Im Sommer ist die Welt einfach eine andere. Sobald die Eisdielen wieder geöffnet haben, spürt man, dass der Frühling da ist - und er hat vor allem die jungen Menschen ganz schön verändert.
Das fängt ja schon bei der Bekleidung an. Im Winter versteckt man kleine Problemzonen einfach unter einem meterdicken Rollkragenpullover und wenn es auch noch so darunter juckt.
Jetzt hingegen sieht man wieder alle Mädchen in Hotpants, kurzen Miniröcken und engen Tops herumlaufen - allen voran jene, die es nicht unbedingt tragen sollten, dicht gefolgt von denen, die es sehr wohl tragen könnten und immerzu hören müssen, dass das tatsächlich auch der Fall ist. Erstere werden mit einem zucker-
süßen Grinsen für ihre Figur gelobt - „du hast so tolle Kurven!“ -, die anderen als magersüchtig beschimpft, so bekommt dann jeder sein Fett weg - im wahrsten Sinne des Wortes. Selbstbewusst fühlt sich am Ende aber wohl jeder.
Wie eine Biene
Ganz besonders dann, wenn man das Gesicht einfach unter einer riesigen Sonnenbrille verstecken kann. Das ist eigentlich ganz praktisch, denn dann muss man niemandem mehr in die Augen blicken. Manchmal jedoch macht man sich ja einen Spaß daraus, die Leute mit Absicht anzustarren, nur um ihre Reaktion zu beobachten. Man fühlt sich dann wie eine Biene; ein Blick, ein Stich, ein innerer Aufschrei. Im Winter müssen sie nur in eine andere Richtung schauen, aber im Sommer, da macht man es ihnen nicht so leicht, denn wenn sie ihre Sonnenbrillen tragen, müssen sie sich wohl wie Eulen fühlen: Sie müssen schon den ganzen Kopf zur Seite drehen, damit es ja nicht so aussieht, als würden sich die Blicke einmal treffen - wer weiß, was dann passieren würde, ja, man kann es nur erahnen; ein ganzer Mythos kreist darum, denn kaum jemand hat den Mut, es auszuprobieren. Man will ja nicht aufdringlich sein. Am erträglichsten scheint es für sie zu sein, wenn sie auch noch Kopfhörer tragen, am besten groß und bunt, als würden sie damit signalisieren wollen: „Kein Angriff möglich!“ Kopfhörer sind die neuen Schutzwesten. Mit denen kann man sein Umfeld noch besser ignorieren. Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen.
Zehn Gebote eines Parkbesuchs
Der Weg führt einen im Sommer auch sicher mal in einen Park. Dort hat man allerdings leider nichts verloren, wenn man weder ein Gras rauchender Junkie, noch ein fotografierender Tourist, noch ein sich bräunender Bikiniträger, noch ein schlendernder Rentner ist. Alle Klischees sind abgedeckt. Bricht man diese Regel, fühlt man sich gerne mal wie ein Alien, und das will man nicht, denn neusten Forschungen zufolge geht man davon aus, dass Menschen ähnlich wie Stinktiere ein Sekret verbreiten, das den Aliens langsam in die Nase steigt und sie zur Flucht treibt - ein äußerst effektives Mittel.
Böse Nachbarn
Aber dann geht man eben in den heimatlichen Garten oder setzt sich auf den eigenen Balkon. Es kann gut sein, dass man dort freundlicher empfangen wird. Ständig winken einem Nachbarn beim Vorbeigehen zu - aber jetzt einmal Hand aufs Herz: Mag man das wirklich? Das Problem lässt sich allerdings ganz einfach lösen, man muss den Garten nur mit möglichst dichten und hohen Hecken umzäunen. Dann kann man sich für das viele Winken beim Nachbarn revanchieren, denn als Dankeschön landen die abgefallenen Blätter bei ihm und die nicht essbaren und Verdauungsprobleme verursachenden Früchte, die der Nachbarshund so gerne zu sich nimmt, bevor er sich abends zu Herrchen ins Bett gesellt. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass Herrchen nun die ganze Nacht an seinen netten Nachbarn und seine hübschen Hecken denken muss. Aber damit ist das Spiel nicht vorbei! Der Nachbar entscheidet sich in einer dieser vermutlich schlaflosen Nächte, in nächster Zeit Besuch zu empfangen und draußen zu feiern - ein schlauer Racheplan. Im Sommer wird man kreativ! Die perfekte Feier setzt allerdings einiges an Planung voraus und man muss auf so viele Details achten: Welcher Grill macht am meisten Qualm, welcher Freund ist am schlimmsten vom Heuschnupfen geplagt und wird am indiskretesten niesen, welcher Gast erzählt am lautesten die lahmsten Witze und wer hat das geeignetste Organ, so richtig lauthals in das allgemeine, forcierte Lachen einstimmen? Aus der Nachbarschaft wird natürlich niemand eingeladen aber man sorgt selbstverständlich dafür, dass sie trotzdem etwas davon hat. Sie kann immerhin riechen, was gegessen wird, hören, über wen gelästert wird - nämlich über sie selbst - und traurig sein, wenn alle wieder gegangen sind und einfach Stille herrscht, denn gerade das wollte man ja nicht mehr, als man sich den Sommer herbeigesehnt hat, oder?



