LUXEMBURG
CHRISTIAN SPIELMANN

„Murer - Anatomie eines Prozesses“: Ein Kriegsverbrecher vor Gericht

Der österreichische Bauer Franz Murer (1912 - 1994) wurde 1938 Mitglied der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP). Von 1941 bis 1943 war er in der litauischen Stadt Vilnius (auch Wilna) „zuständig für jüdische Angelegenheiten“, als Stellvertreter des Gebietskommissars Hans Hingst. Im Ghetto der Stadt, die als Jerusalem des Nordens bezeichnet wurde, lebten bis zu 80.000 Juden, deren Zahl unter Murer auf knapp 600 sank. Er wurde der „Schlächter von Vilnius“ genannt. 1947 wurde er verhaftet und gemäß dem Abkommen der Moskauer Deklaration an die Sowjetunion übergeben. In Vilnius wurde er zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. 1955 wurde er wieder an Österreich ausgeliefert, aber nicht mehr juristisch belangt. Simon Wiesenthal brachte ihn durch eine neue Klage 1963 in Graz erneut vor ein Geschworenen-Gericht. Doch Murer wurde trotz belastender Zeugenaussagen freigesprochen.

Ein dubioser Prozess

Der luxemburgische Produzent Paul Thiltges kannte den österreichischen Regisseur Christian Frosch. Als dieser ihm das Drehbuch zu „Murer - Anatomie eines Prozesses“ zukommen ließ, sagte er seine Mitarbeit zu. Im Film defilieren sehr viele jüdische Zeugen, die gegen Murer (Karl Fischer) aussagen, der regungslos alles mitanhört. Sein Verteidiger Böck (Alexander E. Fennon) scheint sich einen Spaß daraus zu machen, ihre Geschichten ins Lächerliche zu ziehen, wenn er nach der Farbe von Murers Uniform fragt, während Staatsanwalt Schuhmann (Roland Jaeger) der Kragen dabei platzt. Zwei Aussagen kann Böck jedoch nicht ignorieren, die von Leon Schmigel (Dov Glickman), der mitansehen musste, wie Murer seinen Sohn kaltblütig erschoss, und die von Jacob Kagan (Ariel-Nil Levy), der sah, wie sein Vater getötet wurde.

Immer wieder wird verdeutlicht, dass nicht alles mit rechten Dingen ablief. So war der Geschworene Julius Kloiber (Gerhard Liebmann) im Krieg ein Werwolf, also ein nationalsozialistischer Freischärler, und auch der Richter Peyer (Mathias Forberg) ist nicht frei von Zweifeln. Bei den Plädoyers nimmt der Staatsanwalt plötzlich Abstand zu verschiedenen Anklagepunkten, die, wie er erklärt, nicht einwandfrei beweisbar sind. Böck zieht seine Taktik durch und bekommt durch die acht Geschworenen Recht, und Murer wird freigesprochen. Am Ende erweist sich nur ein einziger, neben den jüdischen Zeugen, von Murers Schuld überzeugt, und das ist Böck, der nur seine Arbeit getan hat.

Historisch korrekt

Die österreichisch-luxemburgische Koproduktion sieht sich historisch korrekt an. Alle Schauspieler und Schauspielerinnen haben ihre Texte gelernt und tragen sie mehr oder weniger überzeugend vor. Aber der Film greift nur zu den Momenten, wenn sich der Regisseur auf einen konkreten filmischen Stil festlegt, und nicht Travellings mit unscharfen Bildern zeigt, Protagonisten von hinten filmt oder dauernd die gleiche Kamerabewegungen benutzt. Wenn der Schnitt stimmt, und die Kamera sich auf die Zeugen fixiert, können die schlimmen Aussagen die Zuschauer im Innersten treffen. Der Zuschauer wird zudem direkt mit dem Prozess befasst, ohne konkrete Umstände zu kennen. Aber im Film erklärt Simon Wiesenthal (Karl Markovics), was es mit dem „Schlächter“ auf sich hat. Diese Szene müsste als Einleitung dienen. Auch sind die 137 Minuten Laufzeit etwas zu lang ausgefallen, und hätten mit dem Weglassen aller überflüssigen Aufnahmen sowie einiger sich wiederholenden Zeugenaussagen, gestraft werden können. Somit hätte das Interesse der Zuschauer gesteigert werden können.

Viele luxemburgische Schauspieler und Schauspielerinnen spielen kleine Rollen, wie unter anderem Marco Lorenzini, Mickey Hardt, Luc Feit, Tommy Schlesser, Franck Sassonoff, Julia Ariete, Sarah Lamesch, Joëlle Lahr, Michel Tereba und der junge Victor Lieser. Der Film wurde am Dienstagabend in luxemburgischer Premiere im „Kinepolis Kirchberg“ gezeigt, im Beisein vieler Schauspieler, Schauspielerinnen und Crewmitglieder sowie der Politprominenz, wie Justizminister Félix Braz, Hauptstadtbürgermeisterin Lydie Polfer und dem österreichischen Botschafter Gregor Schusterschitz.