LUXEMBURG
DANIEL OLY

Von 1914 bis 1945: Der große Krieg des 20. Jahrhunderts

Der Erste Weltkrieg gilt als die zentrale Zäsur des beginnenden 20. Jahrhunderts: Vorbei die naive Hoffnung auf Fortschritt und Frieden. An seine Stelle treten Zerstörung und Gräueltaten, die bis dato ungeahnt waren. Der erste maschinelle Krieg zeigte sich nicht erst durch das Trommelfeuer aus zigtausenden Geschützen, die über vier Jahre des Konfliktes mehr als eine Milliarde an Sprenggranaten auf die Feinde herab- prasseln ließen. Auch das Giftgas, zu Anfang eine eher umständliche und wenig effektive Waffe, mutierte zu einem derart schlimmen, barbarischen Kampfmittel, dass es später verboten werden musste. Der „Great War“ war zudem der erste moderne Krieg, in dem Flugzeuge und Panzer ihre ersten Schritte in den Kinderschuhen taten - und ihr Effekt wird weitere 20 Jahre nach dem Krieg noch immer missverstanden und unterschätzt werden. Ein fataler Irrtum, wie sich im September 1939 herausstellen wird.

Unterschätzt wurde zum Kriegsbeginn auch eine weitere relativ rezente Entwicklung des Militärs; das Maschinengewehr - ironischerweise verfügten nahezu alle Kriegsparteien über ein Modell mit ziemlich ähnlichem Design - verhundertfachte selbst in seiner frühen Form bereits die Feuerkraft der Armeen derart, dass der geplante schnelle Sieg im Westen für alle Kriegsparteien sehr schnell zur Illusion wurde. Stattdessen gruben sich beide Seiten ein, versuchten den Gegner durch Bombardements zu zermürben. Die Mondlandschaft, die auf den Schlachtfeldern der Somme und nahe Verdun entstand, ist bis heute sichtbar. Das „No Man’s Land“, ein Resultat des erbarmungslosen Stellungskriegs mit Bunkern, Gräben, Stacheldraht.

Gebracht hat der Konflikt den Hauptkriegsparteien wenig; das Osmanische Reich zerfiel ebenso wie Österreich-Ungarn. Das britische Commonwealth kriselte ebenfalls gewaltig, und obwohl Frankreich seinem großen Rivalen Deutschland wieder reichlich Fläche abzwacken konnte, war es kurz darauf in innere Querelen verstrickt. Italien ging es nicht anders. Die Zeit der Weltmächte, die von Europa aus gesteuert wurden, war eindeutig vorbei. Dass Europa aber weiter auf den Abgrund zusteuerte, bemerkten damals wohl nur die wenigsten - allen sozialen Veränderungen, die der große Krieg zur Folge hatte, zum Trotze. Historiker sprechen deshalb gern vom „Zweiten Dreißigjährigen Krieg“ in Europa. Das Deutsche Reich hatte die Auslösung des Weltkriegs mitzuverantworten, vermochte die Kriegsniederlage nicht zu verarbeiten. Das gipfelte schließlich in der Machtergreifung eines Regimes, das danach strebte, die Niederlage zu revidieren und die Vorherrschaft in Europa zurückzuerobern. Es bedurfte eines weiteren tödlichen Weltkrieges, der eigentlich nur eine logische Konsequenz des ersten war, um einzusehen, wie wichtig Frieden und Wohlstand für alle in Europa sind. Eine Idee, die inzwischen tragischerweise abhanden zu kommen scheint. •

