LUXEMBURG
MARCO MENG

Der selbstlernende Algorithmus AIVA komponiert Musik

Pierre Barreau studierte am University College London (UCL), sein Bruder Vincent ist ein Technikabsolvent von Telecom Saint-Etienne. Musikbegeistert wie sie sind brachte sie vor anderthalb Jahren ein Filmerlebnis zu ihrem Projekt Aiva - eine Künstliche Intelligenz, die selbstständig klassische Musik komponieren kann. Nicht zur Freude aller: Der Luxemburger Verband der Autoren und Komponisten (FLAC) hat kritisiert, dass zu den Feierlichkeiten zum Nationalfeiertag ein Stück von Aiva aufgeführt wurde - Musik, die von einem Computer geschaffen wurde.

Was ist Aiva?

Pierre Barreau Aiva steht für „Artificial Intelligence Virtual Artist“ und ist eine Plattform, die mit einem „Deep Learning“-Algorithmus klassische Musik erzeugen kann. „Deep Learning“-Algorithmen werden inzwischen von vielen Unternehmen verwendet, sei es Google, Facebook oder Amazon. Dieser Algorithmus ist selbstlernend, das bedeutet, er nimmt Daten - in unserem Falle rund 15.000 Partituren klassischer Musik von Bach über Mozart bis Beethoven - analysiert diese Daten, um die Muster und Regeln, die ihnen zugrunde liegen, zu verstehen. Darauf aufbauend schafft das Programm sein eigenes Modell, um Musikstücke zu komponieren.

Warum klassische Musik?

Barreau Klassische Musik ist eine sehr gute Grundlage, um von ihr zu lernen. Kinder, die wie ich früher, ein Instrument anfangen zu lernen, beginnen darum üblicherweise mit Mozart oder anderen klassischen Komponisten. Klassische Musik ist eine gute Quelle für jedwede Musik, auch wenn sie später im Stil dann eher Pop sein mag.

Wie kamen Sie auf die Idee zu einem solchen
Konzept?

Barreau Wir im Team sind selbst alle Hobby-Musiker und gleichzeitig technikbegeistert, also beide Interessensphären trafen bei uns aufeinander. Gleichzeitig wurden wir vom Science-Fiction-Film „Her“ inspiriert, in dem Künstliche Intelligenz ein Klavierstück spielt. Das war der emotionelle Auslöser für unser Projekt. So fassten mein Bruder, ein Studienfreund von mir und ich den Entschluss, das praktisch umzusetzen, und wir gründeten Aiva Technologies.

Das Ziel ist, diese Musik zu verkaufen?

Barreau Genau. Wir bedienen damit Kunden aus der Unterhaltungsindustrie. Das können Filmregisseure sein, Programmierer von Videospielen, Produzenten von Werbeclips oder Fernsehshows. Jede Art von Unterhaltung. Zuletzt hatten wir die musikalische Begleitung für die Grundsatzrede von Nvidia-Chef Jensen Huang geschrieben, und auch bei der Feier zum Nationalfeiertag wurde während des Vorprogramms ein Stück von uns in der Philharmonie präsentiert. Derzeit sind wir in Gesprächen mit Laurent Witz, dem luxemburgischen Produzenten des mit einem Oscar ausgezeichneten Films „Mr. Hublot“, für dessen neuen Kurzfilm wir die Musik komponieren. Es sind im Moment mehrere Projekte, die wir haben, mit einer Musikdauer von bis zu fünf Minuten. Aber wir wollen natürlich auch Projekte, deren Musikdauer länger ist, angehen, wie Videospiele oder Kinofilme. Gerade letzten Montag kam ich von einer Reise aus Kalifornien zurück, wo ich mich aus diesem Grund in Los Angeles mit potenziellen Kunden traf.

Zum Nationalfeiertag gab es auch Kontroversen. Premier Xavier Bettel verwies darauf, dass AIVA von der „Société des Auteurs, Compositeurs et Editeurs Musicaux“ (Sacem) als Komponist anerkannt wird.

Barreau Unser Konzept basiert nicht ausschließlich auf Automation, sondern verlangt auch nach dem Mitwirken von Menschen. Der Algorithmus schlägt dem Team etwas vor, und wir arrangieren es dann oder können auch das, was der Algorithmus komponierte, mit echten Instrumenten spielen. Es handelt sich also dabei nicht um vollkommen automatisierte Komposition.

Und wie steht es mit dem Urheberrecht? Kann eine Maschine ein Urheberrecht haben?

Barreau Ja, wir haben zu diesem Thema mit Anwälten gesprochen, und es gibt bei verschiedenen die Rechtsauffassung, dass irgendwann tatsächlich selbstlernende Maschinen Entscheidungen treffen können und darum wie ein Unternehmen Rechtspersönlichkeit bekommen könnten. Tatsächlich sind alle Kompositionen von uns, also vom Aiva-Algorithmus, für Copyright-Schutz angemeldet, alle genießen Patentschutz. Hat der Algorithmus dieses Copyright? Nein, denn wer schuf den Algorithmus? Wir, unser Unternehmen. Und dieses Unternehmen besitzt das Urheberrecht. Es gibt in dieser Beziehung noch zuweilen das Missverständnis, was Künstliche Intelligenz bedeutet. Ja, wir haben einen Algorithmus, der selbstständig komponiert, aber die technische Voraussetzungen dafür wird von Menschen geschaffen. Es wäre also nicht richtig, der Maschine das Copyright zu geben.

www.aiva.ai