LUXEMBURG
PIERRE WELTER

Verteidigung plädiert für einen Freispruch

Unter riesigem Publikums- und Medieninteresse ging am Dienstagmorgen vor der Kriminalkammer Luxemburg der Prozess gegen den 59-jährigen katholischen Priester Emile A. aus Belair in die Schlussrunde. Ihm wird vorgeworfen, im November 2008 einen 14-jährigen Ministranten im französischen Taizé sexuell missbraucht zu haben. Die Anklage forderte am Dienstag sieben Jahre Haft für den Priester. Die Verteidigung sprach sich für einen Freispruch aus. Das Urteil wird voraussichtlich am 20. Dezember gesprochen.

Sünder ohne Reue

Kommentar

Dass ein Angeklagter alles macht, um seine Schuld klein zu reden, ist gewöhnlich. Dass sein Verteidiger jeden Hebel nutzt, um die Strafe, die seinem Mandanten droht, klein zu halten, ist seine Aufgabe. Doch die Argumentationsweise, die nun Gaston Vogel im Missbrauchsprozess um den Pfarrer Emile A. benutzte, ist befremdlich. Den mutmaßlichen sexuellen Missbrauch des Pfarrers an einem minderjährigen Jungen müsse man, so der Verteidiger, vor dem Hintergrund der Ichfindung des jungen Ministranten sehen. Als gehöre so etwas zur sexuellen Entwicklung von Minderjährigen dazu. Vogel wäre besser beraten gewesen, wenn er seinen Mandanten verdeutlicht hätte, dass diesem kein Kavaliersdelikt vorgeworfen wird, sondern Missbrauch eines schutzbefohlenen Minderjährigen. Und dass es besser gewesen wäre, die Schuld so weit wie möglich zu gestehen. Denn dazu zeigte sich der Angeklagte bis zuletzt nicht bereit. Im Gegenteil versuchte er sogar, sich selbst als Opfer hinzustellen, der von dem 14-Jährigen verführt worden sei. Der Pfarrer sei es gewesen, der sich nicht habe wehren können. Auch seine Aussage, es sei keine Gewalt im Spiel gewesen, verdeutlicht, dass der Angeklagte in keinster Weise verstanden hat, für was er sich verantworten muss, und dass er auch nicht bereit ist, eine Schuld bei sich zu suchen und seine Sünde zu erkennen, um mit den Worten der Kirche zu sprechen. Buße kann der Geistliche so nicht tun. (Jan Söfjer)

Der Angeklagte nahm es nach außen hin ruhig und gefasst auf, als die Anklagevertreterin Michèle Feider die Freiheitsstrafe von sieben Jahren forderte. Der Priester, so Feider, habe das Vertrauen des Ministranten bösartig verletzt und seinen perversen Drang am Ministranten ausgelebt. Seine Autoritätsstellung und das besondere Naheverhältnis hätte er ausgenutzt, als er den minderjährigen Ministranten in Taizé missbrauchte. Dem Angeklagten könnten deshalb keine mildernden Umstände zu Gute gehalten werden. „Ech hunn de Freideg e Mann erliewt dee keng Compassioun weist. Deen alles op d’Victime drëckt. Deen seng Responsabilitéit nët hellt.“

Der Junge hätte ganz klar ausgesagt, dass es Oralsex von seiner Seite gab. „Der Penis des Pfarrers war im Mund des Jungen“ sagt Feider. Die drei Strafpunkte, die sexuelle Penetration, die fehlende Einwilligung des Opfers und die kriminelle Intention, sind für die Anklage erfüllt. Noch heute würde das Opfer unter der Tat leiden.

Nebenklage: Sexualtäter sind Meister der Kontrollausübung

Albert Rodesch, der Anwalt des Opfers, erinnerte in seinem Plädoyer an die psychischen Schäden, die bei seinem Mandanten verursacht wurden. „Viel schlimmer als die körperlichen Übergriffe sind die seelischen Verletzungen“, sagte Rodesch. Die Folgen sind bekannt: Totaler Leistungsabfall in der Schule, Zurückgezogenheit, Angstzustände, Selbstverletzung und Suizidgedanken.

