LUXEMBURG
CLAUDE MULLER

Das Carla Bley Trio in der Philharmonie

Legendäre amerikanische Jazzstars einzuladen hat sich besonders in den beiden letzten Jahrzehnten als wichtiges Aushängeschild renommierter europäischer Konzerthäuser bewährt. Dass die Kirchberger Philharmonie in diesem Sinne mit den bedeutendsten Kulturtempeln wie dem Wiener Musikverein, dem Pariser Théâtre des Champs Elysées oder neuerdings der Hamburger Elbphilharmonie durchaus mithalten kann, belegen die spektakulären Auftritte eines Ornette Coleman, Sonny Rollins, Cecil Taylor, Wayne Shorter oder den wegweisenden Pianisten des Modern Jazz Chick Corea oder Herbie Hancock.

Am vergangenen Mittwoch war die Pianistin, Komponistin und Arrangeurin Carla Bley an der Reihe, die durch ihre prägnanten Kompositionen, insbesondere ihrer Jazz-Oper „Escalator Over The Hill“, Geschichte geschrieben hat. Ihre Spezialität und damit auch ihr Markenzeichen ist das Schaffen einer einzigartigen Stimmung in ihren Werken, wie es eigentlich, im Grenzbereich zwischen E- und U-Musik, sonst nur einem Kurt Weill oder Nino Rota zu Gute kommt. Sicher gehört Carla Bley nicht zu den technisch versiertesten Tastenkünstler der Jazzgeschichte, aber eben die sparsame Dosierung und die ausgewählte Kargheit ihrer Phrasierung machen die Originalität und den besonderen Reiz ihrer Interpretationen, die meist Eigenkompositionen sind, aus. Dass sie die bevorzugte Arrangeurin des legendären Bassisten Charlie Haden im Rahmen seines „Music Liberation Orchestra“ war, dessen Leitung sie nach Hadens Tod übernahm, spricht für sich.

Natürlich war man auf einen Konzertabend ohne schwerwiegende Überraschungen vorbereitet, konnte man das Trio doch schon mehrere Male in Luxemburg und naher Umgebung (Düdelingen und Thionviller „Jazz Pot“) erleben. Zudem war man sich bewusst, dass mit dem weltweit erfolgreichen Trio immerhin 224 Lebensjahre auf der Bühne standen. Aber trotz dieser Vorbehalte am Rande erwartete man eine Soiree, die die subtilen Facetten einer Ausnahmekünstlerin mit allen Spitzfindigkeiten ihrer über 60jährigen Erfahrung in der Branche in den Vordergrund stellen sollte.

Musikalisches Chamäleon

Und genau diese Erwartungen erfüllte die Leaderin, die im Mai dieses Jahres ihren 83. Geburtstag feiern durfte, (nach anderen Angaben wurde sie 1938 geboren) in vollem Maße. Die reiche Auswahl ihrer meist rezenten Kompositionen präsentierte das Trio mit einer verblüffenden Einfachheit und überzeugender Leichtigkeit, Attribute, die bei Liveauftritten kleinerer Combos eher selten zu finden sind. Hier war bei keinem der drei Solisten, trotz des besonderen Charakters der Stilistik, eine forcierte Originalität oder die, wie in diesem Fall nach jahrzehntelangen Tourneestrapazen, häufig gelangweilte Routine anzumerken, hier verwandelten Topmusiker die subtilen Klangdichtungen der Protagonistin in ein Panorama leuchtender Klangfarben weit entfernt von modischem easy-listening oder den abgedroschenen Trends wie Fusion oder Worldmusic. Überhaupt war in der Aussage der kammermusikalischen Essenz des Ensembles keine Tendenz zu irgendeiner vergleichbaren Form des Kleinkunstjazz festzustellen. Schon allein diese besonderen Merkmale ihrer außergewöhnlichen Musik machten das erfolgreiche, enthusiasmiert applaudierte Konzert zu einem raren Erlebnis der Extrakasse.

Dass Carla Bley, die oft als musikalisches Chamäleon bezeichnet wird, einst zur exklusiven Free Jazzgarde gehörte oder sogar eine kurzlebige Rockband mit Jack Bruce gründete, war in dieser Konstellation nicht mehr präsent.

Eine besonders wichtige Rolle in dem perfekt aufeinander eingespielten Team spielte Bassist Steve Swallow (geb. 1940), der in den 1960er Jahren als einer der Ersten den E-Bass in den Jazz einführte. Sein kompaktes, gitarristisch geprägtes Spiel, das für die betörende Klangdichte des Dreiergespanns ausschlaggebend war und das zeitweise kontrapunktisch einen zweiten Bläser im Melodiebereich ersetzte sowie harmonisch durch seine polyphonischen Einwürfe die fast akkordlose, arpeggiert geprägte Begleitstrategie der Pianistin ergänzte, ist seit jeher ein wichtiger Bestandteil kleinorchestraler Gruppen von Gary Burton bis John Scofield und Pat Metheny. Solistisch überzeugend und für die klangliche Diversität der Band verantwortlich war der englische Tenor- und Sopransaxofonist Andy Sheppard, der als einziger durch längere Improvisationen im sonst streng nach Partituren festgesetzten Szenario, die Spontaneität der Leadstimme verkörperte.

Zum Schluss kam dann das anfangs von Steve Swallow angekündigte, einzige nicht aus der Feder von Carla Bley stammende Stück des Repertoires auf die Tapete. Während der 90minütigen Performance kam man nicht umhin die pianistische und kompositorische Seelenverwandschaft mit Thelonius Monk zu erkennen. In diesem Sinne klang das zupackende Konzert mit einer einprägsamen Version von Monks „Misterioso“ mit bluesigen Einlagen der drei Solisten aus, das aber mit einer wunderbar gefühlvollen Zugabe verlängert wurde und mit berechtigten Standing Ovations gebührend gefeiert wurde.