Lokale Auswirkungen

Auch im Großherzogtum machte sich der Konflikt schmerzhaft bemerkbar

LUXEMBURG Am 3. August 1914 hält der Konflikt des Ersten Weltkriegs auch im neutralen Luxemburg Einzug; ein Panzerzug des deutschen Militärs donnert über die Brücke in Wasserbillig und auf direktem Weg nach Luxemburg-Stadt. Die Okkupation läuft an, trotz Protesten des damaligen Staatsministers Paul Eyschen und der Großherzogin Marie-Adelheid.
Die Auswirkungen waren spürbar; nicht nur, weil die „Entente“-Kräfte nicht davor zurück- schreckten, das in ihren Augen kollaborierende Luxemburg zu bombardieren. Angesichts der Lage der Artillerie-Reichweite bedeutete das: Bombenangriffe aus der Luft. Insgesamt 211 Angriffe sind auf der Webseite ww1.lu der digitalen historischen Ausstellung „Éischte Weltkrich: Remembering the Great War in Luxembourg“ registriert. Bei den meisten Angriffen gab es nur Sachschäden, Tote gab es aber trotzdem, wie beim Angriff am 28. Mai 1917 in Ettelbrück oder vom 18. März 1917 in Differdingen. Tödlichster Zwischenfall war der Angriff am 28. März 1918, bei dem in Bonneweg zehn Menschen starben. Besonders der industrielle Süden war ein häufiges Ziel. Ab April 1916 waren die Angriffe fast schon regelmäßig - und wurden praktisch zum Lieblingsziel für Schaulustige, die sich an den Einschlägen dieser neumodischen Waffe sattsehen wollten.

Essensknappheit und Grippefälle
Die Seeblockade der „Entente“ machte sich recht schnell bemerkbar; Großbritannien warf dem im Zollverein verbleibenden Luxemburg Kollaboration vor und verhängte dasselbe Embargo, das Kaiserdeutschland und seine anderen Verbündeten traf. Immer weniger Waren gelangen daraufhin in das Großherzogtum, und eine Lebensmittelkrise samt Rationierung von Lebensmitteln wie Mehl, Brot, Fleisch oder Kartoffeln ist das direkte Resultat. Das wird sich bis Ende 1918 nicht ändern - die Zeitungen sind gefüllt mit Angaben zur Rationierung, wie Zeitdokumente zeigen.
So seien etwa Kartoffeln in jeder Menge über dem Eigenbedarf (angegeben mit 400 Kilogramm pro Haushaltsmitglied) an die staatliche Einkaufs- und Verteilungszentrale abzugeben, wie in der Ausgabe des „Luxemburger Wort“ vom 5. November 1918 angeführt wird. In den Bedarfsartikelnachrichten finden sich Angaben zu den jeweiligen Lebensmittelausgaben nach gestaffelten Bezirken. Durchgefüttert werden mussten schließlich auch die Besatzer, die sich meist in den Dörfern Luxemburg einquartierten - ob auf Fronturlaub oder bei ihrem Weg zur Front. Schon im August 1914 gab es dadurch Engpässe in der Versorgung, die von der Regierung durch Mehlsendungen gelindert werden sollten; das Benzin wurde rationiert und bevorzugt an Bauern verteilt, deren Betriebe mit Verbrennungsmotoren Getreide dreschten. Aber auch andere Waren, wie Leder, waren knapp - und standen deshalb ganz oben auf der Liste der beliebten Diebesgüter. Auch Grippefälle tauchen immer wieder auf: So sei die „gefährliche Seuche noch nicht am abnehmen“, wie es in den lokalen Nachrichten des „Tageblatt“ vom 4. November hieß. Allein zehn Menschen starben so in Düdelingen an der Grippe. Die Epidemie schien derart schlimm zu sein, dass sowohl die protestantische Kirche wie auch die Synagoge in Luxemburg-Stadt geschlossen werden mussten. Die katholische Kirche blieb derweil geöffnet - was den Kommentar hervor rief, ob dies symbolisieren sollte, dass ein Besuch des katholischen Gotteshauses gegen die Grippe immunisiere. Die ersten bedrohlichen Schatten der spanischen Grippe, die letzten Endes mehr Menschen dahin raffen wird, als es der Krieg tat, sind hier bereits klar erkennbar.DO