ETTELBRÜCK
CORDELIA CHATON

Nach 30 Jahren Musikschule will eine Gesangslehrerin keine Noten mehr geben, sondern Freude

Im sechsten Stock der Psychiatrischen Klinik in Ettelbrück dringt das Herbstlicht dieses feuchten Tages auch am Mittag noch nicht richtig durch die breite Fensterfront. Der Mehrzweck-Saal füllt sich: Männer und Frauen in Alltagskleidung, mit schleppendem Schritt und grauen Gesichtern setzen sich im Kreis hin und sehen mit einem kleinen Funken Hoffnung auf die ältere Frau mit dem kurzem schwarzen Haar und der Trommel in der Hand.

Sie hebt die Hände, beugt sich vor und strahlt eine rund 30-jährige Patientin an. „Ja, hast Du den Mupp mitgebracht, Deinen Therapie-Mupp! Ja, ist der auch musikalisch! Das ist ja fein!“. Mit jedem Satz hebt die Frau ihre Stimme, ihr Blick wandert zwischen der Frau und dem Hund hin und her, ihre Augen strahlen, Wärme und Anteilnahme liegen in ihrer Stimme. „Ja, ich habe auch einen Mupp, nicht wahr, der Max, der ist auch musikalisch! Na, dann wollen wir mal!“

Christiane Thibold-Feinen spricht nicht. Die gelernte Gesangslehrerin moduliert ihre Stimme, trällert und lockt, umgarnt und umhüllt. Es ist ein glücklicher Sing-Sang. Neben den Worten und Tönen drückt sie so vor allem Gefühl aus; Mitgefühl und Lebensfreude. Für die Luxemburgerin ist die Gesangsstunde mit internen und externen Patienten des Centre Hospitalier Neuro-Psychatrique (CHNP) in Ettelbrück alles andere als eine lästige Pflicht.

„Ich muss singen, jeden Tag, ich kann gar nicht anders“, sagt sie. „Bienvenue“ stimmt die 58-Jährige mit ihrer Mezzosopranstimme an. Der zweckmäßige Saal verwandelt sich in einen Chorraum. „Je vous souhaite la bien-venue“, jubelt Thibold-Feinen. Dann verteilt sie Rasseln. Nicht jeder Patient will eine nehmen, manchen ist das peinlich. „Kommt, wir singen ein Indianerlied“, schlägt sie vor, nimmt die Trommel und schlägt sie. „Stampft mit und singt!“ Einzelne Patienten stehen nach und nach auf. Schließlich treten alle mal fester, mal nicht ganz so fest im Takt auf. Die ersten lächeln vorsichtig.

Singend Freude teilen

Das ist es, was Thibold-Feinen will. „Singen ist so ungeheuer, da steckt so viel Kraft drin“, ist sie überzeugt. Warum aber hat sie eine Karriere als Gesangslehrerin aufgegeben, um mit Alten und Kranken zu singen? Denn Thibold-Feinen hat eine klassische Ausbildung in Gesang, Klavier, Chorleitung und verschiedenen Instrumenten. Von 1982 bis 2011 hat sie an der Musikschule in Echternach klassischen Gesang unterrichtet; über 30 Jahre.

„Aber irgendwann konnte ich das nicht mehr, ich wollte Menschen nicht mehr mit Punkten bewerten müssen“, erinnert sie sich. Das lag auch an persönlichen Erfahrungen. An der Kraft, die sie Gesangsschülerinnen geben konnte, die Schwierigkeiten hatten. „Sie kamen mit grauen Gesichtern und gingen mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Da habe ich die Macht des Singens gespürt“, versichert die Frau mit Musik im Blut.

Thibold-Feinen nahm zwei Jahre unbezahlten Urlaub. Das war 2009. Sie wollte zu einem anderen Singen finden. Bei einer ganzheitlichen Gesangstherapeutin und Ärztin in Berlin bildete sie sich ebenso weiter wie in der Klangschalentherapie, indischem Dhrupadgesang und Jin Shin Jyutsu. Am Ende ließen sich ihre Überzeugungen nicht mehr mit den Ideen des klassischen Unterrichts vereinbaren. Thibold-Feinen zog einen Strich unter ihre Karriere, unter Auftritte auf den Ruhrfestspielen und die klassische Chorleitung.

Das Glück im Gesang

„Damals habe ich etwas ganz Neues begonnen. Ich konnte singend meine Freude teilen, mit Menschen, die bedürftig sind im Hinblick auf Offenheit, Zuwendung, Herzenswärme“, sagt sie. Jetzt singt die Naturliebhaberin in Alters- und Pflegeheimen, meist mit Klavierbegleitung. Dazu kommen die Auftritte in Alzheimer-Tagesstätten und Psychiatrien; so wie heute in Ettelbrück, wo sie Ethno-Songs mit den Patienten singt. „Volkslieder können negative Lebenserfahrungen heraufbeschwören. Sie behandeln oft auch Themen wie Alkoholgenuss und das ist bei einigen Patienten nicht angebracht“, erklärt die warmherzige Frau.

Möglich werden die Auftritte in Kliniken und Altenheimen über die Stiftung „Ecouter pour mieux s´entendre“ (EME). Sie organisiert die Termine. „Ich bin zwar keine Musiktherapeutin. Aber Singen heilt!“, ist die Sängerin überzeugt. So leuchten die Augen alter Menschen, wenn sie Lieder aus den 20er oder 30er Jahren hören. Und viele Alzheimer-Patienten können sich dank der Musik besser erinnern.

Musikalischer Hund

Thibold-Feinen singt nicht nur mit anderen, sondern auch allein. „Ich gehe jeden Tag mit meinem Terrier Max mindestens sechs Kilometer spazieren. Da singe ich auch manchmal - und er ist musikalisch“, freut sie sich. „Sanfte Musik verführt ihn zum Schmusen!“ Max hat sie aus dem Tierheim geholt. Er hilft ihr, sich fit zu halten. „Denn Singen ist Hochleistungssport!“

Für die klassischen Aufwärmübungen, die sie für Auftritte immer noch braucht, hat Thibold-Feinen einen schalldichten Raum in ihrem Haus. „Das ist mein Toberaum für die blöden Übungen“, schmunzelt sie. Thibold-Feinen ist überzeugt, dass Singen ganz früh beginnt, schon im Mutterleib, und einen sehr positiven Einfluss auf das Leben hat. „Ich habe immer gesungen, schon ganz klein, ich konnte gar nicht anders, dann als Pfadfinderin, später als Mutter…“ Zusammen mit den Patienten hat Thibold-Feinen 2013 sogar schon an einem Gesangswettbewerb teilgenommen. Bei MixingLuxembourg waren sie unter den ersten zehn von 44. Daraus entstand eine CD mit vier Ethno-Songs, die 2014 in der Rockhal aufgenommen wurde. Ein Lied textete die Musikbegeisterte selbst.

Im Mehrzwecksaal des sechsten Stocks des CHNP ist die Gesangsstunde beendet. Einige Patienten klatschen, andere bedanken sich bei Thibold-Feinen. „Die Patienten fragen nach ihr, es ist ein Plus, wenn sie kommt“, bestätigt Ergotherapeutin Sylvie Neves. Thibold-Feinen strahlt, schüttelt Hände, nickt. Die Stimmung ist gelöst. Und irgendwie scheint der Nebel draußen nicht mehr so dicht zu sein.

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