LUXEMBURG
MAXIME MILTGEN

In der Corona-Krise wird ersichtlich, dass die „Care-Arbeit“ für das grundlegende Überleben und Funktionieren der Gesellschaft absolut notwendig und daher in höchstem Maße systemrelevant ist, wobei diese Arbeit zum großen Teil von Frauen geleistet wird.

„Am Wochenende des 7. und 8. März gelang es, die Aufmerksamkeit der Medien und der Gesellschaft auf das Thema der Gleichstellung von Frauen und Männern zu lenken. Die Debatte hatte ohne Zweifel Fahrt aufgenommen. Dann kam Covid-19 auch in Luxemburg an.

Heute muss man sich daher die Frage stellen, ob das Thema der Gleichstellung während der Krisenbewältigung sozusagen ‚geparkt‘ werden soll, oder aber ob die aktuelle sanitäre Krise nicht auch die Gelegenheit bietet, die Genderfrage aktualitätsbezogen zu beleuchten und womöglich gerade wegen der derzeitigen Erfahrungen einen Schritt nach vorne zu bringen.

In der luxemburgischen Gesellschaft ist der Kampf der FeministInnen ein anderer als in vielen Teilen der Welt; Kritiker lassen sich oft dazu verleiten zu behaupten, es bräuchte diesen Kampf nicht mehr, da unsere Gesellschaft sich eh schon lange einen verbindlichen Rahmen für gleiche Rechte und Möglichkeiten für Frau und Mann geschaffen habe. Dem soll man jedoch gegenüberstellen, dass die größte zu überwindende Hürde immer noch die festgefahrenen Rollenbilder innerhalb der Familie und allgemein in den Beziehungen zwischen Frau und Mann sind.

Covid-19 hat der Gesellschaft eine neue Normalität aufgezwungen und unser Leben auf den Kopf gestellt: berufstätige Frauen und Männer sind der Herausforderung, Telearbeit und Hilfsschullehrerdasein unter einen Hut zu kriegen, gleichermaßen ausgesetzt. Viele Berufe, die zurzeit als besonders systemrelevant angesehen werden und plötzlich ungeahnte gesellschaftliche Wertschätzung zugesprochen bekommen, werden größtenteils von Frauen ausgeübt. Die klassische Rollenverteilung, die scheinbar nur schwer zu ändern war, wird nun grundsätzlich in Frage gestellt, sei es in der Berufshierarchie oder in der Arbeitsaufteilung im familiären Alltag. In einer modernen Gesellschaft brauchen wir neben Nachhaltigkeit, Digitalisierung und alternativen Arbeitsmodellen auch eine moderne Familie, in der jeder ein wenig von allem haben kann. Männer wie Frauen müssen ihre Rollen neu definieren und organisieren, um den neuen Anforderungen einer schnelleren, moderneren Gesellschaft gerecht zu werden. Der Bereich des ‚Care‘ muss außerhalb und innerhalb der Familie finanziell und sozial anerkannt werden.

Wie aber wird es sich nach der hoffentlich baldigen und vollständigen Überwindung der sanitären Krise verhalten? Kann es wirklich das Ziel sein, zu der Gesellschaft von Februar 2020 zurückkehren zu wollen? Oder sollen wir uns nicht jetzt schon überlegen, wie wir die Erkenntnisse der Krise, auch in Bezug auf Rollenverständnisse und Gleichstellungsfragen, nachhaltig in unserem sozialen und politischen Normengefüge verankern sollen?“