LUXEMBURG
NORA SCHLEICH

Die Bestimmung der personalen Identität

Was macht Ihre Persönlichkeit aus? Durch was definiert sich eine Person? Etliche Philosophen beschäftigten und beschäftigen sich mit der Frage, welche Faktoren zur Konstitution des Selbst notwendig sind. John Locke, bekannter englischer Denker des 17. Jahrhunderts, war der Ansicht, dass nur die geistigen Inhalte und Merkmale ausschlaggebend für die Persönlichkeit eines Menschen sind. So illustrierte er seine Theorie anhand eines leicht zugänglichen Beispiels: Stellen Sie sich vor, ein König und ein Bettler vertauschten alle ihre geistigen Inhalte. Wünsche, Überzeugungen und vor allem Erinnerungen würden wechselseitig transponiert. Locke behauptet nun, dass die Person mit den geistigen Merkmalen des Bettlers im Körper des Königs wohnt, und umgekehrt. Das hieße demnach, dass das Wesen einer Person sich nur nach deren mentalen Inhalten richtet, und von physischer Form unabhängig ist: Der frühere Bettler und der spätere König sind im Nachhinein somit ein und dieselbe Person. Wird die These nun auf den Punkt gebracht, besagt sie, dass eine Person sich primär durch die ‚geistige Kontinuität‘ ihrer Erinnerungen und Bewusstseinsinhalte auszeichnet. Dies bringt mit sich, dass wir nicht anhand unserer körperlichen Merkmale zu identifizieren seien, sondern dass die geistigen Inhalte als unsere wesentlichen Eigenschaften zu gelten hätten. Ein kurzer Einwand sei erlaubt; es scheint mir recht schwer, die geistige Gesinnung als Differenzierungsmerkmal im Pass oder bei Fahndungszwecken als ausschlaggebend anzusehen. Nun denn,...

Derek Parfit, zeitgenössischer britischer Philosoph und Forscher an der University of Oxford, der uns zu Beginn dieses Jahres leider für immer verließ, führte das Gedankenexperiment noch weiter und wusste Lockes Auffassung zu relativieren. Er knüpfte an die These an, dass die körperliche Identität nicht notwendig für die Bedingung der personalen Identität des Menschen wäre, die psychischen Verknüpfungen allein seien ausreichend und ausschlaggebend. Nun stellt sich allerdings das Problem, dass diese ihrer Natur nach für uns nicht absolut zugänglich und einsehbar sind, und auch im Verlaufe der Jahre Veränderungen erleiden. So ist die Relation zwischen geistigen Inhalten und aktuellem Bewusstsein vielleicht doch teilweise eher eine schwache, sodass sich keine eindeutige Bestimmung der eigenen personalen Identität daraus ergeben könnte. Indem er sich hierauf basiert, argumentiert Parfit, dass das rationale Selbst, also das, was wir anhand bewussten Nachdenkens als das unsere ausmachen, stets unscharf bleibt, und dass wir uns nicht auf das Bild, das wir uns anhand unserer Erinnerungen und Intentionen von uns machen, verlassen können. Darum ist es laut Parfit auch von größerer Wichtigkeit, das Überleben des Einzelnen und dem einhergehend der gesamten Menschheit zur Grundlage unserer Reflexionen zu machen. Denn, auch die so elementare geistige Kontinuität jedes Einzelnen kann doch nur bestehen bleiben, wenn sie in einer Verbindung mit einer physischen Existenz steht.

Aus diesen Gedankenexperimenten ergeben sich für unser Verständnis der Konzeption einer Person grundlegende Fragestellungen. Ändert sich eine Person, wenn ihre Erinnerungen verloren gehen? Denken wir an Alzheimer-Patienten, deren geistige Inhalte sich im Laufe der Jahre nahezu in Luft aufzulösen scheinen. Ist diese Person denn auf einmal nicht mehr die gleiche Person? Auch seitens des Strafrechts tun sich Probleme auf. Denken sie an einen Menschen, der früher vielleicht mit kriminellen Machenschaften zu tun hatte, sich heute aber an nichts mehr erinnern kann, und tatsächlich quasi, eine ganz andere, eine aufrichtige und vertrauenswürdige Person zu sein scheint. Würde man im ersten Falle vielleicht noch intuitiv sagen, nein, die demente Person ist und bleibt der Mensch, der sie schon immer war, so scheint einem bei näheren Betrachtung des zweiten Exempels die Behauptung, dass jemand nun ‚ein neuer Mensch‘ sei, doch gar nicht mehr so fern.

Bin ich meine Intention? Oder bin ich mehr als die Summe von Erinnerungen und Hoffnungen, die sich als meine geistige Schatztruhe erweisen? Wäre meine Physis dann als Bonus zu deuten, oder doch nur als Mittel zum Zweck, um meinem intellektuellen Selbst das Zuhause stellen zu können? Was bin ich? Oder vor allem: Wann bin ich überhaupt?