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Vor hundert Jahren wurde der ägyptische Präsident Anwar As-Sadat geboren

Vor hundert Jahren, am 25. Dezember 1918 wurde der ägyptische Präsident und Friedensnobelpreisträger Anwar As-Sadat geboren. Als erster arabischer Führer besiegte er 1973 Israel. Sechs Jahre später schloss er wiederum als erster arabischer Staatschef einen Friedensvertrag mit Israel. Wegen seiner Versöhnungspolitik mit Israel fiel er 1981 einem Attentat von Islamisten zum Opfer.

Ägypten hatte 1967 im Sechs-Tage-Krieg die Sinai-Halbinsel an Israel verloren und damit eine nationale Demütigung erfahren. Der für die Niederlage verantwortliche Staatschef Nasser starb drei Jahre später überraschend. Nachfolger wurde sein Stellvertreter Anwar As-Sadat, ein damals kaum bekannter Karriereoffizier der ägyptischen Streitkräfte, der mit Nasser zusammen 1952 den König gestürzt und die englische Mandatsmacht vertrieben hatte. Nur fünf Monate nach seiner Wahl zum Präsidenten versuchte Sadat bereits 1971 mit Hilfe des UN-Sondergesandten für den Nahen Osten, Gunnar Jarring, eine erste Friedensinitiative mit Israel.

Golda Meir sah in seinen Äußerungen jedoch nur die „Wiederholung üblicher Phrasen“. Danach wandte er sich, um den Druck auf Israel zu erhöhen, demonstrativ den Sowjets zu und unterzeichnete mit diesen noch im selben Jahr einen Freundschaftsvertrag. Doch bereits im Jahr darauf schickte er die 15.000 sowjetischen Militärberater nach Hause, damit ging eine Kursänderung Richtung USA einher. 1973 überraschte Sadats Armee die israelischen Streitkräfte und erzwang deren Rückzug vom Suezkanal, was Sadat wie einen Sieg verkaufte und ihm große Sympathien in der arabischen Welt einbrachte. Die nationale Demütigung von 1967 war wieder gutgemacht und die ständige Opferrolle der Araber, in der sich die Palästinenser bis heute noch gerne sehen, war zumindest in Ägypten beendet. Ägypten konnte jetzt mit Israel auf gleicher Augenhöhe verhandeln.

Deshalb begann Sadat gleich nach dem Krieg mit Verhandlungen mit Israel. US-Außenminister Henry Kissinger, selbst ein Jude, überzeugte Sadat davon, dass zunächst die Diplomatie der kleinen Schritte einem umfassenden Friedensvertrag vorzuziehen sei. Deshalb wurden zunächst auch mit Syrien Truppenentflechtungsabkommen unterzeichnet. 1977 nahm Sadat eine Einladung Israels an und hielt eine spektakuläre Rede vor der Knesseth in Jerusalem, eine Sensation.

Zwei Jahre später handelte Sadat mit Israels Premier Menachem Begin das Camp-David-Abkommen aus, den ersten Friedensvertrag eines arabischen Landes mit dem Judenstaat. Dafür erhielt er kampflos die Sinaihalbinsel zurück und zusammen mit Menachem Begin 1978 den Friedensnobelpreis. Die Reaktionen seitens der arabischen Staaten waren verheerend. Die Hard-Liner Syrien, Irak, Libyen und Algerien brachen die diplomatischen Kontakte mit Ägypten ab. Das Nilland, immerhin die arabische Führungsmacht, wurde aus der Arabischen Liga geworfen.

Sadats Unterschätzungdes politischen Islam

As-Sadat wandte sich während seiner Präsidentschaft vom sozialistischen und panarabisch-nationalistischen Kurs seines Vorgängers Nasser ab. Die gesellschaftliche Unterstützung dazu suchte er unter den Islamisten, die unter den ärmsten Bevölkerungsschichten, aus denen Sadat selbst stammte, großen Zulauf hatten. Sadat leitete eine „Reislamisierung“ der Gesellschaft ein und amnestierte viele der unter Nassers Herrschaft inhaftierten Muslimbrüder. Er ging sogar auf ihre Forderungen ein und sorgte dafür, dass in der neuen Verfassung von September 1971 die „Prinzipien der islamischen Scharia als eine Hauptquelle der Gesetzgebung“ verankert wurden. Allerdings gab er sich auch wie Nasser den Titel „Ar-Rais“ (der Führer), welches eine Anspielung auf Ägyptens große Zeit der Pharaonen darstellte.

Als nach dem Beginn des Friedensprozesses mit Israel die Kritik an ihm aus islamischen Kreisen stärker wurde, versuchte er noch den Einfluss der Religion in der Gesellschaft wieder einzudämmen. Zwischen 1979 und 1980 verwendete Sadat in öffentlichen Reden häufig die Formel: „keine Politik in der Religion, und keine Religion in der Politik.“ Zu diesem Schritt mag ihn auch sein Freund, Schah Reza von Persien, veranlasst haben, dem Sadat als einziger Führer der islamischen Welt, nach seiner Flucht aus dem Iran 1979 Asyl angeboten hatte. Als im Sommer 1981 in Ägypten wieder einmal viele christliche Kopten von Muslimen niedergemetzelt wurden ließ Sadat landesweit mehr als 1.500 Oppositionelle verhaften, vorwiegend Muslimbrüder, aber auch Kopten, darunter sogar deren Papst Shenouda.

Der Bruder eines Verhafteten, Chalid Islambuli, erschoss Sadat am 6. Oktober während einer Siegesparade der Militärs in Kairo für den siegreichen Oktober-Krieg gegen Israel. Vor den laufenden Kameras rief der Attentäter: „Ich habe den Pharao getötet!“

Der Plan des islamischen Jihad im Anschluss an das Attentat das Chaos auszunutzen, und das Regime zu stürzen, misslang, weil Vizepräsident Mubarak die Armeeführung hinter sich wusste. Fünf der Attentäter wurden zum Tode verurteilt, weitere 17 zu Gefängnisstrafen, darunter auch Ayman al Zawahiri, der Gründer des ägyptischen Islamischen Jihad. Die Gruppe ging Ende der 1990er Jahre in dem Terrornetzwerk al-Quaida auf, al-Zawahiri wurde der Nachfolger von Osama bin Laden, nach dessen Liquidierung durch US-Truppen.

Auf den Straßen von Tripolis bis Bagdad wurde Sadats Tod gefeiert, zur Beerdigung kam kein einziger arabischer Staatschef. Dafür aber umso mehr Staatschefs aus dem Westen. In der iranischen Hauptstadt Teheran wurde sogar eine Straße nach dem Mörder Sadats benannt. In ihrer Autobiographie schrieb Jehan as-Sadat über den Tod ihres Mannes: „Mein Mann war ein Opfer des Friedens.“ Sein Erbe wirkt fort, obwohl vieles von dem, was der mutige „Rais“ Sadat vorhatte bis heute nicht erreicht wurde. Der zwischen Sadat und Begin ausgehandelte Frieden zwischen Ägypten und Israel hat auch die einjährige Herrschaft des Muslimbruders Mursi an der Spitze Ägyptens überdauert und hält bis heute.