwachsenen dabei etwas lernen, ist das aber eher ein positiver Nebeneffekt. „Wir machen keine Ausbildung, wir machen Evaluierung. Es geht darum, die Leute in eine konkrete Arbeitssituation zu setzen und es geht spezifisch um die Soft Skills.“

Das fängt bei den „Basics“ der Kommunikation und des Auftretens an: Pünktlich sein, „Moien“ sagen, sich wieder an einen Tagesrhythmus gewöhnen, die Mütze vom Kopf nehmen. „Das ist das, was wir von den Betrieben hören. Sie erwarten Kandidaten, die sie nicht noch quasi erziehen müssen“, führt Mathias aus. Fehlende technische oder fachliche Kompetenzen seien für die Unternehmen das deutlich kleinere Problem.

Das Durchlaufen der verschiedenen Ateliers dient auch dem Zweck, durch möglich viele Einschätzungen der Workshopleiter ein vollständiges Bild der Teilnehmer zu bekommen. Parallel dazu werden die Jobelo-Teilnehmer auf ihren weiteren Parcours vorbereitet: Auffrischung der üblichen Bürosoftware-Kenntnisse, Sprachkurse in Luxemburg und Französisch, das Aufsetzen vom Lebensläufen und Bewerbungen. Die Weiterbildungen werden an die Kenntnisse, die die Projektteilnehmer mitbringen und auch ihre Bedürfnisse angepasst. All das soll die Chancen der Projektteilnehmer auf ein einmonatiges Anschlusspraktikum, um das sie sich selbst kümmern müssen, erhöhen.

Im Idealfall wird daraus dann ein zwölfmonatiger Berufsförderungsvertrag (Contrat d’Appui Emploi) in einem Privatbetrieb, der wiederum in einer Ausbildung oder einer unbefristeten Anstellung münden kann. Der CAE agrément-Vertrag wird vom Staat bezuschusst. Der Beschäftigungsfonds übernimmt laut Angaben der Arbeitsagentur ADEM ein Jahr lang 75 Prozent der Grundvergütung auf Mindestlohnniveau. Der Arbeitgeberanteil an den Sozialversicherungsbeiträgen wird zudem vollständig übernommen.

Foto: Editpress/Julien Garroy - Lëtzebuerger Journal
Foto: Editpress/Julien Garroy

Viele Projektteilnehmer werden aktiviert

Neben dem praktischen Ansatz in den COSP-Ateliers spricht vor allem der persönliche Kontakt die Projektteilnehmer an. „Sie sehen ein, dass wir ihnen helfen wollen. Es geht viel darum, sie wieder zu stabilisieren. Viele sind demotiviert“, sagt Francis Remackel, Präsident des gemeinnützigen Vereins. In der individuellen Begleitung sieht Remackel eine der Stärken des Projekts. Sie erlaube es, das Selbstvertrauen der jungen Teilnehmer wieder aufzubauen, die in ihrer schulischen Laufbahn schlechte Noten häufig als persönliches Scheitern wahrnehmen. Viele wollen deshalb nichts mehr mit der Schule zu tun haben. Im COSP wird deshalb Wert darauf gelegt, zu zeigen, wie man sich eigenständig weiterbilden kann.

„Es braucht immer seine Zeit, bis die Projektteilnehmer merken, dass das hier weder eine Schule noch ein Gefängnis ist. Und dass es ihnen etwas bringen kann, sie sich hocharbeiten können und eine Lehre anfangen können“, ergänzt Mathias. In ihrem CAE-Jahr können die Projektteilnehmer an zwei Tagen pro Woche freigestellt werden, um ihre 5e nachzuholen, um so die Bedingungen für eine Berufsausbildung zu erfüllen. Für einige der jungen Erwachsenen ist das eine echte Chance.

In Zahlen und Statistiken übersetzt heißt das Folgendes: Seit Januar 2016 wurde 883 jungen Erwachsenen der Gang zum COSP angeraten. 70 Prozent der Teilnehmer haben die Orientierung abgeschlossen. Seit Januar 2016 konnten demnach 379 junge Erwachsene ein unbezahltes Ein-Monats-Praktikum (EIP) machen, noch 266 bekamen mit einem anschließenden „CAE agrément“-Vertrag Aussicht auf eine feste Stelle. 211 junge Menschen haben bislang dieses Jahr in einem Unternehmen abgeschlossen. „Davon haben 87 Arbeit gefunden und 14 haben eine Lehre angefangen“, teilt die ADEM auf Anfrage schriftlich mit.

