LUXEMBURG
NORA SCHLEICH

Zwischen Theorie und Praxis

Das Prinzip der sozialen Verteilungsgerechtigkeit besagt im Groben, dass durch eine an Marktwirtschaft gekoppelte Verfahrensgerechtigkeit eine gerechte Verteilung von Gütern und individueller Freiheit gesichert werden kann. Diese Definition gibt die Lesart des Philosophen John Rawls (1921–2002) wieder, der ein zugrundeliegendes soziales System als Basis der Verteilungsgerechtigkeit ansieht. In diesem Sinne soll der politischen Führung eine moralische Richtlinie mit an die Hand gegeben werden, durch welche sie Prozesse und Strukturen schafft, nach denen Rechte und Pflichten gerecht in der Gesellschaft verteilt werden. In der Theorie scheint dieses Prinzip moralisch einwandfrei. Der kanadische Philosoph Robert Hanna (*1957) hat jedoch bezüglich der praktischen Umsetzung ein Paradox feststellen können, durch welches sich durch das doch so nobel daherkommende Prinzip der Verteilungsgerechtigkeit – „justice as fairness“, um es in einem Motto auszudrücken – Ungleichheit und Unterdrückung in der Gesellschaft weiter fördern lassen. Da mich seine Auslegungen zur Reflexion animierten, würde ich Ihnen gerne das Paradox unkommentiert darlegen und mich über Gedanken ihrerseits freuen.

In einem gesellschaftlichen System gibt es, oft nicht offiziell, zwei Klassen: Diejenigen, die besser gestellt sind und Positionen einnehmen, die ihnen viel Entscheidungsgewalt zuteilen, sodass sie über gesellschaftliche Phänomene und die daran beteiligten entscheiden können, und die, die sich den Prozessen und Strukturen fügen müssen, weil es ihnen an Einfluss und Mitteln fehlt, sich in den oberen Riegen bemerkbar zu machen und gegebenenfalls Widerstand gegen den dort nicht unüblichen Machtmissbrauch zu leisten. Erstere Klasse nennt Hanna die Unterdrücker, letztere heißen die Unterdrückten.

Gibt es nun in einem sozialen Systeme Momente der Unterdrückung, wird dies früher oder später durch Unmut in der Bevölkerung zum Ausdruck kommen. Den Unterdrückern fehlt es weder an Über- noch an Weitsicht und versuchen dem so früh es geht entgegen zu kommen, schließlich haben sie nicht vor, ihre Machtpositionen alsbald aufzugeben. Ein Aufstand wäre demnach recht undienlich. Um dem Unheil ausgleichend zu begegnen, wird durch ein analytisches Verfahren eine strategisch-sinnvolle aber verhältnismäßig kleine Gruppe an Unterdrückten ausgewählt, denen ganz nach dem Prinzip der Verteilungsgerechtigkeit Zugang zu gewissen Vorteilen und etwas besser gestellten Positionen, wie etwa die eines Beamten oder eines Managers, gewährt wird. Mit diesem Schritt haben die Unterdrücker quasi zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Sie haben den Unterdrückten bewiesen, dass sie die Vorteile des gesellschaftlichen Systems auch (je nachdem) gerecht verteilen und sich um Toleranz gegenüber ihren eigenen Positionen bemüht. Letzteres geht aus einer komplexen Überlegung hervor. Die Klasse der Unterdrückten besteht zum größten Teil aus Menschen, die sich von den Unterdrückern unterscheiden, sei dies aufgrund ihrer Herkunft, Religion, sexueller Ausrichtung, politischer Ansichten oder des Bildungsniveaus. In dieser sozialen Schicht gibt es aber nichtsdestotrotz Menschen, die denjenigen in der oberen Klasse etwas ähnlicher sind, sagen wir etwa, heterosexuelle Christen. Werden gezielt diese Menschen profitieren gelassen, stärken die Unterdrücker die Akzeptanz ihrer selbst inmitten der Schicht der Unterdrückten. Cleverer Schachzug. Illustrierend dazu führt Hanna das Beispiel der Sklaverei in Amerika an. Hätten die Unterdrücker einigen auserwählten Sklaven ‚upper class‘ Positionen gewährt, also das Prinzip der Verteilungsgerechtigkeit elitär angewandt, wäre die Menge zu beschwichtigen gewesen und es wäre 1860 niemals zum Bürgerkrieg gekommen, sodass der Sklavenstaat eventuell heute noch Realität wäre.

Dass das Paradox der Verteilungsgerechtigkeit allerdings keine Illusion ist, weist Hanna am heutigen Konzernkapitalismus – im Sinne des marxistischen Kapitalismus zu lesen – auf. „Small capitalism“ sei hingegen absolut mit einem menschenwürdigen Sozialsystem zu vereinen, wenn Produktion und Eigentumsrecht darauf ausgerichtet wären, die grundlegenden Bedürfnisse und Interessen der Bürger zu befriedigen, und nicht um Großkonzernen zu immer mehr Macht und Geld zu verhelfen.

Heute ist Letzteres jedoch an der Tagesordnung und man fragt sich, warum ein solches System, bei dem es so viele Unterdrückte gibt, eigentlich noch bestehen kann? Weil, so Hanna, es die Konzernoberen geschafft haben, einen strategischen Verteilungsschlüssel auszurechnen, durch den einigen Leuten aus der Arbeiterklasse Zugang zu gewissen Teilen der Firmenführung gewährt oder ihnen Positionen mit besserer Bezahlung angeboten wurden, seien dies etwa Manager, Professoren oder Berater, die natürlich im Dienste der Konzerne walten.

Dies belegt Hanna mit einem Verweis auf eine empirische Studie, die bezüglich der Aufstellung der amerikanischen Arbeiterklasse im 20. und 21. Jahrhundert Aufschluss gibt. Dort lassen sich vielversprechende Begriffe wie „upward social mobility“ oder „equal opportunity“ wiederfinden. In der Praxis wurde die soziale Verteilungsgerechtigkeit demnach bis ins Haarsträubendste dekliniert, und wurde zum Mittel, um Konzerngewalt und -unterdrückung bis heute salonfähig zu halten.

Link zur Studie: tinyurl.com/linkstudie