MONT ST. MICHEL
HELMUT WYRWICH

Daimler will Werk im lothringischen Hambach verkaufen - Entrüstung in Frankreich

Ein Donnerschlag im Moselle-Département und in Frankreich: Der deutsche Daimler-Konzern hat am Freitag angekündigt, die Fabrik, die den Stadtflitzer „Smart“ herstellt, verkaufen zu wollen. Im lothringischen Hambach bei Saargemünd (Sarreguemines) gelegen, an der lothringisch-saarländischen Grenze, sind rund 1.000 Mitarbeiter direkt und 600 weitere bei Zulieferern beschäftigt. Die Produktion des Mini-Autos Smart soll mindestens bis 2022 weiterlaufen. Das Auto selbst wird nicht nur in Lothringen sondern auch in einer Renault-Fabrik in Slowenien hergestellt.
In Paris wirkte die Nachricht wie ein Schock. „Der Standort Hambach ist ein Symbol für die deutsch-französische Zusammenarbeit“, sagte der französische Wirtschafts- und Finanzminister Bruno Le Maire in einer ersten Reaktion. „Daimler muss alle Optionen offenhalten, inclusive der, das Werk weiterzuführen“, forderte er.

Ein Schock

Die Nachricht aus Stuttgart ist für Frankreich ein Schock. Der Stadtflitzer war zwar nicht gerade das Auto, das 1997 mit offenen Armen auf dem französischen Markt empfangen wurde, gehörte mittlerweile aber zur Vielfältigkeit der französischen Automobilindustrie. Hinzukam dass es als Aushängeschild betrachtet wurde und in einer strukturschwachen Region liegt, die sich bis heute nicht vom Wegbrechen des Bergbaus erholt hat.
Die Nachricht kommt auch zu einem Zeitpunkt, den Frankreich nicht gebrauchen kann. Als Folge der Coronakrise hat Renault gerade einen Fünf-Milliarden-Kredit erhalten, um zu überleben. Das Unternehmen hat einen Restrukturierungsplan mit einem Umfang von zwei Milliarden Euro verkündet. In Frankreich sollen 4.600 Arbeitsplätze abgebaut werden, weitere 10.000 weltweit.
Staatspräsident Macron gibt zu den fünf Millarden gerade drei Milliarden für Abwrackprämien aus und zwingt Renault, Batterien in Frankreich herzustellen, die in China für die Elektroautos der französischen Marke gebraucht werden. In dem Augenblick, wo die französische Politik glaubt, dass nun ein Industriezweig über den Berg ist, kommt der Beschluss aus Stuttgart ein deutsch-französisches Aushängeschild zu verkaufen.

Smart von Beginn an ein Missverständnis

Das Werk in Hambach, in den 1990er Jahren erstellt, ist auch für heutige Verhältnisse noch modern. Es baut in seinem Kern die Autos zusammen, dessen Teile um es herum von Zulieferern „just in time“ geliefert wurden. Hambach wirkt – von der Autobahn nach Straßburg aus gesehen - wie eine weiße Burg mit einem großen Smart-Turm. Das Auto selbst war von Beginn an ein Missverständnis. Der Schweizer Uhren-Zar Nicolas Hayek (Swatch) hatte sich vorgestellt, ein kleines Stadtautos zu bauen, einfach, simpel, praktisch. Mit der Idee ging er hausieren. Nur: Niemand in Deutschland wollte so etwas bauen. Im Daimler-Konzern hatte man damals die Idee, einen kleinen Mercedes zu bauen, als Anreiz für die Jugend und als Einstieg in die Konzern-Modelle. Frei nach dem Motto: „Einmal Mercedes – immer Mercedes“. Der aber wurde später de A-Klasse und die durfte den Stern tragen. Smart, der Kompromiss aber, erhielt nicht das Recht, den Stern auf der Karosserie zu tragen. Smart erhielt einen hohen Turm, in dem das Auto, das irgendwie abgesägt wirkt, gestapelt war. Gebaut werden sollte es in Frankreich, in einer Zeit des frankreich-freundlichen Kanzlers Helmut Kohl als Geste des Konzerns. Aber da begannen bereits die Schwierigkeiten. Der mächtige Innenminister Charles Pasqua mit seiner Struktur-Organisation Datar, wollte den Smart in einigen leerstehenden Fabrikhallen an der Atlantik-Küste gebaut sehen. Daimler aber traute dem streik-freudigen Frankreich so sehr doch nicht über den Weg. Der Weg für Teile aus Deutschland war weit. Direkt hinter der saarländischen Grenze, im Grenzbereich von Saargemünd, aber bot das Moselle-Département ein Gelände an, das – zwischen einer französischen und zwei deutschen Autobahnen gelegen, ideal war. Das Dorf Hambach wurde Autostadt.
Gut 25 Jahre später gibt es mit Ola Källenius einen Vorstandsvorsitzenden des Konzerns, der andere Sorgen hat, als deutsch-französische Symbole zu pflegen. Källenius muss den Mercedes-Autobereich für die Zukunft fit machen. Er investiert in den Wasserstoff-Lastwagen mit Volvo und Geely in Schweden. Er investiert weltweit in Batteriefabriken mit einem chinesischen Partner. Er muss den Konzern in die Digitalisierung, in die „Fabrik 4.0“ führen muss Mercedes in die Elektromobilität führen und darf das Brennstoffzellenauto nicht aus dem Blickfeld verlieren. Und er muss die Automobilproduktion restrukturieren. Anders als die französischen Autobauer ist Mercedes eine globale Marke, die Källenius auf Effizienz trimmen muss.

