CONTERN
PATRICK WELTER

Das Datenverarbeitungssyndikat mit Sitz in Contern unterscheidet sich stark von anderen Zweckverbänden

SIGI, eigentlich „Syndicat Intercommunal de Gestion Informatique“, ist der Zweckverband für Datenverarbeitung aller luxemburgischen Kommunen mit Ausnahme der Hauptstadt. Aber vor allem ist man beim SIGI anders. Dort arbeitet man ohne Hierarchien und orientiert sich an den Kompetenzen der Mitarbeiter. Der Service für die Kunden steht im Mittelpunkt, wobei die Kunden in erster Linie Gemeinden, andere Syndikate aber auch Kinderkrippen und Betreuungseinrichtungen, gelegentlich auch Ministerien, sind. Da die IT-Branche im permanenten Wandel ist, ist man auch beim SIGI ständig auf Weiterentwicklung bedacht.

Fast 40 Jahre

Als das SIGI 1982 von zwölf visionären Gemeinden gegründet wurde, war Datenverarbeitung für viele Gemeindeverwaltungen noch eine Frage von Karteikarten und dicken Leitz-Ordnern. In den Wohnzimmern der Bürger ließ das digitale Zeitalter noch mindestens 15 bis 20 Jahre auf sich warten. Heute ist alles anders, insbesondere weil aus den Bürgern erfahrene User geworden sind. „User experience“ ist ein Stichwort, das die Frauen und Männer des SIGI nicht nur bei den kommunalen Nutzern, sondern auch bei der Entwicklung von Bürgerportalen wie „macommune.lu“ ständig im Blick haben müssen.

Der langjährige Präsident Yves Wengler, bringt es auf eine kurze Formel: „Wir sind kein Informatik-Laden, wir sind ein Serviceprovider.“

Mit der gestern vorgestellten neuen, hausintern entwickelten, Kommunalsoftware – eine unzureichende Umschreibung – SIGINOVA (Details im nebenstehenden Artikel) kommt es zum zweiten großen Umbruch in der fast vierzigjährigen Geschichte des Syndikates. Bis 2026 wird damit die bisherige Plattform GESCOM ersetzt. Vor allem ist man stolz, eine eigene Computersprache und Skripte entwickelt zu haben, die vieles einfacher machen.

Eigenes Datacenter, eigene Cloud

Den ersten großen Einschnitt gab es 2002, als HP ankündigte, den Standardcomputer der luxemburgischen Gemeinden, den HP 3000, nicht weiter zu entwickeln und auch den Support einzustellen. Einfach neue Computer kaufen war keine Lösung, weil – heute kaum noch vorstellbar – die Software an die Hardware gebunden war. Damals nahmen die SIGI-Leute allen Mut in die Hand, stiegen auf eine WINTEL-Lösung und Oracle-Datenbanken um und entschlossen sich zu einer zentralisierten Lösung, einem überarbeiteten und deutlich ausgeweiteten GESCOM und zum Aufbau eines VPN. Heute nichts Besonderes, anfangs der 2000er aber noch ziemlich exotisch. In einem Umstellungsprozess über mehrere Jahre wurden die IT-Dienste der Kommunen, beginnend mit den kleinsten Gemeinden, zentralisiert. Gleichzeitig wurde das Angebot von GESCOM immer weiter ausgebaut. Heute können die Kommunen mit 46 Datenverarbeitungsmodulen die Wünsche und Anfragen von 500.000 Bürgern bearbeiten. Egal ob es um das Zivilstandsregister, Anträge auf Baugenehmigungen oder schlichte Rechnungsstellung geht.

Das Syndikat verfügt über ein eigenes Data-Center, genauso wie die Vernetzung zwischen den 101 Kommunen und SIGI über ein eigenes geschlossenes Netz läuft. Vor allem sind die Daten die die Gemeinden in der SIGI-Cloud speichern, nicht irgendwo in der Welt, sondern auf luxemburgischem Boden gespeichert.

Ein Dienstleister wie das SIGI ist in der Großregion einmalig. Die dortigen Kommunen und Gebietskörperschaften sind vielfach auf sich allein gestellt oder auf kommerzielle Dienstleister angewiesen – eine Einrichtung wie SIGI löst dort Sehnsüchte aus.

„Der Kunde steht im Vordergrund“ - Zwei Fragen an SIGI-Präsident Yves Wengler

Nach der Pressekonferenz hatte das „Journal“ noch die Gelegenheit ein paar Worte mit dem Präsidenten zu wechseln. Yves Wengler, Bürgermeister von Echternach, ist seit fast 20 Jahren Präsident des SIGI. Auf die Frage was sich in diesem Zeitraum für das Syndikat geändert hat, meint er spontan: „Die Leute denken immer noch, wir sind ein ‚Informatikladen‘, wir sind heute ein Service-Syndikat“ Das zeige sich vor allem darin, dass man bei allen Arbeiten nah am Kunden ist. Der Kunde stehe immer im Vordergrund. Das Syndikat, so Wengler, verstehe sich als Problemlöser. Daher setzte man auch auf das neue script-basierte SIGINOVA, hinter dessen Einfachheit für den Nutzer ein sehr komplexes System steht.

