LUXEMBURG
CHRISTIAN BLOCK

Solidarisch, ökologisch und finanziell abgesichert: Die TERRA-Kooperative leistet mit ihrem Anbauprojekt Pionierarbeit in Luxemburg

Sophie Pixius setzt sich noch den Strohhut auf, dann geht es raus aus dem Container-Büro. Zwischen den Beeten, in denen Gurken, Auberginen, Sellerie und Mangold heranwachsen, fühlt sich die studierte Agroökologin sichtlich wohl. Vor fünf Jahren war das alles noch ungewiss.

2014 hat sich Sophie Pixius mit Gleichgesinnten zusammengeschlossen und sich an ein bis dahin in Luxemburg kaum erprobtes Anbau- und Vermarktungskonzept gewagt. „Transition and Education for a Resilient and Regenerative Agriculture“ (TERRA) nennt sich das Projekt. Auf einer Fläche von 1,5 Hektar baut die Kooperative über 300 Sorten Obst, Gemüse und Kräuter an. Die Mitglieder des solidarischen Landwirtschaftsprojekts finanzieren die Arbeit des Teams über einen Jahresbeitrag vor und können sich im Gegenzug jede Woche von der jeweiligen Ernte bedienen. Die Rechnung geht auf. Fünf Löhne können so bezahlt werden.

Wie es der Name des Projekts andeutet, verzichtet TERRA auf den Einsatz von Chemikalien. Das einzige Pflanzenschutzmittel sind die Laufenten, die sich die Schnecken in den Beeten vornehmen. Die Erde wird nicht umgepflügt, sondern lediglich gedüngt. Auch auf Maschinen verzichten die Gärtner. „Es geht darum, so nachhaltig wie möglich zu arbeiten“, sagt Pixius. Mit Ausnahme eines Lieferwagens kommt lediglich ein kleiner solarbetriebener Hackpflug zum Einsatz, der die obere Erdschicht dreht.

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„Biointensiver Gartenbau“: Fläche maximal nutzen

Mit Sophie Pixius geht es hangabwärts, vorbei an Gewächshäusern und Obstbäumen. Was beim Vor-Ort-Besuch ins Auge sticht: Die 1,5 Hektar auf dem hinteren, den Stadtteilen Eich und Millebaach zugewandten, Ausläufer des „Eecherfelds“ werden maximal ausgenutzt. Zwischen den Salatbeeten und Gewächshäusern stehen Mirabellen-, Quetschen-, Äpfel- und Birnenbäume sowie Hecken. Neben den Tomatensträuchern setzen Blumen farbige Akzente und ziehen Bienen und Hummeln an. Irgendwo hinten an der Waldlinie stehen noch Bienenstöcke. Noch mehr anzubauen ist auf dem Stück Land, das die TERRA-Kooperative gepachtet hat, kaum drin.

„Biointensiver Gartenbau“ nennt sich das Konzept, das dahinter steckt, was aber nichts mit dem Begriff der intensiven Landwirtschaft zu tun hat. Es bedeutet einfach, dass möglichst viele Pflanzenarten nebeneinander wachsen und so auch die biologische Vielfalt groß geschrieben wird. Voller Stolz zeigt Pixius auf einen Stamm Waldameisen, die sich im Kompost angesiedelt haben. „Das ist ein Indikator für einen gesunden Boden“, weiß sie.

Auf der Fläche eines ehemaligen „Bongerts“ gedeihen vornehmlich heimische Gemüsesorten, traditionelle Obstbäume und -heckenarten sowie Kräuter. Die Gärtner versuchen sich aber auch an exotischeren Sachen. Beim Rundgang gibt es Pipicha, ein mexikanisches Würzkraut, Shiso (auch Perilla) mit asiatischen Wurzeln oder eine neuseeländische Spinatsorte zum Probieren.

Ziel des TERRA-Projekts ist es darüber hinaus, einen geschlossenen Ressourcenkreislauf herzustellen. Vollständig umgesetzt werden kann das allerdings nicht. Weil die Fläche knapp bemessen ist, wird Kompost zum Teil zugekauft. Und für die Bewässerung mit Wasser aus dem Teich auf dem Gelände regnet es - trotz anderweitiger subjektiver Einschätzung - einfach nicht genug. Auch Saatgut wird teilweise zugekauft.

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Alternative zur konventionellen Landwirtschaft

Das von TERRA angewandte Anbaukonzept findet laut Pixius weltweit immer mehr Verbreitung und soll eine Alternative zur herkömmlichen Landwirtschaft darstellen. Bauern an den Pranger stellen will Pixius dabei nicht. Vielmehr spricht sie eine Art Systemzwang an, der Landwirte über Jahre in eine Richtung gedrängt habe. „Es ist wichtig zu zeigen, dass es auch anders geht“, sagt sie. TERRA leistet demnach Pionierarbeit, soll als positives Beispiel dienen. Als Genossenschaft in der solidarischen Landwirtschaft mit nachhaltigem Konzept ist TERRA in dieser Form einzigartig in Luxemburg. Interessierte können in die Kooperative investieren, indem sie Anteile erwerben. Zudem zahlen die Mitglieder im Voraus für eine Dienstleistung. TERRA kommt zudem ohne Subventionen aus. Finanzielle Unabhängigkeit ist dem Team wichtig.

