PASCAL STEINWACHS

Auch wenn das Drama der aktuellen Flüchtlingskatastrophe seit der Veröffentlichung des Fotos des toten Flüchtlingsjungen ein Gesicht bekommen hat und weltweit für Bestürzung und Trauer gesorgt hat, so sollte doch nicht vergessen werden, dass es sich hier leider nicht um einen Einzelfall handelt, sondern dass mit Sicherheit auch schon in den Tagen und Wochen zuvor tagtäglich viele andere Kinder auf ihrer Flucht ums Leben gekommen sind, nur dass das bislang keinen so richtig interessierte.

Das dürfte seit gestern anders sein (zumindest für kurze Zeit, das heißt bis zum nächsten Aufregerthema, oder erinnert sich noch irgendeiner an Griechenland oder gar die „Je suis Charlie“-Solidaritätsaktionen?), zumal am gleichen Tag auch noch die jüngsten Zahlen des UN-Kinderhilfswerks UNICEF veröffentlicht wurden, denen zufolge momentan wohl 30 Millionen Kinder auf der Flucht sind und etwa 230 Millionen Kinder in Ländern und Regionen mit bewaffneten Konflikten leben. So starben nach offiziellen Zahlen allein während des Kriegs im Gazastreifen 538 Kinder.

Den UN-Angaben ist weiter zu entnehmen, dass 40 Prozent der Kinder in den Krisenländern Syrien, Libyen, Irak, Jemen und Sudan, das sind in diesem Fall 13,7 Millionen Minderjährige, nicht zur Schule gehen, was nicht nur Auswirkungen auf den Kampf gegen Extremisten hat - Personen ohne Schulbildung schließen sich eher islamistischen Milizen an - , sondern ebenfalls auf die Flüchtlingsströme ins Ausland.

Umso bedauernswerter, dass die Solidarität innerhalb der EU immer noch zu wünschen übrig lässt, ja, der Streit um die Verteilung von Flüchtlingen in Europa immer heftiger wird, wie nicht zuletzt der gestrige Besuch des ungarischen Regierungschef Orban in Brüssel wieder einmal deutlich machte.

Ginge es allerdings um irgend eine Bankenrettung oder ein neues Maßnahmenpaket für Griechenland, wetten, dass die EU-Staats- und Regierungschefs bereits morgen zusammenkommen würden und, wenn nötig, auch die ganze Nacht durchdiskutieren würden. Die EU-Außenminister kommen zwar schon heute auf Kirchberg zusammen, allerdings nur zu einer informellen Sitzung. Ein Krisentreffen zur Flüchtlingskrise findet derweil - auf Initiative der luxemburgischen EU-Ratspräsidentschaft - erst am 14. September statt, und das auch nur auf Ebene der Innen- und Justizminister.

Indessen trat Außenminister Jean Asselborn gestern in der „Süddeutschen Zeitung“ für den Ausbau des Europäischen Unterstützungsbüros für Asylfragen zu einer regelrechten Europäischen Flüchtlingsbehörde ein, die die Anwendung EU-weit gleicher Standards gewährleisten müsse.

Für den luxemburgischen EU-Ratsvorsitz dürfte die Flüchtlingskrise jedenfalls zur größten Herausforderung überhaupt werden, wobei man aber gespannt sein darf, wie die Luxemburger reagieren werden, sollte die Zahl der Flüchtlinge in den nächsten Wochen und Monaten auch hierzulande massiv ansteigen und sollten einem die verzweifelten Menschen nicht nur in den Abendnachrichten, sondern auch im richtigen Leben begegnen. Echte Solidarität wäre hier wünschenswert...