Rodesch sagte: „Hätten wir das Gesetz von 2011 schon 2008 gehabt, wäre der Angeklagte schon zu dieser Zeit wegen Missbrauch verurteilt worden. Wie ist es zu erklären, fragte Rodesch, dass ein hohes Mitglied der katholischen Kirche sich vor Gericht stellt und behauptet der Akt des Pfarrers sei ein „accident de parcours?“

Sexualtäter hätten, so Rodesch, in hohem Maße die Gabe, ihr Opfer zu manipulieren und zu kontrollieren. Sie seien gespaltene Persönlichkeiten. Sie seien gute Ehemänner und führten ein Doppelleben. Sie seien Meister der Kontrollausübung. Rodesch sagte: „L’abuseur responsabilise l’enfant.“

Es gibt drei Strafpunkte in diesem Fall, sagte Rodesch. Erstens: der Akt der sexuellen Penetration. Zweitens: die fehlende Einwilligung des Opfers. Drittens: Der Angeklagte sei mit krimineller Intention vorgegangen, um seine perversen Neigungen zu befriedigen. In seinem Plädoyer wies Albert Rodesch darauf hin, dass der Beschuldigte sich zwar selbst beim Bistum angezeigt hat, allerdings erst, nachdem er mitbekommen hatte, dass sein heute 22-jähriges Opfer eine Strafanzeige plante. Der Bischof hätte das einzig Richtige getan, er hätte die Staatsanwaltschaft eingeschaltet.

Bei dem sexuellen Missbrauch sei der Priester planvoll vorgegangen. Rodesch kam auf das Opfer zu sprechen, das im Video bei seiner Vernehmung gesagt hatte: „Ech mengen dat war geplangt.“ Für Rodesch ist klar: „De Jong konnt sech dem Paschtouer nët entzéien.“ Rodesch bat das Gericht, das strafverschärfend zu berücksichtigen. Der Nebenkläger beantragte 15.000 Euro Schmerzensgeld für seinen Mandanten.

Das Plädoyer des Verteidigers

Gaston Vogel, der Verteidiger des Priesters, sagte in seinem Plädoyer, der Sachverhalt könne nicht so fest stehen, wie ihn die Staatsanwaltschaft dargestellt habe. Vogel gestand seinem Mandanten einen Willensmangel zu. Er hätte seinen sexuellen Trieben freien Lauf gelassen. Einen intellektuellen Seitenhieb hatte sich zuvor Gaston Vogel nicht verkneifen können und zitierte aus „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ von Robert Musil. Gaston Vogel meinte, dass der Akt der Masturbation sich vor dem Hintergrund der Ichfindung des jungen Ministranten widerspiegeln würde. Seinem Mandanten sei, zu Gute zu halten, dass er bei der Aufklärung der Taten geholfen habe indem er sich selbst angezeigt habe. Der Verteidiger fordert einen Freispruch. Vogel sagte, es habe keinen Zwang und keinen Oralsex gegeben. „Das einzige was meinem Mandanten vorgeworfen werden kann, ist die Masturbation.“

„Ech hunn e Feeler gemat“

Den Prozess verfolgte der 59-Jährige nahezu reglos. Am Freitag hatte der Pfarrer die Vorwürfe der Masturbation vor der Kriminalkammer eingeräumt. Für den Oralsex, den der Junge ihm vorwirft, lehnt der Priester jedoch jede Verantwortung ab. „Ech hunn e Feeler gemat“, sagt der Angeklagte in seinem Schlusswort. „Ech bereien dee Feeler fir deen ech mech och entschëllegen. Et wor niemols Gewalt dran an alles ass an engem beederseitegen Averständsnis geschitt.“