LUXEMBURGCLAUDE KARGER

Weiter auf der „Insider“-Spur - Das Erpresserspiel der gut informierten „Bommeleeër“

Kurz vor Mitternacht am 27. April 1985 erschüttert eine Detonation die Gegend am Stafelter. An zwei Cegedel-Strommasten geht eine Sprengladung hoch. Die Pylonen verkeilen sich und kippen nicht um. Der Auftakt DES „Bommeleeër“-Jahres. Nicht weniger als 14-mal sollten sie 1985 zuschlagen. Zu dem Zeitpunkt war bereits ein Erpresserbrief an die Cegedel unterwegs, wie Ermittler Carlo Klein gestern in seinen Ausführungen über die Geldforderungen der Attentäter erklärte. Der Brief, der am 27. April 1985 um 22.00 abgestempelt wurde, erreichte die Cegedel-Direktion am darauf folgenden Montag. In dem in Englisch mit Schreibmaschine abgefassten Dokument bekennen sich die „Bommeleeër“ zu dem Anschlag auf Stafelter und stellen klare Bedingungen: Sie wollen 250.000 Dollar um die Finger von den Strommasten zu halten.

„Verrat wird bestraft“

Geht die Cegedel darauf ein, soll sie das signalisieren indem sie die Anzeige „cherche trefle noir avec voilier“ im „Wort“ am 10. und 11. Mai veröffentlicht. Spielt sie nicht mit, wird der Kontakt abgebrochen. „Time and space are on our side“, schreiben die Attentäter und drohen den Unternehmensverwantwortlichen falls sie mit Polizei, Gendarmerie und/oder Presse reden: „betrayal will be punished. the heads are considered to be responsible“. Später analysiert das Bundeskriminalamt das Schreiben unter anderem so: „Der Autor macht punktgenaue Querverweise innerhalb des Textes. Es ist dem Erpresser wichtig, dieses formale Element zu benutzen. Der formal sichere Umgang mit diesem Textgestaltungselement zeigt, dass der Verfasser geübt in seinem Gebrauch ist. Dieser Stil findet z.b. in Verträgen, polizeilichen oder militärischen Befehlen berechtigte Anwendung.“ Und weiter: „Angesichts des Schadens und der finanziellen Potenz der Cegedel im Vergleich zur lächerlich geringen Forderung, war eine Erpressung mit tatsächlicher Geldübergabe nicht geplant. Vielmehr geht es hier um den Aufbau einer Legende, die aber eine gewisse Zeit und zu einem bestimmten Zweck außerhalb der Erpressung aufrecht erhalten werden musste“.

Für die Cegedel, die sich trotzdem sofort in Verbindung mit den Sicherheitskräften setzte, stellt sich aber zunächst die Frage wie sie mit dem Erpresserbrief umgehen soll. Die Unternehmensleitung tendiert dazu, ihn zu ignorieren. Die Optionen werden in höchsten Kreisen, auch in der Politik und bei den Sicherheitskräften heiß diskutiert. Da knallt es, vor Ablauf der Frist, schon wieder: Am 7. Mai 1985 um 23.00 sprengen die „Bommeleeër“ einen Strommast auf Schlewenhof bei Leudelingen. Das Gewicht der Kabel lässt auch drei andere Masten umknicken, Hochspannungskabel fallen auf die Escher Autobahn.

Am Tag der höchsten Alarmbereitschaft zur Geldübergabe nach Clerf

Die „Bommeleeër“, die womöglich auf dem Laufenden über das Zaudern von Cegedel und Autoritäten waren, scheinen allerdings nicht gewusst zu haben, dass die Masten der Stadt Luxemburg gehören. Auf jeden Fall schicken sie der Cegedel-Direktion einen weiteren Erpresserbrief: Die Sprengung auf Schlewenhof sei vorgenommen worden, um sie an den „Deal“ aus dem ersten Schreiben zu erinnern. Vor Ort am nächsten Tag unterstreicht Energieminister Marcel Schlechter, die Regierung lasse sich nicht erpressen: Die Presse wird hellhörig. Derweil meint „Force Publique“-Minister Marc Fischbach vor der Kamera, dass eine Aufstockung der Sicherheitskräfte sicher übers Ziel hinaus schieße, erwähnt aber die Ausbildung von Zivilisten durch die Sicherheitskräfte für die Überwachung von Infrastrukturen. Die Anzeige im „Wort“ kommt. Am 15. Mai 1985, dem ersten Tag des Papstbesuchs in Luxemburg, einem Tag an dem die Sicherheitskräfte alle Hände voll zu tun haben, ein weiterer Erpresserbrief.

„Sie benehmen sich schlimmer als kleine Pfadfinder“

Die von den „Bommeleeër“ „MISSION ARTABELY“ getaufte Geldübergabe soll in Clerf in einer Telefonzelle stattfinden, hastig werden Gendarmen von der BMG abgezogen um dort in Wachstellung zu gehen. Es passiert nichts. Die Erpresser melden sich erst zwölf Tage später. Und machen klar, dass sie wissen, dass die Gendarmerie eingeschaltet ist. Zwei Gründe, weshalb sie ihnen nicht auf die Schliche kam: „THEY are acting worse than cup scouts; the simulated money transfer was only a game“. Die Lösung für das Worträtsel liefern sie gleich mit: „ARTABELY“ bedeutet „BETRAYAL“, also Verrat. Die Lösegeldsumme wird verdreifacht. Wieder soll die Kleinanzeige geschaltet im „Wort“ geschaltet werden, falls Cegedel „das Spiel“ mitspielen will. Insgesamt acht Erpresserbriefe gaben die „Bommeleeër“ auf. Am kommenden Montag wird Ermittler Klein näher auf jene im Zusammenhang mit der Geldübergabe im Parkhaus Theaterplatz und mit dem Attentat auf Notar Hellinckx im Februar 1986 eingehen. Eins steht fest: Die Erpresser waren sehr gut über die Bewegungen der Sicherheitskräfte und die Diskussionen hinter den Kulissen informiert. Die „Insider“-Spur lag also allein aufgrund der Erpresserbriefe auf der Hand. Und es ging nicht um Geld bei dem riskanten Spielchen,