LUXEMBURG
NORA SCHLEICH

Atomismus vs. freier Wille

Eine der wohl interessantesten und auch meistdiskutiertesten Fragen auf philosophischem Gebiet birgt seit eh und je Potenzial für heftige Debatten und Streitereien: Sind wir Menschen dazu fähig, unsere Entscheidungen individuell und frei zu treffen oder sind wir etwa auch bezüglich unserer geistigen Bestimmbarkeit deterministischen Gesetzen unterworfen? Vertreter des Determinismus, die ihre Theorien auf das Paradigma eines mechanisch erklärbaren Weltaufbaus basieren, geraten an Verfechter der absoluten geistigen Freiheit, für die wir regelrecht zur Freiheit verdammt sind, um es mit Sartre zu sagen. Doch wie können diese kontrastreichen und nicht minder konfliktgeladenen Lager nebeneinander bestehen? Hier nun die bivalente Konfrontation im Überblick.

Lange bevor der Physiker Boyle (1626-1691) den Elementbegriff durch das Zerlegen der Elemente in ihre chemischen Einzelteile revolutionierte und damit die Annahme, dass Materie nur aus den fünf Elementen bestünde, als überholt auswies, hat sich der Römer Epikur (341-270 v. Chr.) bereits Gedanken über den Weltaufbau gemacht. Seiner Weltsicht zufolge besteht diese aus einer Vielzahl an kleinen, aneinandergedrängten, unzerstörbaren Atomen. Lukrez (99-53 v. Chr.) verehrte Epikur für dessen Sichtweise und entwickelte diese weiter. Er vertrat eine gänzlich naturalistische Lesart des Universums. Für ihn gestaltet sich der leere Raum erst durch eine Verbindung von kleinen Atomen. Alles, was es gibt, wurde so gebildet. In dem Sinne befinden sich alle Informationen, die wir brauchen, um unsere Welt zu verstehen in diesen kleinen atomaren Baukästen - und so verhält es sich natürlich auch mit Erklärungen bezüglich der Entscheidungsmechanik unseres Geistes. Es gibt keine Laune der Götter und keine Kabalen des Schicksals, keine übernatürlichen Erklärungen und prädestinierte Zweckmäßigkeiten. Entscheidend ist für Lukrez lediglich die mechanistische Zusammensetzung atomarer Bestandteile.

Der französische Mathematiker, Physiker und Astronom (1749-1827) Laplace vertritt diese Ansicht des atomaren Aufbaus, führt jedoch weiter aus, dass die atomaren Teilchen nach den im späten 17. Jahrhundert von Newton entdeckten Naturgesetzen gesteuert sind. Somit haben wir auch hier wieder die Orientierung an deterministischen Gesetzen, nach denen das gesamte Universum, sowie auch wir selbst nach einer gewissen Ordnung bestimmt sind. Alles lässt sich in Berechnungen festhalten, alles lässt sich mit Differentialgleichungen beschreiben. Gäbe es nun eine Intelligenz, der alle Variablen des Universums bekannt wären, könnte diese dessen gesamten zukünftigen Verlauf vorhersagen. Dieser Dämon, wie Laplace dieses allwissende Wesen nennt, ist aber nun keine göttliche Instanz, die in den Verlauf eingreifen würde. Laplace veranschaulicht hiermit lediglich, dass die Welt ab dem Zeitpunkt ihrer Entstehung nach der göttlichen Vorsehung abläuft und dass dieser Plan absolut berechenbar ist, wenn man die nötigen fehlenden Elemente dazu kennt. Millionen von Jahren an Planetenkonstellationen wären schematisierbar, Naturkatastrophen voraussehbar und jegliche Entwicklungen plan- und absehbar. Raum für unseren freien Willen bleibt da natürlich kaum. Egal, welche Entscheidungen Sie in Ihrem Leben noch treffen werden, irgendwo wurde dies im Masterplan bereits festgehalten. Der freie Wille ist nichts als Illusion.

Wären wir im Theater, würde sich nun der Vorhang lichten und Jean-Paul Sartre (1905-1980) Einlass auf die Bühne gewähren. Sartre war der französische Existenzphilosoph überhaupt. Er ist für seine Annahme berühmt geworden, dass der Mensch immer und überall absolut frei ist, sodass es unmöglich ist, dieser Freiheit zu entkommen. Nun mag es zunächst komisch erscheinen, wieso der freie Wille nicht positiv konnotiert ist. Stets müssen wir selbst Verantwortung für unsere Entscheidungen tragen, sodass uns eigentlich eine recht große Last auferlegt ist. Schließlich haben unsere Handlungen auch Konsequenzen, deren Herren einzig und allein wird sind. Laut Sartre ist dem Bewusstsein dieser Freiheit eine gewisse Unsicherheit einhergehend. Wollen wir diese Verantwortung jedoch nicht tragen, oder uns vor etwaigen negativen Konsequenzen schützen, kommt die berühmte „mauvaise foi“, Unaufrichtigkeit, ins Spiel. Wir suchen die Schuld in äußeren Umständen, leugnen unsere eigene Tätigkeit und übernehmen (aus freiem Willen) die Opferrolle. Wir suchen Ausflüchte und Erklärungen, warum wir das, was wir tun müssten, nicht tun können oder warum das, was getan wurde, aber nicht sollte, dennoch geschah. So soll sich vor der Unsicherheit der Freiheit geschützt werden und die Entscheidungssituation durch das Einreden von illusorischen Zwängen verlagert werden. Das zugespitzte Beispiel stammt aus der Zeit der Judenverfolgung: Man konnte gar nicht anders, als nach Befehl zu dienen. Aber auch heute finden sich tagtäglich Beispiele, in denen wir in moralisch heiklen Situationen auf externe Einflüsse hinweisen. Sartre schüttelt verneinend den Kopf, die absolute Freiheit ist in unserer Bewusstseinsstruktur verankert. Wir entschließen uns schließlich auch aus freien Stücken dafür, unsere Freiheit als von Kontingenzen unterbunden darzustellen - eine glatte Lüge! Nichts als Ausflüchte! Am Ende geht es doch wieder nur um uns, darum, ob wir bereit sind, unser Leben zu leben, uns zu trauen, uns zu überwinden, und uns unserem Selbst zu stellen.

Wie halten Sie es nun, sind Sie ein Gebilde umherschwebender Atome, welches sich den mechanistischen Naturgesetzen fügt? Sinn und Zweck des Lebens sind nichtig, alles ist nach Ablauf gespeichert? Oder gehen Sie doch mit Sartre, nach denen Sie selbst es sind, die ihr Tun und Lassen bestimmen und somit auch dessen Folgen bis zu einem gewissen Grade absehen können? Was wäre, wenn wir vielleicht gar selbst unsere eigenen Dämonen wären?