LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Als sich in der Nacht vom 27. auf den 28. Juni 1969 eine Gruppe von Homosexuellen in der New Yorker Christopher Street bei einer Razzia in der Schwulenbar Stonewall Inn zur Wehr setzte, ahnte niemand, dass damit die Tradition der Pride-Bewegungen begründet war. Seither geht die LGBTIQ-Gemeinschaft weltweit jeden Sommer während der Christopher Street Days auf die Straße, um einerseits die Vielfalt zu feiern und andererseits ein sichtbares Zeichen gegen Intoleranz und Diskriminierung zu setzen.
Bunt und schrill. Das sind die beiden Wörter, mit denen die Pride-Paraden jedes Jahr in den Medienberichten beschrieben werden, dabei geht es keineswegs vordergründig um den Spaßfaktor. Durch die Straßen ziehen nämlich vor allem Menschen, die auch im 21. Jahrhundert noch für ihre Rechte im eigenen Land eintreten müssen und darüber hinaus auf die Missstände in anderen Teilen der Welt aufmerksam machen. Laut „Gay Travel Index 2020“ droht Homosexuellen aktuell in 15 Ländern die Todesstrafe. Manche Nationen haben ihre homo- und transphoben Gesetze sogar verschärft.
An Handlungsbedarf mangelt es indes auch in Europa nicht. In Ungarn schlagen Menschenrechtsorganisationen Alarm. Eben erst hat das Parlament eine Gesetzesänderung beschlossen, wonach das bei der Geburt eingetragene Geschlecht später nicht geändert werden kann. Transsexuelle werden demnach nicht mehr anerkannt. In Polen sprechen Aktivisten von zunehmendem Druck und sogar einer Hetzjagd auf sexuelle Minderheiten. „Man versucht uns zu überzeugen, dass das Menschen sind, aber es ist einfach nur eine Ideologie“, hat unlängst Präsident Andrzej Duda gesagt.
Wie bedenklich die Situation europaweit ist, offenbart auch der im Mai veröffentlichte Rainbow Index 2020 der ILGA Europe. Die gesamteuropäische Lage von LGBTIQ-Personen befinde sich in einer Phase der Stagnation, schreibt Rosa Lëtzebuerg in einer Mitteilung und beruft sich dabei auf die Auswertung der rechtlichen Lage in 49 europäischen Ländern. Zwar gibt es durchaus positive Nachrichten, so haben etwa Island und Spanien Gesetze zur Anerkennung der Geschlechter verabschiedet, doch in rund der Hälfte der Länder gab es letztes Jahr keine positiven Veränderungen. Am schlechtesten schneidet Polen im Ranking der EU-Staaten ab. Luxemburg liegt zum fünften Mal in Folge auf Platz 3, knapp hinter Belgien, dafür aber viele Prozentpunkte von Malta entfernt, das laut Rainbow Index das LGBTIQ-freundlichste Land Europas ist.
„Es bleibt noch viel zu tun“, urteilt Rosa Lëtzebuerg. So wurde bislang etwa das Verbot von Konversionstherapien nicht gesetzlich verankert, Schwule dürfen nach wie vor kein Blut spenden, der mehrtägige Sonderurlaub bei der Geburt eines Kindes steht dem gleichgeschlechtlichen Ehepartner nicht zu, und auch in Sachen Adoption hat die ungleiche Behandlung zwischen hetero- und homosexuellen Paaren in einem fortschrittlichen Land wie Luxemburg Bestand. Komplett vorurteilsfrei ist unsere Gesellschaft übrigens auch nicht.       
Obwohl die CSD-Events und somit auch die „Luxembourg Pride“ in diesem Jahr wegen der Corona-Pandemie ausfallen, dürfen die Rufe nach Gleichberechtigung und Toleranz nicht ungehört bleiben. Und die vielen Politiker, die jedes Jahr bei Paraden lächelnd ihre Regenbogenfähnchen schwenken, in der Überzeugung, damit ein ausreichendes Zeichen zu setzen, sollten richtig hinhören.