Die nach den einzelnen Etappen rapide absinkenden Zahlen muss man allerdings relativieren, denn viele junge Teilnehmer werden über das Projekt „aktiviert“. Laut Angaben der ADEM finden sich knapp 60 Prozent der Teilnehmer im Laufe des Programms oder danach mit Arbeit, einer Lehre oder in einer Beschäftigungsmaßnahme wieder, gehen beispielsweise zur Armee, finden einen befristeten Job oder den Weg zurück zur Schule. Das alles erhöht ihre Chancen, wieder Fuß zu fassen und fördert auch ihr Selbstvertrauen. Pamela Schreiner sagte beim Vor-Ort-Besuch, sie sitze nicht gerne untätig zuhause rum. Ein Jahr lang hatte sie kein konkretes Projekt, nachdem sie zuvor ein Jahr lang Arbeitserfahrung sammelte.

Derzeit sieht sich die ADEM die Situation drei Monate nach Verlassen des Programms an. Die Arbeitsagentur spricht deshalb mit Blick auf die 60 Prozent von einer „unteren Grenze“. Aus Datenschutzgründen lässt sich andererseits aber nicht feststellen, ob teilnehmende junge Menschen dauerhaft Arbeit finden. Junge Erwachsene, die zurück zur Schule gehen, kann die ADEM derzeit nicht erfassen.

Gleichzeitig brechen auch einige das Projekt zu einem bestimmten Zeitpunkt ab. Dahinter können viele Ursachen stecken. Patrick Mathias ist sich der Komplexität der jeweiligen Situationen der jungen Erwachsenen bewusst. „Die, die es schaffen, sind natürlich voll zufrieden. Das sind auch die meisten. Es gibt natürlich immer welche, die unterwegs verloren gehen. Gerade diese Population ist für ein Aufgeben anfällig.“ Gerade in den ersten Tagen, sich in einer fremden Umgebung beim COSP in einem Teil der ehemaligen „Léierbuden“ von ArcelorMittal wiederzufinden, ist das Abbruchrisiko hoch. Wie Caroline Hoffmann wissen viele anfangs nicht, was genau auf sie im COSP zukommt, auch wenn sie das im Vorfeld erklärt bekommen. Sascha Welter meinte, die erste Woche im Orientierungszentrum sei „sehr merkwürdig“ gewesen. Nach „zwei bis drei Wochen“ sei der alltägliche Weg zum COSP aber „ganz normal“ geworden.

Ein „klarer definiertes“ Projekt

Auch wenn sich nicht für alle Projektteilnehmer eine konkrete Piste ergibt, so profitieren sie eigenen Aussagen zufolge selbst, aber auch die ADEM, von der Jobelo-Erfahrung. „Nach der Etappe Jobelo ist das berufliche Projekt des jungen Erwachsenen klarer definiert. Er hat ein klareres Bild, was seine eigenen Kompetenzen anbelangt. Dadurch ist er auch bereit für den ersten Arbeitsmarkt“, lautet die Einschätzung der Arbeitsagentur. Für das Projekt würden junge Menschen ohne Zugang zu einer Ausbildung ausgewählt. Über die Teilnahme am Jobelo-Projekt „bekommen sie spezifische Klassen im ,Centre national de la formation professionnelle continue‘ (CNFPC) angeboten (…). Dadurch erhalten sie Zugang zu einer Lehre oder später sogar die Möglichkeit, eine Erwachsenenausbildung zu machen.“

Die 22-jährige Pamela Schreiner bewertet ihre Erfahrung im COSP, ebenso wie Hoffmann und Welter, positiv. Welter, der zuvor ein paar Ausbildungen angefangen hat, gefiel vor allem das praktisch ausgerichtete Arbeiten im COSP und der würde diese Erfahrung sofort weiterempfehlen. Schreiner meinte, gegenüber allen anderen Weiterbildungen sei „diese ganz anders“. Hoffmann erklärte, die COSP-Erfahrung „bringt mir etwas für die Zukunft“.

www.cosp.lu
www.jugendgarantie.lu