LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Über unseren Umgang mit Vornamen

Ganze 25 Jahre hat es gedauert, um zu verstehen, dass ich gar nicht Christine heiße. Genannt werde ich anders, vor allem von meinen Eltern, die mir meinen Namen verliehen haben. Denn für sie bin ich meist: Ma-Christine.

Sprachliche Anpassungen

Es ist sonderbar, dass mir das nie aufgefallen ist. Wie sehr wir dazu tendieren, Vornamen zu verändern, indem wir nach einer Kurzform suchen oder sie mit Prä- und Suffigierungen ausschmücken. Dass wir, je nach Äußerungskontext, ein empörtes (Ma) Soo, ein herzerwärmendes Ooh, ein schadenfrohes Tjaa oder ein ungeduldiges Dajee voranstellen, die mit dem Namen verschmelzen. Dass der Partner die Diminutivendung -i, -lein oder -chen wählt, um seine Zuneigung auszudrücken. Dass die Prosodie, also die Art des Aussprechens, mitentscheidet, was der Ausruf unseres Namens bedeutet.

Dass und wie jemand unseren Namen sagt, besonders dann, wenn es gar nicht nötig wäre und wir auch so verstehen würden, dass wir gemeint sind, sagt letztlich viel über das Verhältnis aus, in dem er zu uns steht, welche Gefühlen er generell oder in einer bestimmten Situation für uns hegt und wie er sich uns gegenüber positioniert. Zudem ist der Kontext ausschlaggebend. So möchte ich Christinchen vielleicht von meinem Partner genannt werden, aber nicht von einer Person, die die Diminutivform gebraucht, um mich zu belehren.

Diskriminierung und negative Assoziationen

Wie ein Name ausgesprochen wird, hängt ferner von der gewählten Sprache ab, je nach Sprache können wir also völlig anders heißen. Was das in uns auslöst, darüber entscheidet die Frage, wie weit wir unseren Namen als identitätsstiftend betrachten. Als ich noch in Deutschland studierte und mich mit deutschen Freunden traf, hatte ich manchmal das Gefühl, ein anderer Mensch zu sein, nicht nur, weil ich selbst eine andere Sprache sprach, sondern auch, weil ich hier Christine war.

Hätte ich auf die Originalaussprechweise bestanden, so hätte mich das unweigerlich als Ausländerin gebrandmarkt. Denn letztlich hat jede Kultur hat ihre typischen Vornamen, was im Umkehrschluss auch bedeutet, dass Vornamen Indikator für eine kulturelle Zugehörigkeit und potenziell diskriminierend und stigmatisierend sein können.

Eine weitere Eigenschaft von Namen ist, dass sie manchmal Assoziationen mit ähnlich klingenden Wörtern und Personen wecken, die gleich oder ähnlich heißen. Die unterschiedlichen Assoziierungen und die Wahrnehmung von Vornamen sind dabei trendabhängig und mal schmeichelhaft, mal abwertend. Waren Kevin oder Chantal ehemals beliebte Vornamen, sieht das heute etwas anders aus.

Seit einigen Jahren wird bewusster mit Sprache umgegangen. Der Gebrauch diskriminierender Gruppenbezeichnungen wird hinterfragt und auch auf eine gendergerechte Sprache wird immer mehr Wert gelegt. Beim Umgang mit Namen bleibt dieser Reflex erstaunlicherweise aus. Womöglich liegt das daran, dass wir diskriminierende Gruppenbezeichnungen durch Alternativbegriffe ersetzen, während diese Taktik bei Vornamen nicht angemessen ist. Kevin soll nicht in Thomas umgetauft werden. Lösung bieten hier nur ein Umdenken, die Loslösung von ebensolchen Assoziierungen und das Unterlassen von spottenden Kommentaren. Und das ist viel schwieriger zu erreichen, als ein Ausdruck einfach zu ersetzen.

Wenn Vornamen ersetzt werden

In manchen Fällen kann es sehr wohl passieren, dass Namen ersetzt werden. Letztens wurde mir bewusst, dass in unserem Haushalt nur ich für alle einen Vornamen besitze. Wenn wir zusammensitzen, bin ich für alle Christine, aber mein Papa ist Papa und meine Mama heißt Mama. Dabei nennen mich meine Eltern niemals Duechter. Stören tun wir uns daran eigentlich nicht. Aber ich frage mich manchmal, ob es wirklich richtig ist, dass Eltern bei der Geburt ihres Kindes ihre Namen ablegen und fortan mit dem Ausdruck ihrer Rolle bezeichnet werden. Es ist die erhabenste und wichtigste Rolle überhaupt. Aber es bleibt eine Rolle.

Eine ähnliches Phänomen entsteht dann, wenn wir dem Partner einen Spitznamen geben, zum Beispiel Stupp, Häerzipupsi oder Mausi. Auch hier wird Häerzpupsi auf ewig Häerzipupsi bleiben und seinen wahren Vornamen verlieren.

Eindeutig problematisch sind Fälle, in denen nicht beim Ansprechen einer Person ein Spitzname gewählt wird, sondern (nur) dann, wenn über sie gesprochen wird. Schmeichelhaft sind solche Spitznamen selten, da sie häufig aufgrund eines herausstechenden negativen Merkmals gewählt werden und heimlichen Lästereien dienen. So kann die Vergabe von Spitznamen zu einem Instrument von Mobbing werden.

Das Bewusstsein für Probleme fördern

Oft fehlt das Bewusstsein dafür, dass die Veränderung eines Namens, sei es, indem er unerlaubterweise ersetzt, durch lexikalische Kreativität verfremdet oder mit negativen Dingen in Verbindung gebracht wird, verletzend sein kann, insbesondere, weil er etwas ganz Persönliches ist. Denn will nicht jeder für sich selbst entscheiden, was sein Name für ihn bedeutet und wofür er steht? Ist es nicht ungerecht, dass unser eigene Name eigentlich gar nicht uns selbst gehört, sondern vielmehr den anderen, dass sie ihn nach Belieben verformen, um-akzentuieren, ersetzen und mit Bedeutung füllen dürfen, während wir selbst kaum ein Mitspracherecht haben? Vielleicht sollten wir uns dessen künftig bewusster werden, uns danach erkundigen, wie eine Person genannt werden möchte und mit welchen Assoziierungen, Veränderungen und Spitznamen sie sich selbst identifiziert.

Wer ist Christine Mandy?

Ich wurde am 12. Oktober 1994 als Erbsenzählerin geboren. Die dafür nötigen Erbsen erwerbe ich bei meiner Tätigkeit in einer Werbeagentur und im Verlagswesen. Ich bin eine Waage, halte aber wenig von absoluter Ausgeglichenheit, hege eine Vorliebe für inspirierende und ergreifende Literatur sowie tiefgehende Gespräche, besuche gerne kulturelle Veranstaltungen und liebe alles, was ungewöhnlich ist, mich überrascht und berührt. Seit 2015 habe ich die Ehre, auf dieser Seite meine Gedanken zu teilen. Wenn Sie mir auch Ihre mitteilen wollen, wäre das für mich das absolute i-Tüpfelchen: christine.mandy@outlook.com