BERNKASTEL-KUES/LUXEMBURG
PATRICK WELTER

Ein Mega-Projekt aus privater Passion - Klassikermuseum „Zylinderhaus“ in Bernkastel-Kues

So sehen Träume aus, die Realität wurden. Am Rande von Bernkastel-Kues, an der deutschen Mittelmosel, entstand in den vergangenen Jahren mit dem „Zylinderhaus“ ein ganz besonderes Automobilmuseum, das im Herbst 2017 seine Türen öffnete.

Bernkastel-Kues steht für klassischen Moseltourismus, Moselwein in seinen unterschiedlichen Ausprägungen, eine historische Altstadt und ist bei Historikern noch bekannt als Geburtsort des spätmittelalterlichen Philosophen und Theologen Nicolaus Cusanus. Nur mit klassischen Autos hat man das Städtchen noch nicht in Verbindung gebracht. Der einzige Moselaner im Auto-Olymp kam von der Untermosel. August Horch, Gründer der Marken „Horch“ und „Audi“ ist in seinem Geburtsort Winningen begraben.

Wenn man aber eine renommierte Oldtimer- und Restaurierungswerkstatt im nahen Wittlich betreibt und eine umfangreiche Sammlung an Autos, Motorrädern, Automobilia, Ladeneinrichtungen und Maschinen und Gerätschaften aller Art zusammengetragen hat, dann bietet sich der touristische Hotspot Bernkastel-Kues - auch bei Luxemburgern als Ausflugsziel beliebt - als Standort für ein Museum geradezu zwangsläufig an.

Ohne die üblichen Verdächtigen

Auf der linken Moselseite, also in Kues, entstand als ganz privates Projekt ein kompletter Museumsneubau mit einer Ausstellungsfläche von mehr als 5.000 Quadratmetern für insgesamt rund hundert Fahrzeuge, historische Ladenzeilen, Werkstätten und auch Tankstellen - das „Zylinderhaus.“

Das Museum konzentriert sich bis auf wenige Ausnahmen auf deutsche Auto- und Motorradmarken aus rund neuen Jahrzehnten. Dennoch ist die Sammlung deutlich anders als erwartet - man stolpert eben nicht über die üblichen Verdächtigen wie Mercedes 300 SL oder Porsche 356.

Natürlich gibt es Mercedes, Opel, BMW und Konsorten zu sehen, aber das Schwergewicht der Sammlung liegt auf untergegangenen oder in anderen Konzernen aufgegangenen Marken.

Bremer Allerlei

Da ist zunächst das Wirken von Carl Borgward, dessen Bremer „Gemischtwarenladen“ - so seine Kritiker - nach einem angeblich politisch initiierten Bankrott 1963 zusammenbrach. Zum Konzern gehörten Goliath-Dreiräder, Kleinwagen der Marke „Lloyd“ („Wer den Tod nicht scheut, fährt Lloyd“), Limousinen der Marke „Hansa“ und Sportlimousinen und Coupés mit dem Namen „Borgward“ - darunter die sagenhafte „Isabella“. Leichte Lastwagen gab es auch noch. Im „Zylinderhaus“ erhält man einen wunderbaren Überblick über die bunte Bremer Marke.

Ein Ost-West-Drama

Richtig spannend ist die Geschichte der „Auto-Union“ - der Marke mit den vier Ringen - deren Wagen viel Raum im „Zylinderhaus“ einnehmen. Ein historischer Krimi nicht nur für Auto-Nerds. Die Geschichte kumuliert letztendlich in der heutigen Premiummarke „Audi.“ Der Weg dorthin war verzweigt, voller Sackgassen und vom Ost-West-Konflikt geprägt. Die „Auto-Union“ entsteht 1932 auf Druck der Banken, die vier sächsischen Hersteller DKW (Kleinwagen mit Zweitaktmotor), Wanderer (Mittelklasse), Audi (Sportwagen) und Horch (Luxusklasse mit Achtzylinder-Motoren) schließen sich zur Auto-Union zusammen - vier Ringe für vier Marken. Da alle Produktionsanlagen in Sachsen liegen, bedeuten Kriegsende, russische Besatzung und Sozialismus das Ende der „Auto-Union“. Der verstaatlichte Konzern firmiert später unter IFA, seine letzte Regung wird bis 1990 der „Trabant“ sein. Die „Auto-Union“ wird 1949 im Zentrallager in Ingolstadt vom alten Management neu gegründet und produziert dort DKW mit Zweitaktmotoren nach alten Plänen. Zeitweise gibt es baugleiche Modelle von IFA (Ost) und DKW (West). Durch das Festhalten am veralteten Zweitaktmotor kommt die „Auto-Union“ 1958 in Schwierigkeiten und wird zunächst an Daimler-Benz und 1964 an VW verkauft. Erst 1965 gelingt es die Zweitakt-Fanatiker kalt zustellen. So wird aus dem letzten DKW F 102 durch den Einbau eines von Mercedes entwickelten Viertaktmotors (Mitteldruckmotor) der erste „Audi“, später „Audi 72.“ Später stößt noch Wankel-Pionier NSU hinzu.

Wer Autogeschichte erleben will und Spaß am alten Blech hat, ist im „Zylinderhaus“ genau richtig. Fahren Sie einfach mal hin!

Täglich außer montags geöffnet, Eintrittspreis: 12,50 Euro. „Zylinderhaus“, Adolf-Kolping-Straße 2, D-54470 Bernkastel-Kues - Telefon: 0049 - 6531 9737776, info@zylinderhaus.com, www.zylinderhaus.com