Syndikatsgesetz als Hemmschuh

Da das SIGI anders tickt als andere Syndikate, kommt es durchaus vor, dass die Arbeit mit den Vorgaben des Syndikatsgesetzes kollidiert. Unsere Frage, ob das Gesetz eine „Zwangsjacke“ sei, beantwortete Wengler mit einem klaren „Ja“. „Unser Direktor – Carlo Gambucci kommt aus der Privatwirtschaft – verzweifelt gelegentlich daran“. So sei die Idee, ein neues Bürogebäude zu bauen, an den Grenzen des Gesetzes gescheitert. Andererseits unterliege man als Syndikat nicht einem solchen finanziellen Druck wie ein Privatunternehmen. Auch bei Personalfragen macht das Syndikatsgesetz die Sache nicht einfacher, Spezialisten wollten angemessen entlohnt werden. „Wir können aber keine Top-Gehälter zahlen,“ meinte Wengler leicht resigniert.

Von GESCOM zu SIGINOVA: ir haben die Herangehensweise grundsätzlich überdacht“

Was ist denn nun SIGINOVA? Ein Programm, das für das Syndikat eine Revolution darstellt, wie Präsident Yves Wengler feststellte. Nach dreijähriger Entwicklungszeit ist die neue Plattform nun reif für die Praxis.

Vor allem macht SIGINOVA die Arbeit einfacher, vor allem für Anwender in den Gemeinden, die jetzt direkt ihre individuellen Bedürfnisse anmelden können. SIGI-Direktor Carlo Gambucchi nannte aber die Schwierigkeit daran: „Hinter allem was einfach ist, steckt eine sehr komplexe und aufwändige Arbeit.“

Zum Werden des neuen kommunalen Verwaltungsprogramms hat das Syndikat eine umfangreiche Presseerklärung herausgegeben, die an dieser Stelle deutlich gekürzt widergegeben wird. Bei der neuen Technologie „handelt es sich um eine neue Programmiersprache, eine Eigenentwicklung von SIGI, welche die Gemeinden dabei unterstützt, den wachsenden Herausforderungen der Digitalisierung und der Vereinfachung der Verwaltung zu begegnen. Mit dieser neuen Anwendung ‚Made in Luxembourg‘ können die kommunalen Beamten und Angestellten zusammen mit ihren SIGI-Ansprechpartnern die Computeranwendungen selbst konfigurieren, die sie täglich zur Abwicklung ihrer Aufgaben verwenden. Die durchschlagende Idee hinter dieser Innovation ist die Tatsache, dass der Benutzer selbst die Gestaltung seiner Anwendungen vornehmen kann, ohne eine komplexe informatische Entwicklung in Anspruch nehmen zu müssen. (…)“

„Diese disruptive Software wurde mit Hilfe von Open Source Lösungen entwickelt. Die Vorteile von Open Source Lösungen sind die Zugangsrechte; die Verringerung der Abhängigkeit unberechenbarer Preispolitik von großen Softwareherstellern, beim Auftreten von Problemen trägt deren Aufklärung zur Stabilität der Open Source Lösungen in der Community bei; dies reduziert nicht nur die Kosten der Lösungen, sondern ersetzt im Allgemeinen die Investition in Lizenzen durch eine Investition in Personalressourcen. Dies ist einer der Gründe, warum die Europäische Union den Einsatz und die Entwicklung von Open Source Lösungen befürwortet.“

Der Kern der Sache ist aber im Prinzip einfach, wie Direktor Carlo Gambucci erläuterte. „Bisher wurde die Code-Programmierung von der IT-Abteilung durchgeführt. In Zukunft wird der Beamte (in der Gemeinde) zum aktiven Teilnehmer bei der Entwicklung seiner Geschäftslösungen; unterstützt durch die jeweiligen Kompetenzzentren von SIGI und nicht mehr von der IT. Die Kompetenzzentren unterstützen sie dabei ihre Aktivitäten mit unserer neuen (Computer-)Sprache zu programmieren.“

Die Entwicklung eines neuen Moduls für die Kommunalverwaltung wird so von bisher neun Schritten auf nur noch drei reduziert, was nicht nur Arbeitserleichterung für alle Seiten, sondern auch eine erhebliche Zeitersparnis bringt. Es geht noch nicht von heute auf morgen, aber statt in Monaten kann mit dem Anlaufen von SIGINOVA in Wochen – vermutlich sogar nur zwei - für die Erstellung eines neuen Moduls gerechnet werden.

Übrigens sind die 101 Mitgliedskommunen und die vielen anderen kommunalen Kunden des SIGI nicht gezwungen, von heute auf morgen vom klassischen GESCOM-Paket auf SIGINOVA umzusteigen. Zeit bleibt bis 2026, dann läuft die Basissoftware von GESCOM aus.