Dabei lastete auf den Schultern des Gründungsteams anfangs eine große Verantwortung. Menschen vom Konzept zu überzeugen war vergleichsweise einfach. „Wir haben die Menschen begeistert, sie sind an solchen Konzepten interessiert“, erinnert sich die Initiatorin. Innerhalb eines Monats hatten die Mitglieder der Kooperative 50.000 Euro Startkapital zusammen. Dann mussten sie alles geben, um auch zu liefern. Heute berichten die Mitglieder mit Stolz von ihrem Projekt. „Es ist eine immense Genugtuung, so kohärent nachhaltig arbeiten zu können“, sagt Pixius, die sich bei TERRA vornehmlich um die ganzen administrativen Arbeiten kümmert.

Der Rundgang führt zurück zum Bürocontainer. Davor steht, einladend im Freien platziert, ein großer Tisch mit Bänken. „Wir legen auch sehr viel Wert auf das Soziale“, sagt die TERRA-Mitbegründerin. In den gemeinsamen Pausen kommt man hier ins Gespräch. In Mitarbeitern-Meetings ginge es auch darum, „sich um den Mensch zu kümmern. Wir wollen eine Gemeinschaft rund um die Lebensmittelproduktion entstehen lassen“, betont sie. Auch die Trennung zwischen Arbeit und Privatleben im Sinne der Work-Life-Balance spielt dabei eine Rolle. Auch wenn Überstunden nicht zu vermeiden sind, so hielten sich die Arbeitszeiten doch im Rahmen der regulären acht Stunden. Urlaub ist ebenfalls drin. Kein Wunder, dass das Projekt auch so manchen Aussteiger anzieht, der den stressigen Bürojob an den Nagel hängt - weniger Gehalt hin oder her.

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„Überraschung im Korb“

Die Mitglieder erhalten im Gegenzug für ihren Beitrag frische und unbelastete Produkte während circa 34 Wochen im Jahr. Auf das Bio-Siegel verzichtete die Kooperative bislang, aus Kostengründen, aber auch, weil ihr die damit verbundenen Auflagen nicht ausreichen. In diesem Jahr beliefen sich die Restkosten, die auf die Mitglieder verteilt werden, auf 840 Euro, das sind umgerechnet 24,7 Euro pro Erntewoche. Dafür holen sich die Kunden wöchentlich einen Korb mit acht bis zwölf verschiedenen Produkten ab. Was sie bekommen, erfahren sie allerdings immer erst vor Ort oder an den Verteilungspunkten , wo eine weitere Verteilung organisiert wird. „Eine Überraschung im Korb“, sagt Pixius. In der Mehrzahl handele es sich bei den Mitgliedern um Menschen, die ohnehin gerne kochen.

Mit Stéphane Mayer zählt sogar auch ein Koch zum Team. Er bietet Kochkurse an. Und die im Projektnamen angeführte „Education“ kommt auch in den kostenpflichtigen Führungen zum Tragen.

Rund 230 Mitglieder zählt TERRA heute und ernährt, wenn man so will, rund 500 Menschen. Allzu viel weiter wachsen wollen die Verantwortlichen nicht. „Bis zu 250 Mitglieder“ sei über den Verlauf der kommenden Jahre realistisch. Denn schon heute beanspruche der Arbeits- und Verwaltungsorganisation viel Zeit und der Verzicht auf Maschinen bedeutet logischerweise viel Handarbeit.

Die Unterstützung von Freiwilligen ist deshalb immer willkommen. Immer wieder packen hilfsbereits Gäste mit an. So auch Denis Bertin. Der 19-Jährige ist Ende Juni für einen zweimonatigen Auslandsaufenthalt im Rahmen eines BTS-Studiengang im Bereich der Landwirtschaft von der Insel „La Réunion“ angereist. Mit seinem Studium spezialisiert er sich auf die Entwicklung der Landwirtschaft in warmen Regionen. Auf die Frage, was er vom TERRA-Konzept hält, sagt er spontan: „Das ist die Zukunft“. Das Modell sichere den Landwirt finanziell ab, wo es ansonsten viele Zwischenhändler gebe, die den Profit schmälern. Potenzial sehe er deshalb auch in seiner Heimat, wo viel Zuckerrohr angebaut wird, auf dem die Bauern aber nicht unbedingt gut verdienen und zudem von finanziellen Hilfen abhängig sind. „Man müsste die Prioritäten anders setzen“, sagt Bertin.

www.TERRA-coop.lu