LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

„Kuck de Koekkoek“: Einsehbares Restaurationsatelier im MNHA bietet interessante Einblicke

Vorsichtig wird das Gemälde von seinem goldverzierten Rahmen befreit und ebenso behutsam auf einen Tisch gelegt. Das Schmuckstück aus dem 19. Jahrhundert „Vue du château de Larochette“ von Barend Cornelis Koekkoek war 2016 teils mithilfe einer Crowdfunding-Aktion vom „Musée national d’histoire et d’art“ (MNHA) erworben worden. Ein Laie erkennt nicht, warum Restaurierungsmaßnahmen von Nöten sind. Doch die Zeit hat ihre Spuren hinterlassen, genau wie frühere Restauratoren. „Wir haben viel Arbeit vor uns, 400 Stunden haben wir eingerechnet“, informiert die zuständige Restauratorin Simone Habaru. Ihr kann man bis August an jedem Mittwoch und Freitag bei der aufwändigen Tätigkeit über die Schulter schauen. Im Rahmen der „Année européenne du patrimoine culturel“ wurde in dem Museum nämlich kurzerhand ein einsehbares Restaurierungsatelier mit kompletter Ausrüstung aufgebaut.

Seltener Blick hinter die Kulissen

„Als wir das Bild vor zwei Jahren gekauft haben, war bereits klar, dass es nicht ewig in dem aktuellen Zustand gezeigt werden könnte und sich eine baldige Restaurierung aufdrängen würde. Die Idee, dies in einem öffentlichen Atelier im Rahmen des Kulturerbejahres zu tun, kam übrigens von den beiden Restauratorinnen Simone Habaru und Muriel Prieur“, erklärt MNHA-Direktor Michel Polfer. „Für mich ist es eine schöne Abwechslung, weil ich meine Zeit normalerweise in meinem fensterlosen Atelier im Lager in Schuller verbringe“, fügt Simone Habaru hinzu und lacht. Mit dem Blick hinter die Kulissen soll gleichzeitig ein Einblick in den Beruf gewährt werden.

Natürlich stehen die Besucher nicht direkt neben der Expertin, sondern beobachten sie durch ein Fenster, das übrigens von innen verspiegelt ist, immerhin erfordert die minutiöse Angelegenheit doch eine gewisse Konzentration. „Ich mache meine Arbeit genauso, wie ich sie auch sonst in meinem Atelier mache. Dazu gehört Musik - klassische oder gregorianischer Gesang gehören zu meinem Wohlfühlprogramm -, dann tauche ich ein und vergesse alles um mich herum“, erzählt Habaru.

Aktueller Firnis muss ersetzt werden

„Lediglich ein paar Tests habe ich im Vorfeld durchgeführt, um in etwa zu wissen, welche Arbeitsschritte nötig sind“, erklärt sie uns. Ein Problem sei der aktuelle Firnis, also die transparente Schutzschicht, mit der das Gemälde während einer früheren Restaurierung überzogen wurde. „Der Firnis ist zu matt und passt nicht zu einem Gemälde aus dem 19. Jahrhundert. Üblicherweise ist diese Schicht glänzender, wodurch ein Bild mehr Tiefe bekommt“, fährt sie fort. In einer ersten Etappe wird dieser synthetische Firnis demnach entfernt, was aber dazu führen könnte, dass manche Retuschen ebenfalls verschwinden. „Wir wissen noch nicht genau, was wir unter dieser Schicht vorfinden. Es geht nun aber darum, wieder möglichst nah ans Original ranzukommen“, erfahren wir. Der neue Firnis wird allerdings nicht in dem temporären Atelier aufgetragen: „Dafür ist es hier zu warm. Noch dazu sprühe ich die Schicht mit einer Spritzpistole auf. Aus Sicherheitsgründen und wegen der Abgase ist das hier nicht möglich“.

Konservierung hat Priorität

Außerdem erhält „Vue du château de Larochette“ ein neues Grundgestell. „Die momentane Spannung ist nicht gut, was aber für die Konservierung von großer Wichtigkeit ist. Dadurch dass die Spannung nachgelassen hat, sind Wellen entstanden. Die Folge ist, dass sich die Farbschicht nach und nach hebt und die Farbe im schlimmsten Fall abbröckeln kann“, gibt die Restauratorin zu bedenken und wendet das Gemälde, um uns einen Blick auf den Bildrücken zu gewähren. Wir erkennen diverse aufgeklebte Flicken, von denen sich manche bereits zu lösen beginnen. „Insgesamt wurden zwölf Risse festgestellt, die nicht gesichert sind und deshalb leicht komplett reißen könnten. Die Flicken werden entfernt und die Risse fachgerecht neu verklebt. Die Malschicht ist erst einmal nicht prioritär, sondern die Konservierung“, sagt Habaru.

Geduldsarbeit mit Mikroskop

Einen Großteil der Zeit wird sie am Anfang vor dem Mikroskop verbringen und sich mit den Bildrändern beschäftigen, beziehungsweise mit dem, was sich unter der dünnen Schutzschicht befindet. „Ich muss mich langsam herantasten und erst einmal eine Bestandsaufnahme aller Probleme des Werks machen“, bemerkt sie und zeigt auf ein an der Wand hängendes Transparentpapier. Auf diesem „Calque“ skizziert sind alle Konturen der Bildlandschaft. Mit roter Farbe werden nun die Risse eingezeichnet, und mit dem grünen Stift die Retuschen markiert. Sie erkennt man übrigens erst mithilfe einer UV-Lampe.

„Im oberen Bildbereich wird es spannend, ich befürchte nämlich, dass der Himmel quasi ganz übermalt wurde. Natürlich bereitet einem das Kopfzerbrechen, weil man nicht weiß, was darunter zum Vorschein kommt, beziehungsweise ob überhaupt noch etwas vom Original übrig ist. Das versuche ich jetzt, anhand von Stichproben herauszufinden“, beschreibt die Fachfrau. Es sei eine Geduldsarbeit, vor der sie aber keine Angst habe. „Wir hatten schon härtere Nüsse zu knacken“, bemerkt sie. Mit zu großen Überraschungen rechnet sie jedenfalls nicht. Oder doch? „Ich weiß nicht, was am Himmel los ist“, antwortet sie lachend.

ZUM EUROPÄISCHEN KULTURERBEJAHR

Große Programmvielfalt

Ein möglichst breites Publikum für das Kulturerbe sensibilisieren: Das ist das Ziel der „Année européenne du patrimoine culturel“, deren Programm um die drei Thematiken „éducation/sensibilisation“, „développement durable“ und „nouvelles technologies“ aufgebaut wurde. Projekte, die für das Label in Frage kommen, können übrigens immer noch eingereicht werden. Im MNHA wird in diesem Kontext ein Mix aus eher traditionellen Museumsaktivitäten - Ausstellungen mit Rahmenprogramm - und innovativeren Konzepten geboten. Neben „Kuck de Koekkoek“ (bis zum 17. August an jedem Mittwoch und Freitag von 10.00 bis 12.00 sowie von 14.00 bis 17.00) sind dies beispielsweise zwei Workshops für Erwachsene („L’atelier de peinture du 17e siècle“ sowie „Art in Transit“). Außerdem werden zwei neue thematische Rundgänge angeboten („Luxembourg for Kids“ und „Luxembourg for Beginners“) sowie eine Entdeckungstour unter dem Motto „A l’assaut du Kirchberg“.

Das komplette Programm unter www.patrimoine2018.lu