LUXEMBURG
CLAUDE KARGER

Es könnte das letzte Verfahren gegen einen NS-Täter gewesen sein: In Hamburg stand 45 Tage lang der 93jährige ehemalige Wachmann Bruno D. im KZ-Stutthof bei Danzig wegen Beihilfe zum Mord in 5.232 Fällen und Beihilfe zu einem versuchten Mord vor Gericht.
Das Urteil fiel am Donnerstag: der Mann bekam zwei Jahre Jugendstrafe auf Bewährung. Jugendstrafe, weil er zum Zeitpunkt der ihm vorgeworfenen Taten in der Periode von August 1944 bis April 1945 gerade einmal 17 Jahre alt war. Die Staatsanwaltschaft hatte drei Jahre gefordert, keiner der rund 40 Nebenkläger - darunter Überlebende des Lagers, in dem 65.000 Menschen ermordet wurden - mehr als dieses Strafmaß. Doch die Dauer der Strafe war eigentlich von geringerer Bedeutung.
Wichtig ist, dass es überhaupt zu einem Urteil kam in einem Prozess, bei dem, 75 Jahre danach, das Grauen in dem KZ akribisch dokumentiert wurde.
Es ist ein starkes Signal, dass auch ihr hohes Alter Leute, die sich als Befehlsempfänger, als kleines Rädchen in der riesigen Nazi-Mordmaschinerie darzustellen pflegen, nicht vor einem Schuldspruch bewahrt und die deutsche Justiz auch Jahrzehnte danach ihre notwendige Arbeit verrichtet.
Eine Arbeit, die im Zusammenhang mit NS-Tätern oftmals kritisiert wurde. Denn von den rund 250.000 identifizierten Tätern wurden in den letzten Jahrzehnten nur wenige verurteilt. Die Einstellung hat sich zumindest seit dem Prozess 2011 gegen den früheren KZ-Sobibor-Wachmann John Demjanjuk geändert. Wichtig ist der Schuldspruch gegen Bruno D. aber natürlich vor allem für die Opfer - und deren Hinterbliebenen - dieser „Hölle des Wahnsinns“, wie der Angeklagte selbst in seiner Entschuldigung Anfang der Woche das Lager bezeichnete, in dem er von seinem Wachturm aus ganz genau beobachten konnte, welch‘ unfassbare Grausamkeiten Menschen anderen Menschen antun können.  Wichtig ist das Urteil insgesamt für alle Opfer der unmenschlichen Nazi-Ideologie, die in den sogenannten sozialen Medien weiterhin aufs übelste grassiert und mittlerweile selbst in Parlamenten so offen artikuliert wird, dass es einem bei verschiedenen Debatten etwa im Bundestag kalt über den Rücken läuft. Der Prozess gegen Bruno D. ist topaktuell, führt er doch vor Augen, was die Ideen von Rechtsextremisten, ihre Aufrufe zu Diskriminierung und Gewalt in letzter Konsequenz anrichten können.
Wir leben in einer angespannten Zeit der komplexen Polykrisen, in der solches Gedankengut leider zusehends Nährboden findet, während die Zeitzeugen uns nach und nach verlassen und das Gedenken an den zweiten Weltenbrand, seine Opfer und seine Ursachen zu verblassen drohen.
In diesem Jahr mussten wegen der Pandemie leider eine Menge Gedenkzeremonien ausfallen, selbst das Ende des Zweiten Weltkriegs, der Europa und andere Gegenden des Globus in Schutt und Asche legte konnte nur bedingt begangen werden, ebenso die Jubiläen der Befreiung zahlreicher KZs. Wer aber wird in Zukunft die Erinnerung an diese dunklen Zeiten aufrecht erhalten, die längst nicht ganz erforscht sind, auch in Luxemburg nicht? Von kapitaler Bedeutung bleibt, dass weiter in diesem Bereich dokumentiert und geforscht sind und der Zweite Weltkrieg noch stärker in den Schulprogrammen verankert wird.