SOLLER
PATRICK WELTER

Der Norden Mallorcas im November - durchaus eine Reise wert

Vor ein paar Jahren saßen wir auf der Terrasse eines Golfclubs östlich von Palma de Mallorca, das Wetter war toll, die Aussicht prächtig, auch für arbeitende Journalisten. Das einzige was störte, war die ununterbrochene Kette von Flugzeugen, die im Minutentakt über uns hinweg brummten. Über dem Flughafen von Palma lag ein Hauch von Berliner Luftbrücke. Touristen zu Tausenden aus Berlin, Manchester oder Luxemburg.

Die Beliebtheit der Baleareninsel ist auch ihr Fluch, halbwegs leer ist es hier nur im Spätherbst und im Winter. Verwunderlich ist es aber, dass es die Massen im Sommer in Ecken der Insel zieht, die keineswegs die schönsten sind. Weltkultur- oder Weltnaturerbe interessiert nun mal nicht jedermann. Ein schneller Blick in die gotische Kathedrale von Palma muss da als Kulturhäppchen reichen.

Was zieht einen Gast im November auf die Insel? Das Wetter ist zwar nicht so kalt wie zuhause, aber Nieselregen und Wolken sind keine Seltenheit. Immerhin, wenn die Sonne scheint, wird es schnell warm.

Wir sind aus beruflichen Gründen hier und merken den deutlichen Unterschied zur „Saison“. Die Umgebung des Flughafens ist fast als ruhig zu bezeichnen. Genauso ist es bei der Fahrt nach Palma und vorbei am Stadtpanorama Richtung Westen. Der Blick auf den Hafen irritiert, bis der mentale Groschen fällt: Es liegt nicht ein Kreuzfahrer im Hafen, die Hochhaus hohen Musikdampfer sind wahrscheinlich alle in der Karibik.

Im Yachthafen von Portal Nous, das gegenteilige Bild: Alle Liegeplätze belegt, nicht gerade mit Megayachten der Oligarchenklasse, aber etliche Millionen-Boote reihen sich hier aneinander. Spötter meinen: Alles Schönwetter-Boote. So gut wie kein Betrieb, nur wenige Restaurants haben geöffnet, einige Boutiquen geschlossen. Aber es herrscht keineswegs eine Out-of-Season-Tristesse. Es ist eher interessant, das ganze ohne Gaffer zu sehen.

Ab ins Gebirge

Jetzt geht es auf den schönsten Teil der Reise, via Andratx - der Luxusecke der Insel - hinauf ins Gebirge. Eines ist auch anders als sonst: Mallorca ist grün, nicht sonnenverbrannt und vor allem braun-gelb, sondern durch und durch grün.

Mit der November-Mischung aus Grün und Grau erlebt man die schönste Ecke der größten Baleareninsel einmal ganz anders - das Tramuntana-Gebirge das sich entlang Nord-West-Küste zieht. Außerdem sind ausnahmsweise mehr Einheimische als Touristen unterwegs. Man hat die Straßen durch die Berge gewissermaßen für sich alleine. Dort wo man in den Sommermonaten vor allem auf Massen von Radsportlern aller Leistungsstufen trifft, ist man jetzt mit dem Auto nahezu ungestört unterwegs.

Weltnaturerbe

Wie so oft, wenn ein Gebirge direkt aus dem Meer aufsteigt, wirkt alles viel gewaltiger. Obwohl die Pässe nur zwischen 400 und 500 Metern Höhe haben, kommt schnell das Gefühl auf, im Hochgebirge unterwegs zu sein. Auf dem Weg entlang der Küste geht es bergauf und bergab, stets den Abgrund und die graue See im Blick. Schilder weisen mehrfach darauf hin, dass die „Serra Tramuntana“ Weltnatur-erbe ist. Der höchste Berg ist der Puig Major mit 1.436 Metern. Die meisten Fincas und Ferienhäuser sind verwaist. Nebelschwaden ziehen zwischen den schroffen Bergen hindurch. Mallorca für Freunde der Einsamkeit.

Die Dörfer zeigen jetzt ihr authentisches Gesicht, die Andenkenshops sind zu, die engen Straßen nicht verstopft. Selbst in Valldemossa ist nichts los, in dem 2.000 Einwohnerort kann sonst die sprichwörtliche „Hölle“ los sein. Zu verdanken ist das touristische Treiben einem zweimonatigen Aufenthalt von Frederic Chopin und George Sand in der „Kartause von Valldemossa“ im Winter 1838/1839. Der Nachruhm von Komponist und Autorin wirkt bis heute, von denen hat man schon mal was gehört, also muss „man“ dahin - aber nicht im November

Wenige Kilometer später erreichen wir Soller durch den seit 20 Jahren existierenden Tunnel, ohne den zwar schönen aber langen Weg über den Pass einzuschlagen, den man jahrhundertelang nutzen musste, um von hier nach Palma zu kommen. Soller gilt als schönste Stadt Mallorcas, also sollte das Wetter oder die Jahreszeit keine Rolle bei einem Besuch spielen. Außerdem zeugen schmale Schienen am Rand einiger Straßen von Mallorcas ungewöhnlichstem Verkehrsmittel - der Eisenbahn. Eigentlich mehr ein Zwitter aus Straßenbahn und Schmalspurig, aber das antike Gefährt verbindet immer noch den Hafen von Soller mit der Inselhauptstadt Palma.

Port de Soller ist das perfekte Beispiel für einen Naturhafen, der von hohen Felswänden eingerahmt ist. Entsprechend steigt auch die Bebauung die Hänge hinauf. Hier übernachten wir in einem Hotel der etwas anderen Art (siehe Kasten). Am nächsten Morgen setzen wir unsere Tour durchs Gebirge weiter fort, Fahrtrichtung Nord-Osten. Später geht es hinunter in das lebendige Inca und die große Ebene, die Mallorca ansonsten ausmacht.

Jedem der nicht regenwasserscheu ist und der einmal die größte Baleareninsel ohne Rummel, halbwegs authentisch, erleben will, wird Spaß an der Sonneninsel unter herbstlichen Nebelschwaden haben.