Kleinstes Werk im großen Konzern

Smart ist da das Produkt, das sich nie wirklich entwickelt hat. Die Fabrik ist auf 200.000 Wagen in ihrer Kapazität ausgelegt, hat aber nie mehr als 150.000 pro Jahr hergestellt. Unter dem Eindruck der Coronakrise werden es in Hambach in diesem Jahr gerade 20.000 sein.
Es sollte die Marke mit dem Turm werden. Das wurde sie aber nicht. Sie hob nicht wirklich ab. Letztlich wurde sie in den Konzern integriert. Jeder Mercedes-Konzessionär hat irgendwo in seinen Verkaufsräumen immer auch einen Smart stehen und bei Niederlassungen wie Mercedes in Luxemburg gibt es auch den charakteristischen bunten Turm mit den gestapelten Smarts.
Das Schicksal des Wagens ist besiegelt. Smart wird ab 2022 als Elektromobil in China produziert, wo die Batterie dann vor Ort hergestellt wird. Zwar sollte dann in Hambach ein kleiner Mercedes SUV hergestellt werden. Aber SUV‘s werden in Frankreich angefeindet und mit höheren Steuern belegt. Außerdem: Hambach ist das kleinste Werk im großen Daimler-Konzern.
Hambach ist in Frankreich aber auch ein soziales Symbol. „39 Stunden arbeiten, aber nur für 37 Stunden bezahlt werden. Dafür dann aber einen sicheren Arbeitsplatz bis 2020“. Das war in Hambach Grund für einen harten Konflikt, weil diese Vorstellung die geheiligte 35 Stunden-Woche in Frage stellte. Mercedes setzte es durch mit einem Abstimmung, die einen schweren Konflikt zwischen Angestellten und Arbeitern im werk provozierte. Das ist nicht vergessen. Die führende, moderate Gewerkschaft Frankreichs, CFDT, spricht daher jetzt auch von „Verrat“. Die Absicht, das Werk zu verkaufen, stürzt die Familien in Hambach tatsächlich in Ängste. Der Altersdurchschnitt liegt bei 46 Jahren. Die meisten haben ihre berufliche Karriere bei Smart gemacht und befinden sich mitten im sozialen Settlement mit Haus und Kindern.
Es wird nicht leicht werden in Hambach, weder für Mercedes, noch für die Mitarbeiter. Und Minister Bruno Le Maire ist nicht jemand, der leicht aufgibt. Am Beispiel Hambach werden sich in Frankreich zwei Philosophien treffen: Die des Ministers, der einen Standort mit Arbeitsplätzen nicht aufgeben wird, weil es den nationalen Stolz und die Vorstellung von industrieller Souveränität verletzt. Ihr gegenüber wird ein internationaler Konzern stehen, der langfristig denkt und auf Produkte und Märkte achten muss. In Hambach treffen politischer Opportunismus und industrieller Realismus aufeinander. Gewinn wird Daimler mit dem Verkauf des Werkes nicht machen. Mit der Bewertung des Werkes, wird es „zu einem negativen Sondereffekt im mittleren dreistelligen Millionenbereich“ kommen, teilt Daimler mit. Mit anderen Worten: es wird ein ordentliches Verlustgeschäft.